bedeckt München

384 neue Azubis im Landkreis Starnberg:Lehrlinge dringend gesucht

Friseurazubi Andrea Höll

Andrea Höll lernt bei "Haarartist" in Starnberg ihr Handwerk.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Zum Beginn des Ausbildungsjahres sind noch 242 Stellen im Landkreis unbesetzt - zwölf Prozent mehr als im Vorjahr. Die Unternehmen konnten wegen der Corona-Krise kaum werben und setzen auf Nachzügler.

Von Lea Kropff

384 junge Menschen starten im Landkreis zum Beginn des Lehrjahres an diesem 1. September in ihre Ausbildung, darunter 153 im Handwerk und 231 in Industrie-, Handels- und Dienstleistungsberufen. Dieses Jahr sind die Umstände wegen der Corona-Krise besonders: Aufgrund ausgefallener Infoveranstaltungen und eingeschränkter Beratungsmöglichkeiten werden viele Azubis ihre Ausbildung später anfangen, sagt Kreishandwerksmeister Ludwig Gansneder.

Laut Arbeitsagentur sind immer noch 242 Lehrstellen im Landkreis unbesetzt. Darauf kommen lediglich 128 noch unversorgte Bewerber. Letztes Jahr zu dieser Zeit waren es nur 216 unbesetzte Stellen - und das, obwohl einige Ausbildungsbetriebe wegen ihrer wirtschaftlichen Lage heuer keine Auszubildenden einstellen wollen.

Die neuen Herausforderung laut Harald Gerster von der Bayerischen Handwerkskammer: "Lehrverträge werden oft auch noch kurzfristig geschlossen, also erst über den Sommer vor Beginn des Ausbildungsjahres. Normalerweise gehen wir in die Schulen und stellen die Ausbildungen vor, das ging heuer wegen Corona gar nicht." Auch Vermittlungsmessen fielen aus, Praktika wurden abgesagt. Außerdem konnten keine Berufsberatungstage und Sprechstunden stattfinden.

Aber nicht nur die Möglichkeiten der Vermittlungsstellen bei Industrie- und Handelskammer (IHK) und den Arbeitsagenturen seien eingeschränkt gewesen. Auch die Betriebe, die eigentlich fleißig Azubi-Akquise hätten betreiben müssen, hatten zur kritischen Zeit andere Sorgen als die Werbetrommel zu rühren. "Die hatten im Zweifelsfall alle Hände voll damit zu tun, sich über Wasser zu halten nach dem Lockdown und dem Wirtschaftseinbruch", sagt Kathrin Grabmaier vom Berufsinformationszentrum in Weilheim. Besonders der Dienstleistungssektor sei betroffen. Mit 223 Ausbildungsbetrieben in IHK-Berufen Anfang September sind es 23 weniger als noch im vergangenen Jahr. Wer die Krise gut überstanden habe, könne sich zwar glücklich schätzen, habe aber unter Umständen Schwierigkeiten, schon seine Festangestellten zu behalten, ganz zu schweigen von Neueinstellungen, sagt Grabmaier.

Für Andrea Höll, angehenden Friseurin bei "Haarartist" in Starnberg, und ihre Mitauszubildenden gab es vom Frühjahr an den Unterricht, der sich wochenweise mit der Arbeit im Salon abwechselt, nur noch online. Für sie war das eine willkommene Alternative in der Zeit der Selbstisolation: "Im harten Lockdown blieb unser Salon für ganze sechs Wochen geschlossen, aber da fand dann immerhin die Schule weiter statt. Wir hatten Online-Klassen, da konnte ich wenigstens meine Mitschüler sehen." Die IHK zeigt sich optimistisch für die kommende Zeit und schätzt, dass die Ausbildung auch im kommenden Lehrjahr in etwa 75 Prozent der Betriebe normal weiterlaufen kann. Gut ein Drittel der IHK-Betriebe ermöglicht den Azubis beispielsweise auch das Arbeiten im Home-Office.

Seit Jahren sinken die Zahlen der Azubi-Bewerber stetig: Waren es 2017 im Landkreis noch 436 Bewerber und 2018 immerhin 428, so strebten 2019 nur noch 295 Interessierte in einen Ausbildungsberuf, gut ein Drittel weniger. Ein Grund: Ausbildungen, besonders in handwerkliche, werden bei jungen Menschen immer unbeliebter.

So sei es beim Metzgerberuf beispielsweise vor allem das Imageproblem, mutmaßt Harald Gerster von der Handwerkskammer: "Die Leute wollen zwar Fleisch vom richtigen Metzger, aber schlachten will es offensichtlich keiner." Dass kleinere Handwerksbetriebe immer mehr Konkurrenz von Supermärkten und großen Industriebetrieben bekommen, sei dabei nicht das einzige Problem. "Die jungen Menschen wollen lieber studieren. Gerade bei harten, körperlich anstrengenden Berufen wie Bäcker oder Metzger sieht man das deutlich - da wird das studentische Ausschlafen dem frühen Aufstehen eher vorgezogen", vermutet Gerster.

Ingo Schwarz, Vize des IHK-Regionalausschusses für Starnberg, glaubt trotz der schwierigen Zeiten, dass noch viele Stellen besetzt werden können: "Zahlreiche Betriebe suchen weiterhin händeringend nach Azubis. Grundsätzlich ist der Start in eine Ausbildung das ganze Jahr über möglich."

Von den 57 Berufen, die es im Landkreis gibt, sind die drei häufigsten die Ausbildungen zu Industriekaufleuten, Verkäuferinnen und Verkäufer und Kaufleuten im Einzelhandel; im Handwerk sind es Kraftfahrzeugmechatronikerinnen und -mechatroniker, Zimmererinnen und Zimmerer und Elektronikerinnen und Elektroniker. Bei Frauen ist die beliebteste Ausbildung Bürokauffrau, bei Männern Verkäufer.

© SZ vom 01.09.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite