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Freizeit:Andechs liegt jetzt am Ammersee

Die vielen Badegäste im Andechser Strandbad freuen sich über den neuen Steg und den bequemen Zugang ins Wasser.

(Foto: Arlet Ulfers)

Der Ort liegt hoch über dem See und ist für sein Kloster weltbekannt. Doch er besitzt auch ein 400 Meter kurzes Stück Ufer - und nun sogar einen eigenen Steg.

Von Astrid Becker

"König Karl" nennt es einen Glücksmoment. Der frühere Landrat Roth trägt diesen Titel seit Dienstag. Sein Nachfolger im Amt, Stefan Frey, hat ihn ihm verliehen. Aus gutem Grund: Roth hat mindestens fünf Jahre dafür gekämpft, dass seine Heimatgemeinde Andechs wieder einen Steg bekommt - am Ammersee ein nahezu unmögliches Unterfangen. Deshalb strahlt Roth auch über das ganze Gesicht, als er an diesem Vormittag im "Froschgartl" bei der Einweihung des neuen Stegs dabei ist. Tatsächlich ist es gewissermaßen ein geschichtsträchtiger Tag, denn mit den Nationalsozialisten und dem Zweiten Weltkrieg war der "Andechser Steg" verschwunden, an dem seit etwa 1880 Pilger von Dießen an das andere Seeufer übersetzten.

Insofern verwundert es nicht, dass dem früheren Landrat von Starnberg an diesem Tag viele Ehren zuteil werden. Landrat Frey nennt ihn nicht nur König, sondern tauft den neuen Steg aus Eiche und Lärche gleich auf den Namen "FKK-Steg", nicht wegen Nacktbadern, wie er betont, sondern vielmehr bedeute das ausgesprochen: "Für König Karl". Auch der amtierende Bürgermeister von Andechs, Georg Scheitz, grinst bis über beide Ohren: "Das ist ein Tag zum Freuen, wir bekommen endlich wieder einen Steg und müssen als Kommune nicht einmal was dafür bezahlen." 10 000 Euro für den Steg stammen von der Sparkassenstiftung, die Roth 2018 von der Finanzwürdigkeit des Vorhabens überzeugt hatte. Und deshalb gibt auch Scheitz dem Steg einen besonderen Namen: "Zum Charly": Eine Doppeldeutigkeit, die Roth sehr gefällt, spielt sie doch auf seinen Spitznamen "Carlo" an, aber auch auf "Checkpoint Charlie", dem einstigen Grenzübergang zwischen Berlin Ost und West und Schauplatz vieler spektakuläre Fluchten aus der damaligen DDR.

400 Meter weiter vom heutígen Strandbad gab es einst eine Anlegestelle für Pilger. Wartaweil gehörte damals zum heutigen Andechser Ortsteil Erling.

(Foto: Arlet Ulfers)

Auch wenn diese Analogie vielleicht etwas hinkt, ist trotzdem eines richtig: Wer hier vom Ufer auf die Planken steigt, übertritt automatisch eine Grenze - die vom Landkreis Starnberg zum Landkreis Landsberg. Daher war auch der Nachbarlandkreis am westlichen Ammersee in das Vorhaben involviert, ein Umstand, auf den der dortige Landrat Thomas Eichinger bei der Einweihung hinweist. Der gesamte Ammersee liegt in seinem Zuständigkeitsbereich sowie in dem der Bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung, vor allem aus Gründen des Naturschutzes sind neue Stege im Ammersee quasi unmöglich. Zuletzt war das nur dem Landkreis Landsberg selbst gelungen, einen Steg in St. Alban für die Ruderer des Dießener Ammerseegymnasiums und des SC Riederau zu bauen: "Aber auch nur, weil dieser öffentliche Zwecke erfüllt", wie Roth sagt. "Und das tut unser Steg ja auch, er ist ja für alle da."

Für nicht Ortskundige oder nicht heimatkundlich bewanderte Menschen im Landkreis Starnberg dürfte die Tatsache, dass eine Gemeinde, die weit über dem Ammersee liegt, einen Steg bekommt, dennoch etwas merkwürdig klingen. Doch die Sache hat historische Gründe: Früher, noch vor der Nazi-Diktatur und vor dem Zweiten Weltkrieg, war die Gemeinde Erling - also der Ort unterhalb des Klosters - wesentlich größer: Seine Flur erstreckte sich vom heutigen "Froschgartl" oder "Andechser Strandbad" in Richtung Herrsching, also quasi über ganz Wartaweil hinweg.

Der frühere Landrat Karl Roth (Mitte) hatte jahrelang für einen Wasserzugang gekämpft.

(Foto: Arlet Ulfers)

Der Andechser Ortschronist, Karl Strauß vom Heimatverein, erzählt von den Nationalsozialisten, die sich in Herrsching niedergelassen und daher das östliche Seeufer für sich beansprucht hätten: "Etwa 400 Meter Seezugang haben sie uns noch gelassen." Bis dahin jedoch seien Pilger von Dießen aus über den See gefahren, seien am damals noch vorhandenen und später wahrscheinlich eingebrochenen Steg etwa 400 Meter weiter nördlich ausgestiegen. Ein etwas grimmiger Flößer soll dort seinen Dienst verrichtet haben. War das Schiff voll, soll er die Fahrgäste mit den Worten "Wart's a Weil'" beruhigt haben. Das soll dem heutigen Herrschinger Ortsteil Wartaweil den Namen gegeben haben. Ob die Geschichte wirklich stimmt, kann auch er nicht sagen: "Aber schön ist sie doch, oder?" Und Herrsching hätte von der Umwidmung der Nazis profitiert: "Das ist gleich zwei Fünftel größer geworden."

Ein Seezugang ist der Gemeinde aber geblieben, auch wenn das Strandbad selbst auf dem Gelände der Bayerischen Staatsforsten liegt, die es wiederum dem Erholungsflächenverein verpachtet hat. Dessen Vorsitzender war Roth einst, als er die Idee mit dem Steg hatte: "Umgesetzt werden konnte das auf Landratsebene", sagt er selbst. Viele Stunden Verhandlungen mit diversen Behörden habe der Plan verschlungen, ehe in diesem Frühjahr mit dem Bau begonnen werden konnte.

Einen treuen Fan hat der neue Steg bereits: Erich Ernst aus Fischen. Er geht nahezu jeden Tag an dieser Stelle schwimmen, auch im Winter, bisher über den kiesigen Untergrund im Uferbereich: "Jetzt geht es ganz bequem und barfuß. Großartig." So werden es künftig vermutlich auch viele andere Badenden empfinden.

© SZ vom 21.07.2021
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