Das Einhorn ein Fabelwesen? Von wegen. Wer einen Beweis für seine Existenz sucht, muss nur die „Alte Apotheke“ gegenüber der Wallfahrtskirche in Andechs betreten, die nun als Museum wiedereröffnet wurde. An der Decke des Barockbaus prangt ein Fresko, das eindeutig ein Einhorn – einen Schimmel mit einem imposanten langen Horn – zeigt, und zwar als Teil einer Szene, die die Schöpfungsgeschichte illustriert. Einst wurden dem Horn heilende Kräfte zugeschrieben.
Welche genau, das erklärt Heinrich Breitenacher, der letzte Mönch, der vor der Säkularisation die Klosterapotheke leitete. Sein Porträt hängt gerahmt an der Wand. Dank Künstlicher Intelligenz erwacht es plötzlich zum Leben und beginnt zu sprechen. Mit leicht altertümlicher Sprache nimmt der virtuelle Geistliche die Besucher mit auf eine Zeitreise zu den Geheimnissen der Alten Apotheke. Das Horn, zu Pulver verarbeitet, „stärket das Herz“ und helfe gegen allerlei Leiden. Wo man das Wundermittel heute herbekommt, darüber schweigt der Mönch. Er verrät jedoch, dass es sich damals häufig um das Horn eines Narwals aus dem Polarmeer gehandelt habe.
Die Alte Apotheke stammt aus dem Jahr 1767. Der Klosterberg war zuvor für die Brauerei unterkellert worden. Um sie vor eindringenden Regen zu schützen, errichtete man darüber die Apotheke, quasi als Dach. Im Erdgeschoss lagen die Arbeitsräume, im ersten Stock die Kräuter auf dem Trockenboden ausgebreitet. Nachdem im Zuge der Säkularisation das Kloster 1803 aufgelöst wurde, wurde das Gebäude als Pfarrbüro genutzt – bis Anfang der 2000er Jahre. „Ich war selbst als Kaplan hier“, erinnert sich Abt Johannes Eckert, der seit 2003 dem Benediktinerkloster St. Bonifaz in München und Andechs vorsteht. Äußerst mühsam sei es gewesen, die Gläubigen für Firmgruppen, Trauergespräche oder anderes auf den Berg zu holen. Schließlich zog das Pfarrhaus hinunter ins Dorf. Einige Jahre stand das Gebäude leer, während man nach einer neuen Nutzung suchte. Da kam „TimeRide“ ins Spiel, ein Kölner Start-up, das klassische Führungen mit Tour- und Audio-Guides zu Virtual-Reality-Zeitreisen ausbaut.
Vor zwei Jahren realisierte die Firma bereits eine Brauereiführung mit VR-Elementen. Jetzt gibt es Teil zwei: Mit „Wissen, Wunder, Wirkung“ wird die Klosterapotheke Bühne für eine weitere Zeitreise – „eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart“, wie „TimeRide“-Geschäftsführer Jasper Bröker bei der Eröffnung sagte. Die Teilnehmer nehmen in roten Samtstühlen Platz, die einem barocken Chorgestühl nachempfunden sind. Nachdem die VR-Brille aufgesetzt ist, ist man plötzlich mittendrin in einer animierten Zeitreise, die hunderte Jahre zurückführt und über die Heilkunst von annodazumal aufklärt. Es eröffnet sich eine 360-Grad-Sicht auf das alte Andechs. Man sieht unbefestigte Straßen, Müll, Ratten huschen durchs Bild und die Menschen kämpfen sich durch ihren kargen Alltag, der oft von Krankheiten wie Pest und Lepra geprägt sind und Adel, Klerus und Volk gleichermaßen trifft.



„Wallfahrt und Medizin gehören zusammen“, hat Abt Eckert zuvor erklärt. Die Benediktiner hätten sich seit jeher um Kranke und Schwache gekümmert. Der ganzheitliche Ansatz, heute im Trend, ist keineswegs eine Erfindung der Neuzeit. „Der ganze Mensch, die Einheit von Körper und Seele, liegt der klösterlichen Heilkunst zugrunde.“
Die Deckenfresken der Alten Apotheke zeigen biblische Motive, die Krankheiten und Heilungen thematisieren: den Barmherzigen Samariter, die Heilung eines Gelähmten, den Wanderstab, den eine Äskulapnatter umwindet. „Virtus de illo exibat et sanabat omnes“, lautet eine Inschrift. „Kraft ging von ihm aus und heilte alle“, übersetzt der Abt. Viele biblische Geschichten erzählen, wie Menschen durch Glauben und Gebet gesund wurden. Darauf hoffen bis heute viele der Pilger, die seit dem zwölften Jahrhundert auf den Heiligen Berg ziehen. Doch mit der Zeit setzte sich auch die Erkenntnis durch: Zum Beten darf ruhig Medizin dazukommen.
Spiritualität und Medizin waren in der damaligen Zeit eng miteinander verbunden. In der Klosterapotheke konnten sich Wallfahrer mit Heilkräutern und Arzneien versorgen. Und wer besonders festen Glaubens war, schluckte ein Andachtsbildchen eines passenden Schutzpatrons in der Hoffnung auf Schutz vor der jeweiligen Krankheit – das erfahren die Besucher aus dem Audio-Guide, mit dem der erste Teil der Zeitreise beginnt. Dabei werden die Besucher durch die originalgetreu gestalteten Apothekerräume geleitet. In der Offizin, der alten Werkstatt, stehen in Vitrinen Fayence-Gefäße mit Aufschriften wie „Oleum Zinci“, „Piper“, „Balsam Vitae“, Kräuterbüschel hängen zum Trocknen an Haken, auf dem Rezepturtisch stehen Balkenwaage, Mörser und eine Retorte. Nebenan, im Laboratorium, wurden einst die Mixturen gemischt. Manche enthielten bis zu 200 Ingredienzien aus den Bereichen „Mineralia“, „Animalia“ und „Vegetabilia“. Dazu zählt etwa der Mönchspfeffer, den die Mönche einnahmen, um dem Keuschheitsgelübde treu zu bleiben.


Auch alchemistische Verfahren wie die Destillation kamen zum Einsatz, um ätherische Öle und Heilwässer zu gewinnen. In einer alten Schrift, die als Faksimile in einer Vitrine liegt, liest man, worauf die Heilkunst damals fußte: Der Mensch, so die Lehre, besteht aus vier Säften: Schleim, Blut, gelbe und schwarze Galle. Nur wenn alle im Gleichgewicht sind, ist er gesund. Um das zu erreichen, empfahl der Medicus gern auch mal einen Aderlass.
Das heutige Inventar ist historisch, aber nicht original. Nachdem das Kloster aufgelöst wurde, wurde alles nach München geschafft, berichtet Abt Eckert. Damals seien so viele Klöster aufgegeben worden, dass Bayern von Kirchenschätzen überflutet war. „Sie haben sogar mit Büchern Schlaglöcher ausgebessert“. Ein letzter Tipp aus der Klosterapotheke – garantiert ohne Nebenwirkungen: Gegen nächtliches Schnarchen soll es helfen, den Zahn eines Hengstes unter das Kopfkissen zu legen.
„Wissen, Wunder, Wirkung“ ist dienstags bis sonntags (ab Juli täglich) von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Tickets können online reserviert werden.

