Andechs/Landsberg:Zurück in die Zukunft

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Andechs/Landsberg: Weitgehend im Originalzustand: Der erstaunliche Elektro-Oldtimer von Hermann Redl wird fast wie eine Kutsche mit Zügeln gelenkt.

Weitgehend im Originalzustand: Der erstaunliche Elektro-Oldtimer von Hermann Redl wird fast wie eine Kutsche mit Zügeln gelenkt.

(Foto: Herkomer-Konkurrenz/oh)

An der Herkomer-Konkurrenz nimmt diesmal auch ein Elektroauto von 1913 teil, das mit einer Batterieladung 300 Kilometer weit kommt. 52 Fahrzeuge werden zur ältesten Tourenwagen-Rallye der Welt erwartet, sie können am Samstag in Andechs und Raisting bestaunt werden

Von Armin Greune, Andechs/Landsberg

Mindestens 88 Jahre alt müssen sie sein: Die automobilen Veteranen, die an der Herkomer-Konkurrenz am kommenden Wochenende teilnehmen. Die Route dieser ältesten Tourenwagen-Rallye der Welt führt am Samstag wieder in die Gegend um den Ammersee: Vor der Andechser Klostergaststätte und am Radom der Raistinger Erdfunkstelle bietet sich Oldtimerfreunden die Gelegenheit, die 52 historischen Gefährte in Ruhe zu betrachten. Mit von der Partie ist auch ein Wagen, der zwar 105 Jahre auf dem Buckel hat, aber dennoch die Zukunft des Automobils verkörpern könnte: Das Detroit Electric 90 Coupé von Hermann Redl mit der Startnummer 12 ist das älteste in Deutschland zugelassene Elektromobil.

Was heute kaum mehr jemand weiß: Vor dem ersten Weltkrieg wurden in den USA fast die Hälfte aller Autos von Batterien angetrieben. Und das, obwohl die Stromer "für damalige Verhältnisse sehr teuer waren", sagt Redl: Für den Kaufpreis von 3000 Dollar konnte man zehn Benziner erwerben. Dafür wartete der Detroit Electric mit unkomplizierter Technik und einfacher Handhabung auf: "Statt eines Lenkrads hat der Wagen rechts einen Hebelzug, mit dem er wie eine Kutsche mit Zügel gesteuert werden kann. Und mit dem Hebelzug links wird beschleunigt oder abgebremst", erklärt Redl. Sein Elektro-Schnauferl braucht keine Kupplung; mit einem simplen Schalter lässt sich der Motor für Vorwärts- oder Rückwärtsfahrt umpolen, so dass der Detroit Electric in beide Richtungen gleich schnell fährt. Ein Kaufargument war damals auch, dass der Wagen nicht wie ein Benziner angekurbelt werden musste. Dem Rollenklischee der Zeit entsprechend sei der Detroit Electric "vor allem ein Frauenauto gewesen", sagt Redl. Eine berühmte Besitzerin war Dorette Duck: Die Oma von Donald steuerte noch in den Comics der 1950er so einen Oldtimer.

Bemerkenswert ist auch der im rechten Winkel zur Fahrtrichtung platzierte Beifahrersitz. Aus heutiger Sicht aber am erstaunlichsten ist die Reichweite des Wagens, der ja noch mit Bleiakkus bestückt war. In der Werbung wurde sie mit 130 Kilometer angegeben, in Praxistests aber wurden bis zu 340 Kilometer pro Ladung erreicht. Eine derartige Tiefstapelei wäre bei modernen Herstellern undenkbar. Freilich sind auch die Fahrleistung des Detroit Electric nicht mehr zeitgemäß: Mit dem 8 kw-Antrieb ist eine Spitze von 40 Stundenkilometer möglich, sagt Redl: "Aber jeder ist beeindruckt, wie der anzieht."

Der leidenschaftliche Oldtimersammler hat das E-Mobil erst vor zwei Monaten gekauft - von einem Gleichgesinnten, der es nur schweren Herzens abgab. Redl besitzt nach eigenen Angaben etwa zehn historische Autos. Bei der Herkomer-Konkurrenz ist auch sein Hotchkiss Paris Torpedo von 1928 dabei, den sein Sohn Wolfgang steuert. Der Detroit Electric aber hat die Organisatoren so beeindruckt, dass sie die Touren erstmals mit Elektrofahrzeugen begleiten, die von Autohäusern bereit gestellt werden. Man wolle so visionär denken und "den Blick in die Zukunft wagen, wie einst Sir Hubert von Herkomer", sagt Veranstaltungsleiterin Heike Eisele.

Der Landsberger Maler, Bildhauer, Musiker und Filmemacher war begeistert vom technischen Fortschritt und ein Pionier des Automobilsports. Von 1905 bis 1907 organisierte er dreimal den nach ihm benannten Zuverlässigkeitswettbewerb für Tourenwagen - unter reger Beteiligung des Hoch- und Geldadels. Herkomer selbst gestaltete den 40 Kilogramm schweren Pokal aus Sterlingsilber, der noch heute als wertvollster privater Automobilpreis der Welt gilt. Seine Rallye rief damals ähnlich reges Publikumsinteresse hervor wie heute die Formel 1 und trug erheblich zur Popularität des Automobils in Deutschland bei. 1997 wurde die Rallye als Oldtimer-Tour wieder aufgenommen; sie findet seitdem meist im Zweijahresrhythmus statt. Start und Ziel ist stets Landsberg.

Heuer führt die Strecke an diesem Freitag nord- und westwärts über Herkomers Geburtsort Waal. Am Samstag sind 130 Kilometer im Landkreis Landsberg und im Fünfseenland zurückzulegen. Um 9.32 Uhr sollen die ersten rollenden Antiquitäten Utting erreichen, über Schondorf und Eching geht es weiter nach Inning (10.13 Uhr), Hechendorf, Oberalting (10.30), Unering, Hardorf, Perchting (10.44), Drößling, Frieding und Widdersberg nach Andechs, wo von 11.07 Uhr an eine eineinhalbstündige Mittagspause in der Klostergaststätte und eine Wertungsprüfung vorgesehen sind. Danach fahren die Schnauferl über Fischen nach Raisting, wo am Radom von 12.50 Uhr an ein weiterer Stopp geplant ist. Über Dießen (13.28) geht es zurück nach Landsberg. Dort werden die Autos auf dem Hauptplatz von 14.30 Uhr an präsentiert.

Alle Zeitangaben sind ohne Gewähr, verkehrsbedingte Verzögerungen oder Pannen lassen sich verständlicherweise nicht ausschließen.

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