bedeckt München 26°

Andechs:Anregungen für spirituelle Wanderer

Der 85-jährige Alt-Abt Odilo Lechner präsentiert mit seinem reich bebilderten Buch "Der Andechser Kreuzweg" eine modern anmutende theologische Interpretation der 14 Stationen auf dem Weg zum Heiligen Berg

Heutzutage würde man es wohl eine "Nacht-Challenge" nennen: Von Benediktinermönch Daniel Bonifatius zu Haneberg wird berichtet, dass er oft des Nachts von der Abtei St. Bonifaz in München zu Fuß nach Kloster Andechs ging. Gibt man diese Strecke bei Google Maps ein, so beträgt sie stolze 38,6 Kilometer und wird dort mit einer Gehdauer von achteinhalb Stunden angegeben. Der Weg führt am Waldfriedhof in Fürstenried vorbei, auf der Forst-Kasten-Allee Richtung Gauting, von dort über Reismühle und Mamhofen nach Seewiesn - und schließlich nach Andechs. Eine stolze Strecke, die der 1854 zum Abt von St. Bonifaz und Andechs gewählte Benediktiner da bewältigte. Leicht vorzustellen auch, mit welcher Freude er das letzte Stück der Anhöhe, auf der seit 1870 die Friedenskapelle steht, bis hin zum Kloster zurücklegte. Genau dieses Wegstück wurde 1875 als Andechser Kreuzweg angelegt. Da war Daniel Bonifaz zu Haneberg zwar bereits seit drei Jahren Bischof von Speyer. An der Gestaltung des Kreuzweges hat er dennoch wesentlichen Anteil.

Wie Alt-Abt Odilo Lechner - er stand beiden Klöstern bis 2003 vor - am Donnerstag bei der Vorstellung seiner Broschüre "Der Andechser Kreuzweg" berichtete, hat Haneberg die Bibelstellen an den vierzehn Stationen des Kreuzweges ausgesucht. Die Kreuzwegstationen entwarf der Bildhauer Fidelis Schönlaub, ein Schüler Ludwig von Schwanthalers, der diesem in der Leitung der Akademie der bildenden Künste in München nachfolgte und neben vielen Kirchen auch an der Ruhmeshalle der Bavaria mitwirkte. Gestiftet worden war der Andechser Kreuzweg von der Münchner Hofdrechslerwitwe Anna Stoffel. In seinem Büchlein, das in jeden Rucksack oder in die Jackentasche passt, erzählt der 85-jährige Lechner vom Ursprung der Kreuzwegandachten und gibt zu jeder einzelnen Station eine theologische Interpretation.

Andechs, am Kreuzweg zum Kloster

Im Hintergrund verschwindet Andechs im Nebel, davor liegt der Kreuzweg zum Kloster.

(Foto: Georgine Treybal)

Begründet wurde die Tradition der Kreuzwegandacht von Pilgern in Jerusalem, die den Weg Jesus vom Palast des Pontius Pilatus hinauf nach Golgota nachgingen und Textstellen aus dem Neuen Testament hinzuzogen. Im Spätmittelalter setzte sich der Kreuzweg mit vierzehn Stationen durch. Auch heute werden noch Kreuzwege angelegt, berichtet Lechner. Sie warten oft mit einer fünfzehnten Station ("Jesus ist auferstanden") auf. Doch die ersetze in Andechs die prachtvolle Wallfahrtskirche, meint der emeritierte Abt.

Zur dritten Station ("Jesus fällt zum ersten Mal") schreibt Lechner: "Wir erleben es täglich in den Medien: Ein Sportler, ein Wirtschaftler, ein Politiker wird hochgelobt, steht auf dem Siegespodest. Doch wie schnell kehrt sich die Betrachtung um: Er wird geschmäht, weil er nicht mehr Erster ist, weil seine Fehler bekannt geworden sind, weil er nicht mehr interessant ist. So blicken die Menschen auf Jesus, der unter der Last zur Erde gesunken ist, aber das Kreuz nicht los lässt, nicht verzweifelt ist." Seine Gedanken zu den Bibelstellen Hanebergs sind im Übrigen sehr modern: Sie können dem spirituellen Wanderer auch als Anregung zu weiteren Gedankengängen und Meditation dienen.

Moderne Gedanken zu einer jahrhundertealten Tradition: Odilo Lechner präsentierte in Andechs das Buch "Der Andechser Kreuzweg".

(Foto: Arlet Ulfers)

Josef Fink, in dessen Kunstverlag das Büchlein in einer Auflage von 1000 Stück erschienen ist, schwärmte bei der Präsentation jedenfalls von Lechners Texten, die kaum einer Korrektur bedurften. Darum sei auch die schnelle Realisierung der reich bebilderten Broschüre in knapp sechs Wochen möglich gewesen. Die stimmungsvollen Fotos stammen von Münchner Architekturfotografen Siegfried Wameser.