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Städtische Kliniken:Experten zweifeln am Sanierungskonzept

Klinikum Schwabing

Der Sanierungsplan sieht starke Einschnitte beim Klinikum Schwabing vor.

(Foto: Florian Peljak)

Steht die Notfallversorgung von Patienten auf dem Spiel? Das befürchten Fachabteilungen des Gesundheitsreferats. Doch in der Stadtratsvorlage taucht die Kritik am Sanierungskonzept für das städtische Klinikum kaum auf.

Von Dominik Hutter und Ekkehard Müller-Jentsch

Die Fachabteilungen des Münchner Gesundheitsreferats haben offenbar erhebliche Einwände gegen das Sanierungskonzept für das städtische Klinikum. In einer 32 Seiten langen internen Stellungnahme, die der SZ vorliegt, üben die Experten der Behörde aus medizinischer Sicht massive Kritik an den Plänen der Unternehmensberatung Boston Consulting, die in den nächsten Tagen im Stadtrat diskutiert werden sollen.

Als kritisch beurteilen sie vor allem die Verkleinerung der Krankenhäuser Schwabing und Harlaching, in deren Notfallzentren dann nicht mehr sichergestellt sei, "dass die Patienten adäquat versorgt werden können" - weil Fachabteilungen im Hintergrund fehlen. Ähnliche Bedenken kommen immer wieder auch aus Ärztekreisen sowie vom Hausärzteverband.

Schwabing und Harlaching, heute noch vollwertige Klinik-Standorte, sollen nach dem Vorschlag von Boston Consulting künftig nur noch über "lokale Notfallzentren" verfügen. Zwar sind weiterhin Operationsmöglichkeiten, Intensivstationen, Schockräume und Betten vorhanden. Kritische Fälle müssten jedoch nach Bogenhausen, Neuperlach oder in andere Krankenhäuser gebracht werden. Damit sei die Notfallversorgung der Münchner gewährleistet, versichert Klinik-Chef Axel Fischer.

Laut der Stellungnahme aus dem Gesundheitsreferat ist aber in dem geplanten Mutter-Kind-Zentrum in Schwabing "bestenfalls eine ausreichende Versorgung von frauenspezifischen Notfällen und bei Kindern gewährleistet" - es sei denn, man halte die entsprechenden Fachärzte und die notwendigen Gerätschaften speziell für die Notaufnahme vor. Dies aber sei sehr kostspielig, nicht nur wegen der hohen Personalkosten, sondern auch wegen der unweigerlich schlechten Auslastung der medizinischen Apparate. Eine fachärztliche Betreuung sei - neben der 24-Stunden-Präsenz eines erfahrenen Arztes für Notfallmedizin - für die Notfallversorgung unbedingt erforderlich, vor allem in den Bereichen Innere Medizin, Neurologie und Chirurgie.

Mitversorgung? - "Nicht machbar"

Die geplante "Mitversorgung" Schwabings per Beratung aus Bogenhausen sei aus zeitlichen und organisatorischen Gründen "nicht machbar". Ganz ähnlich sieht es laut dem Papier in Harlaching aus. Dort solle es zwar immerhin noch ein neurologisches Zentrum geben, dessen Kompetenz auch für Notfälle genutzt werden könne. Allerdings seien keinerlei operative Fachbereiche mehr vorgesehen, sodass das gesamte Personal und die OP-Infrastruktur ausschließlich für das Notfallzentrum vorgehalten werden müssten.

Eine Folge solcher Notaufnahmen zweiter Klasse, so warnen die Experten des Gesundheitsreferats, könnte sein, dass die Rettungsdienste künftig Schwabing und Harlaching meiden und bevorzugt andere Krankenhäuser anfahren. Dies könne fürs Stadtklinikum "existenziell" werden, da sehr viele Patienten über die Notaufnahme kämen. Sollten obendrein an den verbliebenen vollwertigen Notaufnahmen in Bogenhausen und Neuperlach Engpässe auftreten, "käme es zu einem massiven Vertrauensverlust ins städtische Klinikum als Notfallversorger und zu unter Umständen weiter zurückgehenden Fallzahlen", steht in der Stellungnahme.

Gegen den Abbau von etwa 800 Betten haben die Verfasser des Papiers keine Einwände. Ungünstig sei aber, dass dem Sanierungskonzept zufolge im Norden Münchens künftig keine stationäre Dialyse und auch keine Geriatrie mehr existiere und dass das Mutter-Kind-Zentrum in Schwabing ohne Gynäkologie geplant sei. Im Süden könnten Engpässe bei der Augenheilkunde auftreten - diesen Bereich will das Stadtklinikum weitgehend aufgeben. Zudem sei die künftige Rheumatologie in Bogenhausen zu klein geplant.

In der Beschlussvorlage für den Stadtrat, der in dieser und in der kommenden Woche über das Konzept von Boston Consulting befinden soll, taucht die Stellungnahme der Fachabteilungen nicht auf. In dem von Gesundheitsreferent Joachim Lorenz und Kämmerer Ernst Wolowicz gemeinsam formulierten Papier ist von "Einverständnis mit dem Medizinkonzept" die Rede - was bedeutet, dass sich Lorenz die Bedenken aus dem eigenen Haus wohl nicht zu eigen gemacht hat. Der Referent, der urlaubsbedingt nicht zu erreichen war, dürfte eine Abwägung vorgenommen haben - zugunsten des Erhalts des gesamten Unternehmens. Denn ein Alternativkonzept, um die Insolvenz abzuwenden, existiert bislang nicht.

Allerdings ist der Beschlussvorlage ein Fragen- und Antwortkatalog beigelegt, in dem einige Probleme aus der Stellungnahme aufgegriffen werden. Laut Klinikum muss die technische Ausstattung der Notfallzentren erst noch im Detail ausgearbeitet werden; es gelte, die "Infrastrukturvorhaltungen" zu minimieren. Fachärzte aus Bogenhausen und Neuperlach sollen Schichten in den Notaufnahmen in Schwabing und Harlaching übernehmen, um die Versorgung der Patienten sicherzustellen.

© SZ vom 30.06.2014/infu
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