Katastrophenschutz:Wie sich der Landkreis Starnberg für die nächste Krise rüstet

Die Behörde hat ein neues Katastrophenschutzlager in Machtlfing eingerichtet und die Bestände während der Pandemie kräftig aufgestockt. Auch wenn die Region von Unglücken verschont bleibt, ist dort erstaunlich viel los.

Von Carolin Fries

142 000 FFP-Masken in Kartons, Tausende Liter Desinfektionsmittel auf Paletten, fünf Schneeschaufeln in einer Gitterkiste, zwölf Kochtöpfe, vier Schöpfkellen, drei Pfannen, verstaut in Transportkisten: Das ist nur ein kleiner Teil der vielen Utensilien, die der Landkreis für den Notfall bereithält und über die Ralf Purkart aus dem Landratsamt wacht. Mit einem Klemmbrett in der Hand geht er im neuen Katastrophenschutzlager in Machtlfing an den Regalen und auf dem Boden gestapelten Kisten vorbei. Der 61-Jährige weiß genau, was sich auf den 1200 Quadratmetern in welcher Ecke befindet und wofür man es brauchen könnte. Nur vor einer Holzkiste mit aufgewickelten weißen Stoffbahnen bleibt er stehen und verdreht genervt die Augen. "Die Aiwanger-Rollen!" Ob die noch jemals gebraucht werden?

Einfach ausmisten darf Purkart die Stoffrollen nicht, die der Wirtschaftsminister zu Beginn der Corona-Pandemie zum Nähen von Schutzmasken bayernweit verteilen ließ. "Gehören ja schließlich dem Freistaat." Wie auch die zusätzlichen Zelte, Feldbetten, Kissen und Decken, die vor sechs Jahren zur Unterbringung von Flüchtlingen angeschafft wurden, und zuletzt die ganzen Schutzmaterialien für den Kampf gegen Corona: Schutzkittel, Masken, Visiere, Handschuhe und die vielen Kanister und Flaschen mit Desinfektionsmitteln, zusätzlich mehrere Rollwagen zur Ausstattung von Behelfskrankenhäusern.

Katastrophenschutz: Ralf Purkart steht ander Hochleistungspumpe, die über Wasserrohre pro Minute 8000 Liter Wasser wegschaffen kann.

Ralf Purkart steht ander Hochleistungspumpe, die über Wasserrohre pro Minute 8000 Liter Wasser wegschaffen kann.

(Foto: Arlet Ulfers)

Wohin mit dem ganzen Kram, wenn er nicht mehr oder noch nicht benötigt wird? Vor sechs Jahren hat der Landkreis zwei große Hallen auf dem Sonderflughafen in Oberpfaffenhofen gemietet, doch dort gab es weder eine Heizung noch Toiletten oder fließend Wasser. Deshalb nun der Umzug in die ehemaligen Räume einer Druckerei, wenn auch erneut als "Interimslösung" wie Purkart sagt.

Langfristig will der Landkreis ein Katastrophenschutzzentrum errichten, ein Grundstück in Frieding ist bereits gekauft. Wann Purkart mit dem Bau rechnet? Er zuckt die Schultern, erwähnt die schlechte Finanzlage des Landkreises und drängendere Projekte. Er scheint zu ahnen, dass das Provisorium für einen längeren Zeitraum herhalten muss. Die großen Lastwagen und Gefährte haben in der Halle keinen Platz und auch der nagelneue Anhänger, auf dem die zwei Gabelstapler des Lagers nach Machtlfing umgezogen wurden, steht vor der Tür. Ein Unterstand auf der Wiese gegenüber wäre vielleicht möglich - doch lohnt sich eine so große Investition in ein Provisorium?

Bevor der Landkreis 2015 wöchentlich 56 Asylbewerber zugewiesen bekam und mit der Corona-Pandemie landesweit der Katastrophenfall galt, war die Liste auf Purkarts Klemmbrett wesentlich überschaubarer. Gesetzliche Vorgaben, was die Landkreise für mögliche Katastrophen vorhalten müssen, gibt es nicht, "das entscheiden wir selber". Also gibt es Notdächer, falls ein Sturm Häuser abdecken sollte, Biergarnituren, Drähte zum Verdrillen von Sandsäcken, Dieseltanks und Kraftstoffkanister, Schaufeln, Pickel, Eimer, Kochautomaten, Stromverteiler, Schilder, Planen, Hygiene-Sets, Rüstholz und eine Hochwasserpumpe, die in einer Minute 8000 Liter Wasser schafft. Für Fälle der Vogelgrippe und der Afrikanischen Schweinepest gibt es Boxen mit Schutzkleidung und Werkzeugen für die Beseitigung der Tierkadaver.

Im Regal steht außerdem eine Sirenenanlage, um die Menschen von einem Fahrzeug aus flächendeckend alarmieren zu können. Von den früher 164 Sirenen im Landkreis sind schließlich nur mehr 44 übrig - lediglich fünf können das Warnsignal absondern. An das letzte Mal, als es richtig brenzlig war, erinnert sich Ralf Purkart noch gut. 22 Jahre ist das jetzt her, als der Landkreis nach sintflutartigen Regenfällen unter Wasser stand. "Im Landratsamt war man kurz davor, den Katastrophenfall auszurufen", erzählt der 61-Jährige, der damals noch das Ausländeramt leitete. 2500 Helfer kämpften rund um Ammersee und Starnberger See gegen die Wassermassen. Es wäre das erste Mal gewesen, dass der Landkreis ein Ereignis feststellt, "bei dem Leben oder Gesundheit einer Vielzahl von Menschen oder die natürlichen Lebensgrundlagen oder bedeutende Sachwerte" gefährdet sind, wie das bayerische Gesetz eine Katastrophe definiert. "Die klassische Katastrophe etwa durch Hochwasser, Lawinenabgang oder Flugzeugabsturz gab es noch nie", so Purkart. Doch etwa einmal im Jahr gibt es größere Einsätze unter Beteiligung mehrerer Hilfsorganisationen, die unter den Katastrophenschutz fallen - zum Beispiel wenn eine Chlorgasanlage im Schwimmbad ein Leck hat.

Und doch ist im Lager in Machtlfing regelmäßig was los, weil die elektrischen Geräte gewartet werden müssen, die gereinigte Zeltplane von der Corona-Teststation in Gilching angeliefert wird oder jemand von der Kreisbrandinspektion da ist, die mit Schulungsräumen für die Feuerwehren und dem Kreisbrandarchiv auf 340 Quadratmetern im ersten Stock des Lagers untergekommen ist. Regelmäßig wird außerdem über die Regierung von Oberbayern ein Feuerwehrhilfekontingent von 100 Personen zur Unterstützung in benachbarten Krisengebieten angefordert, das sich im Katastrophenschutzlager ausstattet.

2001 machten sich Helfer auf den Weg nach Dresden ins Überschwemmungsgebiet, 2005 ging es nach Garmisch an die Loisach, 2006 schaufelte man Schnee von den Dächern, in den vergangenen zehn Jahren kämpften Hilfskräfte aus dem Fünfseenland bayernweit gegen Wassermassen. "Die müssen dann mehrere Tage autark zurecht kommen", sagt Purkart. Zuletzt wurden deshalb Speisewarmhaltebehälter angeschafft - für ein kleines bisschen Luxus in der Katastrophe. Was sonst noch fehlt? Die Anschaffung einer Drohne wird diskutiert, mit der bei Bränden leichter Personen in Gebäuden oder versteckte Glutnester ausgemacht werden könnten, für die es aber auch entsprechend qualifiziertes Personal bräuchte. Immerhin: Lagertechnisch sollte es keine Probleme geben.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB