Schon von Weitem hört man das Kreischen der Flex, und der leicht stechende Geruch, der beim Schweißen von Stahl entsteht, steigt in die Nase. Noch ist nicht viel zu sehen von dem Dampfer, der auf dem Gelände der Bayerischen Seenschifffahrt in Stegen im Trockendock liegt. Die beiden Lufthutzen links und rechts neben dem Ruderhaus zeigen den Weg zur „Andechs“, die normalerweise dem Verein „Bayerische Seglervereinigung“ (BSV) als schwimmendes Vereinsheim dient. Seit Anfang März ist sie im Trockendock zu Gast, normalerweise werden dort die vier Schiffe der Seenschifffahrt geprüft und instand gehalten.
Bis 1955 fuhr der ehemalige Schaufelraddampfer mit bis zu 400 Passagieren als Teil dieser Flotte über den Ammersee. Über Treppen geht es abwärts in das Trockendock, das kaum mehr als ein großes Wasserbecken mit einer beweglichen Absperrung ist. Das Schiff fährt bei geflutetem Becken ein, das Tor wird geschlossen und anschließend der Wasserspiegel abgesenkt. Einige Meter unter der Wasseroberfläche liegt deshalb nun die „Andechs“ auf dem Trockenen, ein kleiner Teil des Trockendocks ist überdacht.

Der eingerüstete Dampfer sieht zerrupft aus, einige Fenster und das Schanzkleid sind demontiert, vieles ist abgedeckt. Dennoch lässt sich die Schönheit der „Andechs“, die 1907 in Stegen vom Stapel lief, erahnen. Was aber nur gefühlt werden kann, ist die Liebe und Verbundenheit der Vereinsmitglieder zu dem Dampfer, ihrem Vereinsheim seit 70 Jahren.

„Wir haben es gerade noch ins Trockendock geschafft“, berichtet der zweite Vorsitzende John Höpfner beim Rundgang. „Es zeigten sich schon nach dem Abstrahlen des Bewuchses am Rumpf einige Löcher“. Vor etwa einem Jahr hatte es bereits Alarmzeichen gegeben, entdeckt wurde damals eine starke Korrosion der Bleche am Unterwasserschiff der 34 Meter langen „Andechs“. Regelmäßig geht das schwimmende Vereinsheim ins Trockendock, allerdings war nun anhand der Dichtemessungen der Stahlbleche gleich klar, dass diesmal weit vor der Zeit und umfassender repariert werden muss.
Einen guten Einblick in die Rostschäden bietet beim Ortstermin eine große Öffnung am Rumpf, innen leuchtet es ganz schwarz. Von oben über die Wallschiene eindringendes Wasser ließ den Kielraum von innen heraus schadhaft werden, wie die Vereinsmitglieder herausgefunden haben. Höpfner hat gerade die Nachricht bekommen, dass noch mehr Stellen geschweißt werden müssen als gedacht. Sechs Schweißer einer Linzer Firma arbeiten an der „Andechs“, schneiden kleinere und größere Stellen aus und setzen neue Bleche ein. Zudem muss der Kiel nahezu neu gemacht werden.

Somit wird der Erhalt 750 000 Euro kosten – eine Summe, die der Verein nicht auf dem Konto hat. 390 000 Euro setzt der BSV aus angesparten Rücklagen ein. Die bereits im Herbst initiierte Spendensammlung hat bislang knapp 70 000 Euro eingebracht, der Verein hofft auf 100 000 Euro. Höpfner erzählt, er habe mehrere Anträge bei Stiftungen, der Sportstättenförderung und dem Denkmalamt gestellt, aber bewilligt sei noch nichts. Seit 1. Januar sei die „Andechs“ auch als normales Baudenkmal mit der Nummer D-1-81-451-5 auf der Liste Ammersee nachqualifiziert, berichtet Höpfner. Als bewegliches Denkmal wurde sie schon 1980 eingetragen.

Der frühere Raddampfer fährt nicht mehr selbst, aber viele Teile sind noch original erhalten. Nicht ausmalen möchte sich Höpfner die Schäden an den historischen Einrichtungen, wenn die „Andechs“ gesunken wäre. Er ist froh darüber, dass die Überfahrt von Utting – dort liegt die Andechs normalerweise am Ende des vereinseigenen Steges im Freizeitgelände – ohne größere Probleme geklappt hat. „Am 7. März waren die Bedingungen aufgrund des noch bestehenden, aber zurückgehenden Hochwassers und sehr ruhigen Wetters nahezu ideal“, berichtet der zweite Vereinsvorsitzende. Mit Hilfe zweier Motorboote von Vereinen aus Herrsching und Eching sowie zur Absicherung flankiert von Begleitbooten kam die „Andechs“, die nicht mehr selbst fahren kann, ohne größere Probleme in Stegen an.
Der BSV, damals ein noch junger Verein, finanzierte 1956 den Ankauf des ausgemusterten Dampfers, indem die Segler die Schaufelräder und die Dampfmaschine für 3000 Mark veräußerten. Zudem bekamen sie einen Zuschuss von 5000 Mark über die Sportförderung des Innenministeriums. Seither dient die „Andechs“ den derzeit etwa 400 Mitgliedern als Mittel- und Ankerpunkt. Segelkurse werden hier abgehalten, Ausrüstung lagert hier ebenso wie Werkzeug. Denn im Verein machen die Mitglieder so viel wie möglich selbst. „5000 bis 6000 Stunden Eigenleistung haben wir in der Kalkulation der Kosten veranschlagt“, berichtet Höpfner.

Auch heute steht ein Mitglied an Deck des Dampfers und arbeitet konzentriert. Schreiner Helmut Schneider aus Gröbenzell suchte vor drei Jahren einen Verein, weil er sich in seinem Ruhestand mehr dem Wassersport widmen wollte. Seine Wahl fiel auf den BSV, dessen eigene Flotte vom Opti über die Schwertzugvogel-Jolle bis zu historischen Yachten wie der „Condor“, einem 45-er Nationalen Kreuzer (Baujahr 1912), oder der 1908 gebauten Yawl „Sturmvogel“ reicht. Dass der Schreiner in Rente nun wieder an der Säge steht und gerade Verkleidungen zurechtschneidet, um die historischen Treppenstufen zu schützen, liegt auch daran, dass er „für alte Dinge etwas übrig“ habe. Schneider betont, dass der Vereinszusammenhalt groß sei. An Samstagen finden sich zehn bis 20 Freiwillige auf dem Schiff ein, die Arbeiten übernehmen – beispielsweise am Rumpf, der sechsmal gestrichen werden muss.

Das liegt vielleicht auch daran, dass der BSV kein elitärer Klub ist, sondern ein gemeinnütziger Verein. Sein Ziel ist es, allen das Segeln zu ermöglichen, auch wenn sie kein eigenes Schiff haben. Die neue Wallschiene, die für die Dichtigkeit des Schiffes sorgen soll, wurde von Vereinsmitgliedern entwickelt und wird seit Anfang des Jahres gefertigt. Es sei eine Aluminiumkonstruktion, die die Tropfen ablaufen lässt, erklärt Höpfner. Abgedeckt wird diese auch wieder mit Eiche, sodass es optisch identisch aussehen wird. 20 Jahre soll die „Andechs“ nach der Reparatur wieder durchhalten.
Bis Mitte Mai, schätzt der zweite Vereinsvorsitzende, wird der Dampfer in Stegen liegen, danach geht es wieder zurück nach Utting. Dann werden dort noch ein paar Dinge überarbeitet. Höpfner hofft sehr darauf, dass die beiden Jubiläen in diesem Jahr – 75 Jahre BSV und 70 Jahre Vereinsheim Andechs – im Juni gefeiert werden können. Die privilegierte Lage am Ende des Steges direkt auf dem Wasser schätzt Höpfner. Ein Umzug aufs Land, wie es für das Museumsschiff „Tutzing“ am Starnberger See angedacht wird, kommt für ihn allein schon mangels eigenen Grundstücks nicht infrage. Dass das schwimmende Vereinsheim und Denkmal erhalten und mit Leben gefüllt wird, ist für Höpfner und den Verein eine Herzensangelegenheit.

