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Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme:Die Röhre als Rückgrat

Pferdekoppel bei Daglfing, 2012

Vielleicht wird es weniger Pferdekoppeln in Daglfing geben. Aber Freiraum- und Freizeitlandschaften bleiben wichtige Elemente der SEM-Planung.

(Foto: Florian Peljak)

Bei einer Online-Konferenz macht die Stadt deutlich, dass für die Bahnstrecke durch das geplante Baugebiet im Nordosten nur ein Tunnel akzeptabel ist. Teilnehmer dringen zudem auf ein kluges Mobilitätskonzept

Von Nicole Graner

"Wir werden alles machen, damit wir den Tunnel bekommen." Irgendwie scheint es, dass Arne Lorz, Hauptabteilungsleiter für Stadtentwicklungsplanung beim städtischen Planungsreferat, ein besonderes Gewicht auf das Wort "alles" legt. Zur Not eben auch mit einer Klage. Das Signal ist also deutlich, das Lorz damit 265 Zoom-Zuhörern gibt, die sich zum dritten Teil der Veranstaltungsreihe "Nach dem Wettbewerb: Qualitätsfragen für die Entwicklung eines lebendigen Stadtquartiers im Münchner Nordosten" per Videoschalte eingeklinkt hatten. Kein Trog, kein ebenerdiger Ausbau, für den sich die Deutsche Bahn AG als Amtslösung entschieden hat. Nur ein Tunnel. Er gewährleiste, dass das Quartier nicht unterteilt werde, Wegebeziehungen und Sichtbeziehungen möglich würden. Ohne einen unterirdischen, viergleisigen Ausbau der Bahnstrecke zwischen Daglfing und Johanneskirchen sei, so das klare Fazit von Lorz, die Planung für die Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme (SEM) und ein neues, urbanes Quartier "gar nicht möglich".

Und Lorz macht noch etwas klar: Auch wenn die Feinvarianten-Untersuchung noch zwei Jahre dauern wird, seien die nächsten 24 Monate für eine sprichwörtliche Weichenstellung entscheidend. Die Stadt wolle einen auf politischer Ebene geführten Diskurs und mehr Bürgerbeteiligung. "Denn vieles ist nicht so verfolgt worden, wie wir uns das vorgestellt hatten", sagt Lorz.

Der Tunnel auf der einen Seite, auf der anderen ein klares und vor allem frühzeitig entwickeltes Mobilitätskonzept für die SEM - dafür spricht sich Christian Stupka aus, der bei Stattbau München GmbH an Konzepten für nachhaltige Wohn- und Siedlungsstrategien arbeitet. Das Beispiel Prinz-Eugen-Park habe gezeigt, dass man ein urbanes Quartier schaffen könne, in dem Fahrzeugbewegungen erheblich minimiert werden könnten. Ursprünglich sei man bei 1900 Wohnungen und 4500 Neubürgern von 9000 Fahrzeugbewegungen am Tag ausgegangen. Die jüngsten Zahlen vom Oktober 2020 aber zeigten, so Stupka, dass es jetzt nur 4200 sind. Es habe sich also gelohnt, mit allen Bauherren zu sprechen und gemeinsame Möglichkeiten wie Car-Sharing und Bikestationen zu entwickeln. "Öffentlicher Personen-Nahverkehr first" ist Stupkas Credo. Mobilität durch den ÖPNV müsse das oberste Ziel sein bei einer Planung für ein neues Quartier. Und bei einer möglichen Bebauung für 30 000 Bewohner gelte das erst recht. Kurze Wege, viele Nutzungsmöglichkeiten, kleinteiliges Gewerbe - all das würde dazu beitragen, Autos aus Wohngebieten herauszubekommen. Gebhard Wulfhorst vom Lehrstuhl für Siedlungsstruktur und Verkehrsplanung an der TU München, schließt sich dieser Meinung an. "Es braucht jetzt für die SEM mutige Entscheidungen." Man müsse entschlossen planen und nicht erst dann, wenn jeder der Bewohner im Quartier ein Auto habe.

Der neue Leiter des Münchner Mobilitätsreferats, Georg Dunkel, unterstreicht die Forderung. Der ÖPNV müsse für die SEM das "zentrale Rückgrat" sein. Der Bahn-Tunnel sei ebenso eine Voraussetzung wie auch die Verlängerung der U 4 und die Verlängerung der Tram vom Süden in den Nordosten. Roland Krack von der Bürgerinitiative für Bahntunnel von Zamdorf bis Johanneskirchen e.V. blickte über den Tellerrand der SEM und wünschte sich ein Mobilitätskonzept, das auch die Nachbarviertel mit einschließen müsse.

Die Veranstalter - ein Gemeinschaftsprojekt der Münchner Initiative für ein soziales Bodenrecht, des Bayern Forums der Friedrich-Ebert-Stiftung, der Evangelischen Stadtakademie, der Münchner Volkshochschule (MVHS) mit dem Ökologischen Bildungszentrum und Nord-Ost-Kultur - taten gut daran, die Chat-Runde erst nach den Vorträgen zu starten. Denn in den ersten beiden Zoom-Abenden nahm die Chat-Diskussion so überhand, dass man den Vorträgen kaum folgen konnte. Auch war der Ton im Chat ein unfreundlicher. Das ist dieses Mal, bis auf ein paar Ausnahmen, anders. Und klar wird: Keiner der Diskutierenden lehnt den Tunnel ab. Im Gegenteil. Auch wenn er ja erst noch finanziert werden muss. Wie auch die Verlängerung der U-Bahnlinie U 4. Sorgen bereitet den Teilnehmern aus Dornach und Unterföhring der zunehmende Verkehr in die Nachbargemeinden. Thematisiert wird auch die Angst, in Daglfing eine Idylle und Freizeitmöglichkeiten zu verlieren.

Das Thema SEM bleibt auf jeden Fall eines, das stets im Dialog mit der Bevölkerung diskutiert werden muss - und wird, wie Winfried Eckardt von der Volkshochschule verspricht.

© SZ vom 16.01.2021
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