In den vergangenen Tagen wurden an den meisten Gymnasien die Abiturzeugnisse verliehen. Damit verlässt ein coronagebeutelter Jahrgang die Schule, der seine Oberstufen-Noten komplett in der Pandemiephase gesammelt hat. Tim Barth, Lina Haselhorst, Cyprian Zander und Lukas Supper gehören zu diesem Jahrgang. Die 18-Jährigen vom Gymnasium Starnberg und der Munich International School haben ihren Schulalltag monatelang immer wieder online im heimischen Kinderzimmer verbracht. Wie sie darunter gelitten haben - und welche guten Seiten diese Situation womöglich auch hatte, das erzählen die vier Abiturienten im Gespräch mit der SZ.
"Man muss wieder lernen, wie man richtig lernt"

Tim Barth, 18 Jahre, von seinem Abiturjahrgang am Gymnasium Starnberg zum Stufensprecher gewählt. Pläne nach dem Abi: Vier Wochen Urlaub in Costa Rica - und erstmal Pause vom Lernen machen, um Zukunftspläne zu schmieden.
"Zwiebeln schälen mit Matheunterricht als Hintergrundgeräusch: Mit meinem Vater habe ich manchmal zu Hause in der Küche gekocht, während der Lehrer über den Laptop die erste binomische Formel erklärt hat - das konnte ich nur im Homeschooling. Ich würde mich als einen ehrgeizigen Typen beschreiben, aber meine Motivation ist im Distanzunterricht ziemlich gesunken. Es gibt einfach so viel Ablenkung zu Hause: Ich habe oft zeitgleich am Handy mit Freunden gechattet oder eben gekocht.
Im Fußballverein kicken durften wir als Mannschaft lange bevor der reguläre Schulunterricht wieder losging. Das war super wichtig - ich brauche den Sport als Ausgleich zur Schule, gerade wenn Schule heißt: stundenlang vorm Laptop in meinem Zimmer sitzen.
Eigentlich möchte ich Medizin studieren. Aber bitte erst nach einem "Gap Year": Erstmal brauche ich Pause vom Lernen und vor allem Zeit, mich zu orientieren - in der Abizeit stand ich ziemlich unter Druck. Aber die letzten Monate lief die Schule eigentlich so, als hätte es Corona nie gegeben. Ganz ohne Schnelltests und Mundschutz durfte die ganze Klasse zusammenkommen - und die Lehrer haben mir genau über die Schulter geschaut, was ich in mein Heft kritzle. Das war eine Umgewöhnung nach dem Distanzunterricht - man muss erstmal wieder lernen, wie man richtig lernt. Aber ich habe alle Prüfungen gut bestanden und bin zufrieden."
"Ich habe die Noten vermisst"

Lina Haselhorst, 18 Jahre, Abitur am Gymnasium Starnberg, Stufensprecherin. Pläne nach dem Abi: Im Herbst ein Studium der Wirtschaft und Politik beginnen.
"Wir alle haben früher oft über Noten geschimpft, aber während des Homeschoolings habe ich sie ziemlich vermisst. Die Lehrer konnten unsere Mitarbeit weniger überwachen als in Präsenz - deshalb haben leider auch sehr wenig Schüler mitgemacht. Mit der Aussicht auf eine gute Note beteiligen sich mehr Schüler aktiv am Unterricht. Ich erinnere mich noch: Manche Mitschüler standen im Distanzunterricht sogar auf der Skipiste und sind, Kopfhörer unter dem Helm und den Lehrer per Livestream im Ohr, die Hänge runtergedüst. Das Lernen des Unterrichtsstoffs musste in dieser Zeit oft anderen Prioritäten weichen.
Nicht nur wegen Corona, sondern auch wegen des Klimawandels und des Kriegs in der Ukraine blicken viele Jugendliche ängstlich in die Zukunft - ich eigentlich nicht. Angst bringt nichts, sie lähmt nur. Aktiv werden, wenn mich etwas stört - das möchte ich versuchen. Deshalb möchte ich Politik studieren."
"Mit der Zeit wurde ich entspannter"

Cyprian Zander, 18 Jahre, Abitur an der Munich International School (MIS). Pläne nach dem Abi: Im Herbst an der Berkeley University in Kalifornien anfangen, Informatik zu studieren.
"Corona hat mich natürlich eingeschränkt, aber für eins bin ich der Pandemie auch dankbar: Ich hatte viel mehr Zeit, neue Indoor-Hobbys auszuprobieren - rausgehen durfte man ja eh kaum. Vor einiger Zeit habe ich zum Beispiel eine eigene App programmiert. Ich durfte auch an einem Projekt einer amerikanischen Universität teilnehmen. Ohne Corona hätten die Uni-Profs dort alle gemeinsam in einem Raum gesessen und wären nie auf die Idee gekommen, einen Schüler aus Deutschland dazu zu schalten. In dieser Hinsicht war die Pandemie sehr wichtig für meine persönliche Entwicklung. Die Projekte haben mich in meinem Wunsch-Studium in Berkeley bestätigt. Die Amerikaner schauen anders als die Deutschen viel mehr auf meinen ganzen Lebenslauf, auf Praktika und Projekte, statt nur meine schulischen Leistungen zu bewerten - die unter dem Distanzunterricht leider schon ein wenig gelitten haben.
Am Anfang habe ich mir im Homeschooling noch sehr viel Mühe gegeben, aber mit der Zeit wurde ich entspannter und war, offen gesagt, mit der erforderlichen Eigeninitiative ein wenig überfordert. Am besten verstehe ich neuen Schulstoff, wenn mein Lehrer in persona vor mir steht und ich neben dem Inhalt auch die Atmosphäre im Klassenzimmer aufnehme. Dann verknüpfe ich im Kopf die jeweilige Situation mit dem schulischen Inhalt - und kann ihn mir so besser merken. In der MIS war aber, zumindest gefühlt, von Pandemieausbruch bis heute nur ein Viertel der Zeit im Distanzunterricht. Die Klassenzimmer der MIS sind groß, da konnten wir schnell wieder in kleinen Gruppen ins Klassenzimmer zurück - und trotzdem Abstand halten."
"Über Monate hinweg der gleiche Tagesablauf"

Lukas Supper, 18 Jahre, Abitur am Gymnasium Starnberg. Pläne nach dem Abitur: Ein Jahr lang reisen und erholen, danach "mal gucken".
"In den ersten beiden Schulstunden, so vor halb 10 Uhr morgens, bin ich im Distanzunterricht manchmal vorm Laptop eingeschlafen. Da bin ich immer um Viertel vor Acht aufgestanden und musste sofort an den Schreibtisch. Nie kam ich an die frische Luft. Das war vor allem im ersten, strengen Lockdown wirklich eintönig. Über Monate war mein Tagesablauf so abwechslungslos, dass ich total das Zeitgefühl verloren habe - Wochen haben sich wie Tage angefühlt.
Aber ich will mich nicht nur beschweren: Unsere Schule hat das Homeschooling für die Schüler vergleichsweise sehr gut gestaltet. Man konnte Lehrer immer kontaktieren, sie haben schnell geantwortet. Das war hilfreich und manchmal auch ziemlich witzig: Bei manchen Lehrern hat man im Videochat echt deren ganzes Wohnzimmer gesehen - welche Farbe ihre Tapete hat, welche Farbe ihr Sofa. Auch das hätte ich ohne die Pandemie nie erfahren. Und mit ihrer Zuverlässigkeit haben die Lehrer mich wirklich durchs Abitur gezogen - leider hat sich mein Notendurchschnitt im Abitur trotzdem ziemlich verschlechtert. Aber das liegt nicht nur am Distanzunterricht, sondern vor allem an den überraschend schweren Prüfungen. Die haben mich ziemlich umgehauen.
Ich sorge mich allerdings um die jüngeren Jahrgangsstufen, die noch nicht so gut wie wir wissen, wie man eigenständig lernt. Im Homeschooling ist man ziemlich auf sich alleingestellt, was mit 18 besser als mit zwölf Jahren klappt."

