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Starnberg:"Irgendwann haben wir das leere Boot gefunden"

Vor sechs Jahren ertrank der 13-jährige Leo beim Ruder-Training im acht Grad kalten Starnberger See - nun müssen sich die Betreuer vor Gericht verantworten

Von Christian Deussing, Starnberg

Wer hat Schuld an Leos Tod, der am 19. April 2015 bei einem Schüler-Rudertraining im Starnberger See in acht Grad kaltem Wasser ertrunken ist? Vor dem Amtsgericht Starnberg müssen sich seit Montag zwei damalige Übungsleiter wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen verantworten. Der Tod des 13-jährigen Gymnasiasten wäre zu vermeiden gewesen, wenn die Angeklagten ihren Aufsichtspflichten nachgekommen wären, erklärt Staatsanwalt Marco Heim. Die Übungsleiter hätten gewusst, dass Leo ein noch unerfahrener Ruderer gewesen sei und man daher jederzeit damit habe rechnen müssen, dass er bei kräftigem Wind und kaltem Wasser ohne Sichtkontakt, Handy, Rettungsweste und begleitendes Motorboot in eine lebensbedrohliche Situation geraten könne. Das Verhalten der Betreuer habe nicht den Richtlinien des Deutschen Ruderverbandes entsprochen.

Die Eltern sitzen schwarz gekleidet im Gerichtssaal und verfolgen den ersten Prozesstag, der sieben Stunden dauert. Ein Dutzend Zeugensagen aus. Die beiden Angeklagten aus München - ein 72-jähriger Biologe und ein 55 Jahre alter Mediziner - drücken den Eltern ihr "tiefes und aufrichtiges Mitgefühl über das schreckliche und unvorstellbare Unglück" aus. Der jüngere Betreuer spricht sichtlich erschüttert von einer unfassbaren Tragödie. Er habe Leo angewiesen, im Hafenbereich des Münchener Ruder-Clubs (MRC) zu bleiben, und keinen Hinweis gehabt, dass der 13-Jährige überfordert gewesen sei. "Irgendwann haben wir das leere Boot gefunden."

Leos Vater schildert, wie machtlos er sich am Ufer gefühlt habe, als sein Sohn nach dem Training gegen 19.30 Uhr nicht am Steg aufgetaucht sei. Er habe darauf gedrungen, dass auch Hubschrauber in der Dämmerung nach Leo suchen - was dann auch geschehen sei. Er sei mit einer Taschenlampe selbst am Ufer losgezogen. Das Einerboot des hochgewachsenen 13-Jährigen wurde später 1600 Meter südwestlich vom Ruder-Club gefunden - Leos Leichnam erst sechs Tage darauf in 38 Meter Tiefe vor Niederpöcking.

Der Vorsitzende des MRC betont im Prozess, dass das Schülertraining nicht unter der Regie des Vereins geführt worden sei. Gleichwohl gebe es einen Trainingsleitfaden, wonach man Kinder und Jugendliche im Blick behalten und auf dem Wasser begleiten müsse. In diesem Fall verstehe er nicht, warum die Betreuer sich entschieden hätten, Leo den Einer zuzuweisen. Eigentlich lerne man Rudern nicht im Einer, sondern in großen Booten. Dies sei insbesondere in der Kaltwasserzeit eine zentrale Sicherheitsmaßnahme.

Vernommen wird zudem ein Starnberger, der am Unglücksabend mit seinem Wildwasser-Kajak in dem Revier unterwegs war. "Windhosen wirbelten über den See und haben mich fast aus dem Kajak geworfen", erzählt der einstige Rudertrainer. Er hätte bei diesen Wetterverhältnissen Jugendliche nie im Leben auf den See gelassen. Immer wieder fragt der Staatsanwalt bei anderen Zeugen nach, wann und wo sie Leo zuletzt gesehen hätten - und wie die Einteilung der Boote vorgenommen worden sei. Doch nach sechs Jahren können sich einige nicht mehr an Details erinnern. Der Ankläger geht bisher davon aus, dass es der Schüler wegen des starken Windes nicht mehr geschafft habe, zum Ruder-Club zurückzukehren und deshalb versucht habe, das 400 Meter entfernt liegende Ufer noch schwimmend zu erreichen.

Der Antrag der Verteidiger, die Verhandlung wegen unzureichender Ermittlungsakten nicht fortzuführen, weist Amtsrichterin Karin Beuting als unbegründet zurück. Die Angeklagten hatten bereits 12 000 und 50 000 Euro als Geldauflage für die Einstellung des Verfahrens ohne Verhandlung gezahlt. Doch diese Entscheidung hob das Landgericht München II nach Beschwerden der Staatsanwaltschaft und der Nebenkläger auf. Jahrelang haben Leos Eltern für diesen Prozess gekämpft. Das Urteil wird für den 12. Juli erwartet.

© SZ vom 22.06.2021
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