Vielleicht liegt es ja in der Familie. Auch wenn man bei Levin Weigelt eher weniger von klassisch-konventionellen Strukturen ausgehen kann. Und vermutlich ist das auch ganz gut so. Zumindest schießt einem dieser Gedanke in den Kopf, wenn man den jungen Mann mit den blonden Haaren erzählen hört. Wobei das Wort „erzählen“ etwas zu hoch gegriffen ist: Wenn es um ihn selbst geht, legt Weigelt nicht gerade die Eigenschaften einer unermüdlichen Plaudertasche an den Tag. Eher zurückhaltend gibt er die Antworten auf all die Fragen, die sich aufdrängen.
Es ist ein ganz normaler Wochentag. Levin Weigelt sitzt in einem funktional eingerichteten Büro in Schondorf am Ammersee. Schwarzer Stuhl, heller Schreibtisch. Vor sich das obligatorische Laptop, ergänzt durch einen größeren Bildschirm. An der Wand hängt ein Zettel: Vermerkt ist dort das Gewicht gefüllter Schnapsflaschen. Ein Liter etwa wiegt zwei Kilogramm, 0, 7 Liter nur mehr eineinhalb Kilo. „Das brauchen wir für den Versand“, sagt er, als er den Blick darauf bemerkt. Damit ist man auch mitten im Thema gelandet. Was treibt einen gerade 31 Jahre alt gewordenen jungen Mann dazu, seine Karriere als Banker aufzugeben und eine Spirituosenfirma wie den „Schwarzbrenner“ zu übernehmen?
„Ich wollte mal Koch werden“, rutscht ihm auf diese Frage heraus. Und Banker eigentlich auch. „Ich habe als Kind schon immer gern Geld gezählt.“ Na ja, das lässt schon mal einen gewissen Ehrgeiz erkennen. In Weigelts Fall war das ganz konkret so: Mit Freunden hat er auf Festivitäten immer Gläser und Flaschen eingesammelt, die mit Pfand versehen waren und so ein wenig zum Taschengeld dazu verdient. Und die Sache mit der Liebe zur Kulinarik kam vielleicht von seinem Vater. Vielleicht auch vom Lebensgefährten seiner Mutter. Oder im Zweifel einfach von allen beiden.
Levin Weigelt ist in Herrsching am Ammersee geboren, dort zur Schule gegangen. Sein Vater, Dirk Pfeiffer, führte einst auf der Seepromenade die „Lago-Bar“ – eine Art Kiosk in unmittelbarer Nähe zum Dampfersteg. Mit 18 oder 19 Jahren habe er dort einen Sommer lang gearbeitet – und heute? Seit dieser Saison betreibt Levin Weigelt sie. Unter demselben Namen. Also als eine Art Hommage an den 2024 gestorbenen Vater, der später noch eine Art Gastro-Import aus China aufgezogen hatte, wie Levin Weigelt es beschreibt. Levin Weigelt ist bei seiner Mutter aufgewachsen, aber klar: Kontakt mit seinem Vater hatte er dennoch. Und deshalb darf Weigelts neues Konzept – mit diversen Drinks und künftig auch Bowls und Baguettes – schon als kleine Liebeserklärung an den Vater verstanden werden. Auch wenn Levin Weigelt das selbst so nicht formuliert.

Aber dass er sich nun noch mit seinen mittlerweile zwei Bars an der Seepromenade auch der Gastronomie verstärkt zuwendet, hat sicherlich auch mit seinem Stiefvater zu tun, Roger Jürgens. Seine Mutter habe diesen Mann kennengelernt, als er noch ein Teenager gewesen sei, sagt Weigelt: „Ich glaube, ich war damals 14 - aber wir haben uns sofort gut verstanden.“ Jürgens war zu dieser Zeit ziemlich erfolgreich. Von 2002 bis 2008 hatte er das Strandbad im Herrschinger Seewinkel geführt und mit seinem „Almrausch“ auf dem Tollwood für Furore gesorgt: Jahrelang wurde diese Bar immer wieder zur besten des Münchner Festivals gekürt. 2010 gründete Jürgens den „Schwarzbrenner“: „Ich glaube, aus einer Schnapslaune heraus, er wurde immer wieder gefragt, ob er nicht auch für seine Gäste abfüllen könnte“, sagt Levin Weigelt und lacht. Kann gut sein.
Jedenfalls tauchte damals auf allen möglichen Events und Märkten plötzlich dieser Stand auf – mit einem riesigen Sortiment von Spirituosen aller Art, allesamt recht trendig aufgemacht. Von Klassikern wie Alter Birne oder Alter Kirsche bis hin zu eher damals ungewöhnlicheren Fruchtbränden und -likören reichte das Sortiment. Allesamt versehen mit Etiketten mit puristischem Underground-Charme: weiße Schrift auf schwarzem Grund. Das kam an – und entwickelte sich stetig weiter. Sogar später in der für viele wirtschaftlich so schwierigen Coronazeit: „Da erlebte der Schwarzbrenner einen regelrechten Boom“, erzählt Weigelt. Jürgens animierte seinen Stiefsohn dazu, sich dieses Geschäft mal näher anzuschauen.
Levin Weigelt kam das gar nicht so ungelegen. Er hatte ja immer wieder Geld in dieser Branche dazu verdient. Nicht nur beim Vater an der Lago-Bar, sondern auch im Almrausch des Stiefvaters. Und in diversen Clubs. Die Liebe zur Branche, die er schon als Kind hatte, verstärkt sich noch in der Schulzeit„Ich hatte das Glück, dass wir damals zwei Praktika absolvieren mussten. Eines davon war bei mir in der Gastroküche, das zweite bei einem Starnberger Baufinanzierer.“ Trotzdem entscheidet er sich zunächst gegen Essen und Trinken und absolviert nach der Mittleren Reife eine Banklehre. Die Arbeit in der Küche habe ihm damals schon großen Spaß macht, sagt er, aber die Arbeitszeiten weniger. Das gibt Weigelt unumwunden zu. „Ich war halt jung.“ Und der Schwerpunkt Baufinanzierungen, den er später wählte, wirkte auf ihn ebenfalls faszinierend: „Das fand ich spannend, weil es ja um die Träume von Menschen geht, denen man hilft, sich diese zu erfüllen.“ Weigelt entwickelt in dieser Zeit auch einen Traum: sich irgendwann selbstständig zu machen. Eigentlich als Baufinanzierer.

Doch es kommt anders: Stiefvater Jürgens bittet ihn 2023, als Geschäftsführer bei ihm im „Schwarzbrenner“ zu arbeiten. Weigelt denkt sich, genügend Erfahrung im Vertrieb mitzubringen, ökonomisch entscheiden zu können und ja ohnehin die nötige Liebe zum Thema in sich zu tragen. „Aber Fehler habe ich trotzdem gemacht“, sagt er in der Retrospektive. Einmal habe er viel zu viele leere Flaschen geordert: „Die verlangten aber eine Mindestmenge – und die war riesig. Viel zu viel Invest auf einmal.“ Der „Schwarzbrenner“ überlebt auch das und wechselt 2024 den Inhaber: Jürgens hört auf, Weigelt steigt ein – und eröffnet zeitgleich seine erste kleine Bar, die „Seeliebe-Bar by Schwarzbrenner“ im Biergarten des Hotels Seehof in Herrsching. Er verkauft dort neben „Kurzen“, Prosecco oder Cremant auch besondere Spritz-Kreationen aus den eigenen Schnäpsen und Likören. Die wiederum stammen nahezu allesamt aus österreichischer Produktion: Woher genau, verrät Weigelt nicht.
Zwei neue Produzenten aus München und Regensburg hat er dazugewonnen: Einer stellt seinen Gin her: einmal in einer „Dry"-Variante, einmal als „Glacier Dry Gin“. Hinter diesen beiden Bezeichnungen verbergen sich unterschiedliche Rezepturen mit dem gesetzten Wacholder und diversen Kräutern, aber auch würzigen Auszügen, wie etwa Koriander, oder fruchtigen Noten wie Waldbeeren oder Orangenschalen. Alles schön streng nach Weigelts Vorstellungen kreiert: „Ich nehme Kontakt mit den Herstellern auf, wenn mir etwas schmeckt, frage, ob die für mich Kreationen machen würden – und wenn ja, dann passt das eigentlich.“ So kam er auch an die Regensburger Hersteller. Auf einem Fest habe er einen Likör verkostet, der ihn an Eisbonbons erinnert habe: „Ich mochte das.“ Also fragt er nach, woher dieser Stoff stammt – und wird sich mit dem Produzenten einig. Und so läuft es eigentlich immer: Geht es um neue Produkte, verlässt sich Levin Weigelt einfach nur auf eines: seinen eigenen Geschmack – und die Nachfrage. „Ich bin und bleibe Vertriebler“, sagt er. Und deshalb fehle ihm jetzt noch ein Tequila: „Der ist gerade wieder total angesagt“, sagt er. Wie alkoholfreie Spirituosen eben auch. Fündig ist er bis jetzt in beiden Fällen noch nicht geworden. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

