Es ist neblig-kalt und der Boden ist ziemlich schlammig, als sich der Starnberger Landrat Stefan Frey einen Weg sucht auf ein Feld am Rand von Hochstadt. Auf der Wiese von Landwirt Max Keller in der Gemeinde Weßling sind rudimentär die Metallkonstruktionen für eine Photovoltaikanlage zu sehen. Genauer: eine sogenannte Agri-PV-Anlage; es dürfte die erste dieser Art im Landkreis sein. Die Module werden dort höher montiert als sonst auf der freien Fläche üblich, das Feld darunter kann weiter landwirtschaftlich genutzt werden. Das ist das Spezialgebiet einer jungen Firma aus Pöcking. Geschäftsführer Adrian Renner hat zur „Eröffnung“ eingeladen. Eröffnet wird hier zwar noch nichts, aber eine Geschäftsidee publik gemacht, die der 45-jährige Gründer bald in großem Stil vermarkten will.
Denn die Weßlinger Anlage auf einer Fläche von 1,6 Hektar ist erst ein Anfang im Landkreis Starnberg, nachdem Feld Energy im Frühjahr auf der Forschungsstation der Technischen Universität München (TUM) in Dürnast bei Freising eine zweieinhalb Hektar große Anlage mit vertikal stehenden Modulen in Betrieb genommen hat. Dort handelt es sich um ein Pilotprojekt in Zusammenarbeit mit der Universität. Bis Januar soll die Anlage betriebsbereit sein, im April folgt die Netzanbindung. Und das ist nur der Auftakt – wenn Renners Pläne aufgehen.

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Er plant nämlich Agri-PV-Anlagen in ganz Bayern, von Unterfranken bis zum Alpenrand, darunter acht im Landkreis Schwandorf, fünf in Bad Tölz, drei in Starnberg, eine in Obersöchering im Landkreis Weilheim und drei in Fürstenfeldbruck. Nach den Worten des Geschäftsführers laufen gerade 40 Antragsverfahren in Bayern und Baden-Württemberg, seine Firma verhandle parallel mit mehr als 500 Landwirten. Die Gesamtfläche, um die es geht, beläuft sich nach Firmenangaben auf mehr als 500 Hektar, die allerdings klein aufgeteilt sind.
„Wir fokussieren uns nicht auf die großen Projekte, sondern auf kleinere hofnahe Projekte mit einer Leistung von ein bis zwei Megawatt. Das ist etwas, was für nahezu jeden Landwirt interessant ist“, glaubt Renner. Die Anlagen mit einer Fläche von maximal 2,5 Hektar seien nach dem Baurecht privilegiert. Sie seien wesentlich schneller zu realisieren als auf Grundlage eines Bebauungsplans, und die Realisierung sei wahrscheinlicher. „Wir reden von vier bis fünf Monaten statt zwei bis drei Jahren“, sagt Renner.

Ein Phänomen ist dem Unternehmer schon aufgefallen: dass die Bearbeitungszeit in den Landratsämtern sehr unterschiedlich ausfällt. Manchmal sei so ein Verfahren in zwei bis drei Monaten erledigt, anderswo sei nach acht Monaten immer noch nichts passiert. Ausdrückliches Lob gibt es für die Kreisbehörde in Starnberg: „Die waren echt super, das waren die schnellsten.“ Landrat Frey dürfte das gerne gehört haben. In seiner Rede in einer Garage auf dem Keller-Hof lobt er mit Blick auf das Ziel der Energiewende ausdrücklich diese Initiative. Der Mix verschiedener Anlagen ist nach seiner Überzeugung der richtige Weg. „Das ist genau die Art von Innovation, die wir im Landkreis Starnberg brauchen“, sagte er.
Auch wenn in dem Fall das Projekt gegen Widerstände durchgesetzt wurde. Die Gemeinde Weßling hatte das Vorhaben nämlich abgelehnt. Bürgermeister Michael Sturm hält den Standort für ungeeignet, wie er am Rande des Pressetermins sagte. So etwas passiere in etwa der Hälfte aller Fälle, erklärt Renner. In der Regel erteilten die Landratsämter dann trotzdem eine Genehmigung.
Meist betreibe die Firma Feld Energy selbst die Anlage, in etwa zehn Prozent übernehmen das die Landwirte. Mit einer Anlage mit 1610 Modulen wie in Hochstadt könnten etwa 300 Haushalte versorgt werden. Die Investitionskosten belaufen sich auf etwa 800 000 Euro. Renner geht davon aus, dass sich die Investition durch den Stromverkauf nach zehn bis 13 Jahren amortisiert, die wirtschaftliche Lebensdauer betrage 30 Jahre.
Für Renner, der bei Nürnberg aufgewachsen ist und Betriebswirtschaft studiert hat, ist es das dritte Unternehmen, das er aufbaut. Zunächst hat er ein Familienunternehmen im Anlagen- und Maschinenbau übernommen und geleitet, dann zwölf Jahre lang eine Marketing-Plattform im Internet. Im vergangenen Jahr hat er Feld Energy mit Sitz in Pöcking gegründet. Das Unternehmen sei mit Wagnis-Kapital in Höhe von zwölf Millionen Euro ausgestattet. Zu seinen Beweggründen sagt der Unternehmer: „Da kann ich etwas Gutes für die Gesellschaft tun.“ Wobei es freilich nicht nur um hehre Ziele und die Energiewende geht, sondern wirtschaftliche Aspekte eine große Rolle spielen.
Landwirten verspricht Feld Energy eine interessante Einnahmequelle. Bis zu 3000 Euro pro Hektar seien zusätzlich zu verdienen. Zugleich bleiben die landwirtschaftliche Fläche und damit auch steuerliche Privilegierungen und Subventionen erhalten.
Das Pöckinger Unternehmen hat in dem Bereich offenbar noch einiges vor. Mit einem „Zukunftspreis“ will es Bachelor- und Masterarbeiten auszeichnen, die innovative Lösungen für nachhaltige Landwirtschaft, Energiewende und Resilienz im ländlichen Raum entwickeln und lobt dafür Preisgelder von insgesamt 10 000 Euro aus. Dabei kann es um Themen wie Agri-PV, Flächeneffizienz, Biodiversität oder die Landwirtschaft im Klimawandel gehen. Bewerbungsschluss ist Ende Juni.
In Tutzing plant eine Genossenschaft eine Agri-PV-Anlage
Unterdessen gibt es auch in Tutzing Pläne für Agri-PV. Treibende Kraft ist dort die Genossenschaft „Bürgerenergie Tutzing“ mit Vorstand Marco Lorenz, die am Oberen Hirschberg Solarmodule mit einer Gesamtleistung von maximal sechs Megawatt aufstellen will. Das erklärte Ziel: „Sauberen Strom direkt in unserer Gemeinde produzieren, finanziert von uns Bürgerinnen und Bürgern. Statt auf große Konzerne zu setzen, gestalten wir die Energiewende selbst – fair, transparent und nah an den Menschen.“ Vorgesehen sind dort auch ein Stromspeicher und 20 Ladepunkte für Autos, Lastwagen und Busse.
Der Pachtvertrag für das benötigte Grundstück ist abgeschlossen, ein städtebaulicher Vertrag mit der Gemeinde wurde im März unterschrieben. In dem Fall ist ein Bebauungsplan nötig, der im Januar zum zweiten Mal im Tutzinger Gemeinderat behandelt und danach öffentlich ausgelegt werden soll. Noch Anfang nächsten Jahres soll das Verfahren zur Genehmigung ans Starnberger Landratsamt gehen. Später soll ein Großspeicher mit einer Kapazität von bis zu 100 Megawattstunden installiert und über ein Umspannwerk an das Hochspannungsnetz angeschlossen werden. Die Genossenschaft hat nach eigenen Angaben seit Juli mehr als 150 Mitglieder gewinnen können und mehr als 270 000 Euro an Beteiligungen eingesammelt.

