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Aktion zu Rettungsgassen:Eins links, zwei rechts

Bei einem Aktionstag an der Raststätte Höhenrain informierten Polizei und Hilfsorganisationen Verkehrsteilnehmer über die "Rettungsgasse".

(Foto: Hartmut Pöstges)

An der Garmischer Autobahn informieren Polizei und Rettungsdienste über die Notwendigkeit, die Straße für Rettungsfahrzeuge freizumachen. Griffige Formeln helfen bei der Umsetzung, sonst wird es teuer

Karl Wiedemann verweist auf eine griffige "Handregel", und die geht so: "Wo der rechte Daumen ist, muss man nach links, und wo die anderen Finger sind, muss man nach rechts." Der Kriminalhauptkommissar von der Verkehrspolizeiinspektion Weilheim hat sich an diesem Samstag mit einigen Kollegen kurz vor der Autobahnausfahrt Wolfratshausen, auf dem Parkplatz der Tank- und Rastanlage Höhenrain-West postiert. Vertreten mit jeweils eigenen Einsatzfahrzeugen sind an diesem Aktionstag außerdem das BRK, das Technische Hilfswerk (THW) und die Feuerwehr Höhenrain. Sie alle haben sich das halbe Wochenende um die Ohren geschlagen, um Bewusstseinsarbeit zu einem wichtigen Thema zu leisten, das noch immer nicht in allen Autofahrerköpfen so richtig angekommen ist: die Rettungsgasse.

Es ist brütend heiß am Parkplatz. Auf einer Stelle stehend nimmt der Besucher der Rastanlage erst wirklich bewusst wahr, mit welcher Geschwindigkeit und in welch geringem Abstand die Fahrzeuge in Richtung Süden brausen. Die A 95 gilt als Rennstrecke, atemberaubend ist insbesondere der Auftritt mancher Motorradfahrer, die mit ihren brüllenden Maschinen die Überholspur belagern. Nicht auszudenken, wenn bei dieser Verkehrsdichte und diesem Tempo das Geringste schiefgeht. Und wenn doch? Dann sind die lokalen Rettungskräfte gefragt, die unter oft großem Stress zum Unfallort gelangen müssen und dafür eine ausreichend breite Spur benötigen. Autofahrer, die sich unsicher sind, in welcher Richtung sie den Einsatzfahrzeugen seitlich ausweichen sollen, können sich deshalb gut mit Wiedemanns eingängiger Eselsbrücke behelfen, die allerdings noch durch zwei Zusatzinformation ergänzt werden sollte: dass damit die rechte Hand bei nach unten gerichteter Handinnenseite gemeint ist.

Eine ebenso griffige, an eine Strickanleitung erinnernde Kurzformel hat der ADAC gefunden, dessen zum Teil mehrsprachige Broschüren zur Rettungsgasse die Polizei auf diesem Parkplatz an die Autofahrer verteilt: "Eins links, zwei rechts". Fahrzeuge auf der linken Spur müssen demnach bei einem Stau oder bei stockendem Verkehr an den linken Straßenrand fahren, alle anderen auf die jeweils rechten Spuren, der Standstreifen muss bei ausreichender Fahrbahnbreite frei bleiben. Ob und wieweit die Aufklärungskampagne Früchte trägt, konnte die Polizei dann gleich auf der A 95 selbst nachprüfen: Am Autobahnende bei Eschenlohe ist der Stau, zumal an einem sonnigen Wochenende und während der Hauptreisezeit, fest programmiert - es ist gewissermaßen der Dauertestfall für die Rettungsgasse. Auch dort war die Polizei an diesem Samstag aufklärend, aber auch kontrollierend präsent.

Einen besonderen Aspekt der Rettungsgassen-Problematik spricht aus gegebenem Anlass Martin Punscher an. Er ist Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Höhenrain und weiß aus seiner 18-jährigen Erfahrung bei der Bergung von Unfallopfern um die Bedeutung der Rettungsgasse bestens Bescheid: Da zähle jede Minute. Umso mehr bemängelt er, dass die frei gemachte Spur oft nach dem Passieren des ersten Hilfsfahrzeugs, etwa des Abschleppwagens, zu schnell wieder geschlossen werde. Dann sei mitunter kein Platz mehr für den in zeitlichem Abstand nachfolgenden Notarzt oder die Feuerwehr.

Eine Erfahrung, die auch das Technische Hilfswerk bestätigt. "Viele fahren erst zur Seite, wenn Fahrzeuge mit Blaulicht und Martinshorn erkennbar sind", sagt Florian Patzelt, der seit zehn Jahren dem Technischen Hilfswerk angehört. "Und oft machen die Autofahrer viel zu schnell wieder zu." Seine Organisation arbeitet mit der Polizei zusammen, unterstützt sie bei bestimmten Hilfeleistungen, etwa wenn Gegenstände auf der Fahrbahn liegen, oder wenn es gilt, bei der Absicherung von Unfallstellen zu helfen. Generell aber ist Patzelts in Starnberg stationierte Einsatzgruppe für eine andere Aufgabe zuständig: Sie ist bayernweit dafür verantwortlich, die Versorgung der Bevölkerung mit einwandfreiem Trinkwasser sicherzustellen, beispielsweise wenn Wasserleitungen verunreinigt sind.

Allein mit der Aufklärung und Appellen an die Vernunft lässt es die Polizei nicht bewenden. Kommissar Wiedemann weist auch auf den Strafkatalog hin. Zwischen 240 und 320 Euro kosten Verstöße, die zu einer Behinderung oder Gefährdung der Retter beziehungsweise zu Sachbeschädigungen führen. Mit bis zu 400 Euro werden Schlaumeier zur Kasse gebeten, die hinter Rettungsfahrzeugen herfahren und die freigeräumte Spur widerrechtlich nutzen. In allen Fällen kommen dazu noch jeweils zwei Punkte in Flensburg und ein Monat Fahrverbot.