Handwerkskunst in den Dießener Seenanlagen Töpfchen unter Wasser

Zum Auftakt lockt der Dießener Markt wieder viele Besucher an. Dabei stand noch bis Mittwoch in Frage, ob die Veranstaltung mit 165 Ausstellern überhaupt stattfinden kann. Der Ammersee hat weiter Hochwasser.

Von Armin Greune, Dießen

So voll war's noch nie: Das gilt zunächst für den Ammersee, dessen Pegel zum diesjährigen Töpfermarkt höher steht als in den 18 Jahren zuvor. Doch auch der Besucherstrom nimmt am Donnerstag rekordverdächtige Ausmaße an: Schon mittags gestaltet sich die Parkplatzsuche als langwieriges Unterfangen, in der Jägerallee findet sich auf der ganzen Länge von einem Kilometer keine Lücke mehr. Auch der Fußgängerverkehr in den Seeanlagen gerät immer wieder ins Stocken: Vor den Gastronomieständen stehen lange Schlangen und die "Rialto"-Brücke zu passieren, erfordert Geduld. "Ein gutes Zeichen", findet Marktleiter Wolfgang Lösche: Wenn es bei der Überquerung des Mühlbachs zu Staus kommt, lässt die Besucherzahl nichts zu wünschen übrig.

Dabei war noch bis Mittwochnachmittag nicht ganz sicher, ob der Töpfermarkt überhaupt stattfinden kann: Der Pegel des Ammersees lag und liegt 30 Zentimeter über Hochwassermeldestufe 1, im Marktgelände stehen einige Wiesen unter Wasser - doch für alle vom versumpften Gelände betroffenen Aussteller konnten noch Ausweichplätze gefunden werden. Bei der Eröffnung dankt Lösche ausdrücklich für den Einsatz der Mitarbeiter von Dießens Bauhof und Verwaltung: Sie haben Bretterwege verlegt, Sandsäcke aufgetürmt und Pumpen installiert, um die Unterführung am Mühlbach trocken zu bekommen. Auch den Ausstellern zollt Lösche Respekt, die in den drei Tagen zuvor zum Teil bei strömenden Regen ihre Stände aufgebaut haben.

Wie stets schließt sich an die offizielle Eröffnung mit Musik und Tanz der Trachtenjugend ein Rundgang an, bei dem Lösche einige besondere Marktstände den Ehrengästen vorführt. Diesmal sind die Abgeordneten Michael Kießling und Alex Dorow mit von der Partie. Auch die Bürgermeister aus Utting und Schondorf, Josef Lutzenberger und Alexander Herrmann, begleiten den Dießener Hausherren Herbert Kirsch; die Landräte Thomas Eichinger (Landsberg) und Karl Roth (Starnberg) haben sich da schon verabschiedet.

Der übrige Tross erfährt auf Lösches Tour diesmal viel Technisches: Am Stand vom Brennofenhersteller Benjamin Rohde etwa, dass Steinzeug und Porzellan bei mehr als 1200 Grad gebrannt werden muss, um wasserdicht zu sein. Interessant auch, dass Steinzeug aus dem Westerwald im 19. Jahrhundert europaweit eine überragende Bedeutung als Transportbehälter erreicht hatte. Mit Aussteller Martin Mindermann erklärt Lösche die in Japan entwickelte Raku-Technik: Dabei werden vorgebrannte Gefäße glühend heiß aus dem Ofen gezogen und in ein Gefäß mit Stroh, Laub oder Holzspänen gelegt - so nehmen sie innerhalb von Sekunden Farbe an. Es entstehen archaische Formen voller Risse und organischer Farbverläufe. Um dunkle Farbtöne zu erzeugen, verwendet Mindermann harzreiche Kiefernspäne. Klar, dass so jedes Stück ein Unikat ist. Das gilt auch für die Teekannen, die Pit Arens nebenan anbietet und die mit ihren originellen Formen viele Keramiksammler anziehen.

Aber auch bei Gebrauchskeramik sind Unikate inzwischen sehr gefragt: "Individuell gestaltete Teller halten Einzug in der Gastronomie bei den Sterneköchen", weiß Lösche. Die richtige Mischung aus Geschirr und Gefäßen, Tierplastiken und Keramikkunst für den Markt zu finden, sei Aufgabe der Jury: Sie hat heuer 165 Aussteller aus 360 Bewerbungen ausgesucht. Den Keramikforscher freut, dass seit den 1980er-Jahren die stilistische, technische und thematische Vielfalt im Töpferhandwerk enorm zugenommen habe.

Doch trotz der starken Konkurrenz herrsche unter den Ausstellern große Solidarität: Als am böigen Mittwoch ein Stand vom Wind erfasst wurde, waren die Nachbarn sofort zur Stelle, um die Ware zu sichern. Und nachdem 2018 zwei Töpfern in Dießen die Kassen geklaut wurden, starteten die Kollegen umgehend eine Sammlung. "Ich versichere Ihnen, dass wir die nächsten vier Tage schönes Wetter haben", sagt Kirsch in seiner Begrüßung: "Mit schönem Wetter meine ich, dass uns Regen und Wasser nichts ausmachen." Der Pegel des Ammersees hat am Donnerstagabend zum Glück den vorläufigen Höhepunkt erreicht - und noch bleiben zehn Zentimeter Spielraum, bis er großflächig übers Ufer tritt.