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Stadtwerke:Münchner Energiewende wird billiger

100 Kilometer westlich von Sylt ging ein neuer Windpark ans Netz: Sandbank. Der Strom gehört zu 49 Prozent den Münchner Stadtwerken (SWM).

(Foto: Robert Haas)
  • Die Münchner Energiewende wird deutlich günstiger als gedacht.
  • Sie wird voraussichtlich fünf bis sechs Milliarden Euro kosten, nicht wie geplant neun Milliarden.
  • Weil die Energiewende im ganzen Land an Fahrt aufgenommen hat, sind die Preise für neue Anlagen gesunken.

Von Kassian Stroh

Halbzeit war am 23. Juli 2017. An jenem Sonntag ging mitten in der Nordsee, fast 100 Kilometer westlich von Sylt, ein neuer Windpark ans Netz: Sandbank. Auf einer Fläche zehnmal so groß wie Laim stehen dort 72 Windräder, und der Strom, den sie erzeugen, gehört zu 49 Prozent den Münchner Stadtwerken (SWM). Sie haben den Start von Sandbank im Juli deshalb als großen Schritt gefeiert: Seitdem wird gut die Hälfte des Münchner Strombedarfs aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen.

Halbzeit also beim selbst gesteckten Ziel, dies bis zum Jahr 2025 ganz tun zu können. Und bei diesem milliardenschweren Projekt liegen die Stadtwerke deutlich besser im Plan gedacht. Mit Sandbank haben sie die 50-Prozent-Marke nicht nur ein Jahr früher erreicht. Nun zeichnet sich auch ab: Die Münchner Energiewende wird deutlich günstiger als gedacht.

Mit Investitionskosten von neun Milliarden Euro hatten die SWM und der Stadtrat in den Jahren 2008 und 2009 kalkuliert, als sie die "Ausbauoffensive Erneuerbare Energien" auf den Weg brachten. Die erste Hälfte umzusetzen, hat nun aber nur drei Milliarden Euro gekostet, wie SWM-Chef Florian Bieberbach erläutert; für die zweite Hälfte kalkuliert er mit noch weniger.

Am Ende dürfte ein Gesamtpreis von "fünf bis sechs Milliarden Euro" stehen. Eine erfreuliche Aussicht für die Stadtwerke, die somit weit weniger Kredite aufnehmen müssen als gedacht; sie finanzieren die Münchner Energiewende aus dem laufenden Betrieb und ohne Zuschüsse der Stadt, der die SWM ja zu 100 Prozent gehören.

Selten genug, dass Großprojekte so viel billiger werden. Im Falle der Ausbauoffensive hat das schlicht einen Grund: So viel Aufsehen vor bald einem Jahrzehnt der Beschluss Münchens erregt hat, im Jahr 2025 nur noch Öko-Strom zu verbrauchen, so sehr hat die Energiewende im ganzen Land inzwischen an Fahrt aufgenommen. Dadurch sind die Preise für neue Anlagen rapide gesunken.

Zum Beispiel bei Solaranlagen: 2009 musste ein Energieversorger für ein neues Kraftwerk noch etwa 3000 Euro ausgeben pro Kilowatt an installierter Maximalleistung, wie Bieberbach vorrechnet - inzwischen sind es weniger als 1000 Euro. Nicht ganz so stark, aber auch erheblich ist der Preisverfall bei Windkraftanlagen an Land: von 1,8 Millionen Euro je Megawatt Leistung auf inzwischen etwa 1,1 Millionen Euro oder weniger.

Windräder sind günstiger geworden

Ähnlich sieht die Entwicklung bei den (deutlich teureren) Windparks auf hoher See aus. "Die Windräder sind größer geworden und günstiger. Ich muss also weniger Geld ausgeben je Megawatt Leistung", sagt Bieberbach. Zudem erleichtert ein zweiter Effekt es den Stadtwerken, ihr Ökostrom-Ziel zu erreichen: Sie müssen weniger bauen. "Die Anlagen sind besser geworden, bei schwachem Wind holt man mehr raus", erläutert Bie-berbach - etwa ein Fünftel mehr als noch vor fünf oder zehn Jahren.

Bessere Geschäfte machen die Stadtwerke deshalb aber noch nicht. "Die Kehrseite der Medaille ist: Die Vergütung ist sehr stark gesunken, teils so stark, dass sich Projekte nicht mehr lohnen", sagt Bieberbach. Zudem sind Energieanlagen wegen der niedrigen Zinsen seit Längerem höchst begehrt als Geldanlageobjekt etwa für Versicherungen oder Pensionsfonds. "Große Investoren suchen händeringend nach Projekten, die werden für extrem hohe Preise verkauft", sagt Bieberbach. Zu hoch oft für seine Stadtwerke - die deshalb in den vergangenen Jahren kein Windkraft-Projekt an Land mehr gestartet hätten.

Als sich München im Jahr 2008 das Ziel steckte, die Umstellung auf erneuerbare Energien bis 2025 zu schaffen, als angeblich erste Millionenstadt weltweit, da wurde das von manchen als tatkräftig bewundert, von anderen als utopisch belächelt - in jedem Fall war es ein ehrgeiziges Ziel. Dass es nun besser läuft als gedacht, ist für Bieberbach aber kein Grund, noch ein bisschen ehrgeiziger zu werden. "2025 bleibt das Ziel. Wir sind zwar gut unterwegs, die nächsten Jahre werden aber nicht einfacher", sagt er.

"Da möchten wir die Möglichkeit haben, auch mal ein Jahr lang kein neues Projekt zu bauen, wenn keines passt." Neben all den Ungewissheiten, wie es auf dem Energiesektor weitergeht, hat er bis 2025 ja auch zwei große Steine aus dem Weg zu räumen: Drei Jahre zuvor wird das Atomkraftwerk Isar 2 abgeschaltet, an dem die SWM ein Viertel halten und das nach wie vor einen großen Teil des Münchner Strombedarfs deckt. Und unklar ist, wie es mit dem Steinkohle-Block des Kraftwerks München-Nord weitergeht, den abzuschalten bis 2022 die Münchner per Bürgerentscheid beschlossen haben.

Zupass kommt den Stadtwerken aber, dass - anders als zum Start der Offensive gedacht - der Stromverbrauch in München stagniert. Er schwankt um den Wert von sieben Terawattstunden herum, das sind sieben Milliarden Kilowattstunden, die Privathaushalte, Unternehmen, Behörden und Verkehrsbetriebe im Jahr verbrauchen. Der Mehrbedarf durch das Bevölkerungswachstum wird durch einen geringeren Pro-Kopf-Verbrauch ausgeglichen.

© SZ vom 29.12.2017/haeg
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