Wenn das Gautinger Freibad Mitte Mai wieder öffnet, dann hilft die nahe gelegene Würm beim Heizen des großen Schwimmbeckens. Und das schon seit mehr als zwei Jahrzehnten. Das Wasser aus dem Fluss wird durch eine Wärmepumpe gesaugt und gibt dabei ein paar Grad ab. Je wärmer die Würm, desto besser funktioniert das, aber zur Not reichen zehn Grad Celsius schon aus. Schwimmer können dann im Freibad bei etwa 21 Grad Celsius ihre Bahnen ziehen.
„Flussthermie“, nennt Andreas Weigand in dem Fall die bewährte Technik. Seethermie funktioniert im Prinzip genauso und kommt im Zeichen der Energiewende gerade so richtig ins Gespräch. Weigand, der als Geschäftsführer die Energieagentur Klima³ in Türkenfeld leitet, bereitet gerade groß angelegte Untersuchungen dazu für den Ammersee vor. Die wichtigsten Fragen sind: Lässt sich diese Art der Wärmegewinnung in Anliegergemeinden umsetzen? Und: Rentiert sich das?
Auch Seethermie gibt es schon. In großem Stil läuft zum Beispiel eine Anlage in Luzern am Vierwaldstätter See, die seit fünf Jahren in Betrieb ist. Das Versorgungsgebiet erstreckt sich über Stadtzentrum und Bahnhof, im Endausbau sollen 230 Gebäude angeschlossen werden, wie das Unternehmen „Energie Wasser Luzern“ (EWL) mitteilt. Eine Delegation aus dem Fünfseenland mit Weigand sowie Schondorfs Bürgermeister Alexander Herrmann und seinen Kollegen Sandra Perzul aus Dießen, Florian Hoffmann aus Utting und Walter Bleimaier aus Inning hat vor zwei Jahren die 350 Kilometer weite Reise in die Schweiz auf sich genommen, um sich dort einen Eindruck zu verschaffen, wie so etwas funktioniert. „Das ist riesig groß. Das ist nicht etwas, was wir hier einmal sehen werden“, sagt Weigand. Da wurden ein Bahnhof geheizt, Geschäfte gekühlt und ein Quartier mit niedrigen Vorlauftemperaturen versorgt.
Seethermie ist bayernweit ein Thema. Zwei Beispiele: Die Gemeinde Prien will ihr großes Hallenbad am Chiemsee damit heizen; das ist auch für das neue Luxushotel „Seegut“ in Bad Wiessee vorgesehen. Spezialisten haben bereits Leitungen im Wasser des Tegernsees versenkt. Auch am Bodensee gibt es diverse Projekte; unter anderem erwägen Gärtnereibetriebe auf der Insel Reichenau, ihre Gewächshäuser mit Seewärme zu heizen. In Tutzing ist eine Machbarkeitsstudie in Arbeit, die im Sommer fertig sein soll, wie Rathaussprecher Jan-Philipp Grande mitteilt.

Dabei werden außer der Seethermie auch andere erneuerbare Energiequellen geprüft, damit sichergestellt ist, dass die wirtschaftlichste Versorgung genutzt wird. Und die Bürgermeister der fünf Ammersee-Anrainer Inning, Schondorf, Utting, Dießen und Herrsching treffen sich Ende Januar mit Behördenvertretern und Fachleuten in einer insgesamt 35-köpfigen Runde zu einem Auftakt-Workshop. Sie haben noch einiges vor.
Damit beginne eine Arbeit, die bis in das kommende Jahr hineinreichen werde, kündigt Weigand an. Der Diplom-Wirtschaftsingenieur hat seine Laufbahn als Betriebsingenieur in Großkraftwerken im In- und Ausland begonnen. Bei den Stadtwerken München betreute er im Energiehandel das Wind- und Photovoltaik-Portfolio in Deutschland und Großbritannien. Er war Referent für Fragen der dezentralen Energieversorgung und leitete bundesweite Forschungsprojekte zu Wärmepumpen und Elektromobilität.
Der Energieagentur in Türkenfeld, die er leitet, sieht der 43-Jährige als „Kompetenzzentrum Energie- und Wärmewende“. Die Landkreise Starnberg, Fürstenfeldbruck und Landsberg finanzieren das Büro. Teile von Fernwärmeleitungen liegen dort als Anschauungsobjekte am Boden, das Foto eines Windrads im Abendrot ziert die Wand eines Büros. Es ist nicht zu übersehen: Hier geht es um alle möglichen Formen regenerativer Energie.

Das Projekt am Ammersee befindet sich in einem frühen Stadium, in dem zunächst geklärt werden soll, ob dort Seethermie überhaupt sinnvoll und technisch machbar ist und ob es wirtschaftlich umsetzbar ist. Da muss zum Beispiel geklärt werden, wie groß der Energiebedarf und wie die Siedlungsdichte in bestimmten Gebieten ist. Dazu werden Daten gesammelt, das Alter von Gebäuden etwa oder die bisherige Heizungsversorgung und der Wärmebedarf.
„Ich bin total froh, dass es das Projekt gibt, weil wir von der abstrakten Ebene wegkommen und schauen, was genau getan werden muss und wir uns genau anschauen, wie Orte geeignet sind“, sagt Weigand. „Wir haben bereits ein Datengerüst, mit dem wir schon ganz gut arbeiten können.“ Eines stehe schon fest: „Es wird nicht so sein, dass Seethermie komplette Ortschaften versorgt, sondern das werden kleine Netze sein.“ Für Utting hat eine Studentin die Thematik schon im Rahmen einer Bachelor-Arbeit untersucht.
Die Auswirkungen auf die Fische werden geprüft
Wichtige Ergebnisse sollen im Sommer vorliegen. Wie Weigand betont, geht es dabei nicht um Anlagen in großem Maßstab wie in der Schweiz, sondern um kleinere Modelle, die dann etwa Teile eines Ortszentrums mit Energie versorgen könnten. Da gehe es um einen Platzbedarf in der Größenordnung von zwei oder drei Seecontainern. Das Bayerische Landesamt für Umwelt (LfU) wird außerdem von einem Ingenieurbüro untersuchen lassen, was dabei im Wasser passiert; eine Frage, die nicht zuletzt die Fischer interessieren dürfte. Die Fachleute schauen sich die Fauna im See an, Fischbestände und die Mikrobiologie. Eine Rolle spiele auch, wie schnell ein See durchflossen werde. Eine Besonderheit des Ammersees ist, dass er mit Ammer und Amper relativ große Zu- und Abflüsse hat.
„Wir sind noch weit weg, dass morgen die Bagger kommen“, betont Weigand. Aber die Energieagentur könnte eine gewisse Vorreiterrolle übernehmen, was die theoretischen Grundlagen betrifft. Im Auftrag des bayerischen Wirtschaftsministeriums soll laut Weigand eine Checkliste für Gemeinden in ganz Bayern entstehen. Für die künftige Wärmeversorgung der Region könne das Projekt eine erhebliche Bedeutung haben. „Grundsätzlich hat die Seethermie großes Potenzial“, sagt Energieagentur-Geschäftsführer Weigand. „Nun werden die ökologischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geprüft, um danach in die Umsetzung gehen zu können.“

Die Energieagentur ist vom Wirtschaftsministerium damit beauftragt, das Projekt organisatorisch und kommunikativ zu unterstützen. Ziel ist es, eine fundierte Entscheidungsgrundlage für Kommunen zu schaffen und gleichzeitig Erfahrungen zu sammeln, die bayernweit als Orientierung dienen können. Eine vom Verband der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft in Auftrag gegebene Studie kam 2024 zu dem Ergebnis, dass rein theoretisch der gesamte Wärmebedarf fürs Heizen und fürs warme Wasser in Bayern aus größeren Gewässern gewonnen werden könnte. Allerdings sind diese Gewässer gerade dann besonders warm, wenn wenig Wärme gebraucht wird. Daher schätzt die Studie das Potenzial in der Praxis immerhin noch auf ein knappes Fünftel.
Die Technik ist bei der Seethermie das kleinste Problem. „Das ist schon alles da“, sagt Weigand, der dabei auch an seine Berufserfahrung in einem Kraftwerk denkt. Die Einlaufbauwerke für die Rohre, in denen das Wasser angesaugt wird, sind im Prinzip ganz ähnlich. Kompliziert werden dagegen die Genehmigungsverfahren. Allein, weil die Zuständigkeitsbereiche von drei Ministerien betroffen sind: Wirtschaftsministerium, Umweltministerium und Finanzministerium.
Die Erfahrung, dass ein langer Atem nötig ist, macht gerade auch der Priener Bürgermeister Andreas Friedrich: Ende vergangenen Jahres habe er Unterlagen für einen Wasserrechtsantrag zusammengestellt und an das Landratsamt geschickt, der notwendig ist, um überhaupt Wasser aus dem Chiemsee nutzen zu dürfen. Zuvor wurden schon einige Untersuchungen vorgenommen, unter anderem zum Artenschutz. „Ich vermute aber stark, dass im Zuge des Genehmigungsverfahrens noch zahlreiche weitere Unterlagen und vielleicht auch Untersuchungen gefordert werden“, erklärt der Bürgermeister.

