Süddeutsche Zeitung

Klimaschutz:Stadtwerke setzen auf Geothermie

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Von Wolfgang Görl

Rund 58 Meter hoch ist der stählerne Bohrturm, von dem aus sich der Bohrmeißel in den Boden um das Heizkraftwerk Süd an der Schäftlarnstraße frisst. 250 Meter schraubt sich der Bohrer in 24 Stunden in die Tiefe, bei etwa 3000 Metern wird er die heiße Thermalwasserschicht erreichen. Das zirka 100 Grad heiße Wasser wird an die Oberfläche gepumpt und über Wärmetauscher geleitet, wobei Energie gewonnen wird, die zum Heizen oder zur Erzeugung von elektrischem Strom genutzt werden kann. Die Geothermie-Anlage in Thalkirchen soll eines Tages rund 80 000 Münchnerinnen und Münchner mit klimafreundlicher Fernwärme versorgen.

Die Anlage im Münchner Süden ist ein Baustein des städtischen Klimaschutzprogramms, an dessen Ende im Jahr 2050 München weitgehend klimaneutral sein soll. Bis dahin, so der Plan, soll der Ausstoß an Treibhausgasen jährlich nurmehr 0,3 Tonnen pro Kopf betragen. Gegenwärtig sind es rund 6,5 Tonnen Treibhausgase (insbesondere Kohlendioxid), die der Münchner pro Jahr in die Atmosphäre entlässt. Einen erheblichen Anteil hat dabei der Wärmesektor: Im Jahr 2014 betrug der wärmebedingte CO₂-Ausstoß von Gebäuden in München rund 2,8 Millionen Tonnen, wobei Wohnhäuser rund 80 Prozent dieser Emissionen verursachten.

Um von dieser Menge herunterzukommen, sind gewaltige Anstrengungen nötig. Was geschehen muss, damit die Wärmeversorgung künftig weitgehend ohne den Ausstoß von Treibhausgasen abläuft, ist Gegenstand der Studie "Wärmewende München 2040", die die Forschungsgesellschaft für Energiewirtschaft (FfE) im Auftrag der Stadtwerke (SWM) erarbeitet hat. SWM-Chef Florian Bieberbach und Serafin von Roon, der Geschäftsführer der Forschungsgesellschaft, stellten die Studie am Freitag im Heizkraftwerke Süd vor.

Im Wesentlichen sind es drei Fragen, welche die FfE-Experten beantworden sollten: Wo liegen die größten CO₂-Einsparpotenziale? Welche Technologien gibt es, und welche Schritte müssen eingeleitet werden? Erklärtes Ziel ist es, die wärmebedingten Kohlendioxid-Emissionen bis 2040 um 70 Prozent zu senken.

Da, wie Serafin von Roon konstatierte, gegenwärtig noch fossile Brennstoffe, also Erdgas und Heizöl, bei der Wärmeversorgung von Wohnbauten dominieren, "müssen wir da ran". Welche Richtung man dabei beschreiten solle, ist der Studie zufolge klar: "Fernwärme aus Geothermie ist mit Abstand die effektivste Maßnahme, um CO₂ im Münchner Wärmemarkt einzusparen." Aber dies allein würde nicht genügen, das anspruchsvolle Ziel erreichen. Nicht alle Wohngebiete können mit Fernwärme versorgt werden, weshalb es nötig wäre, in den betreffenden Häusern die Heizungen von Öl auf Gas umzustellen oder die Effizienz durch den Einbau neuer Kessel und Wärmepumpen zu steigern. Wo keine Fernwärme verfügbar ist, sollten Quartierskonzepte erstellt werden, die auf der Nutzung dezentraler Anlagen, beispielsweise Solarthermie, basieren. Auch die Sanierung von Bestandsbauten ist den Experten zufolge "ein weiterer entscheidender Hebel".

Auf Hausbesitzer und Mieter kommen höhere Kosten zu

Die angestrebte "Wärmewende" könne, so Roon, aber nur gelingen, wenn die maßgeblichen Politiker, vor allem aber die Bevölkerung deren Ziele und Erfordernisse akzeptierten - nicht zuletzt, weil die Maßnahmen mit Kosten verbunden sind, für die Hausbesitzer und im Regelfall auch Mieter aufkommen müssen. "Es gilt also, durch gezielte und fortlaufende Information und Kommunikation alle Beteiligten für die Notwendigkeit der Wärmewende zu sensibilisieren und so ihre Unterstützung zu sichern", heißt es in der Studie.

Für SWM-Chef Bieberbach bedeutet das auch, dass sich die politischen Rahmenbedingungen ändern müssten, die den erforderlichen Maßnahmen mitunter entgegenstünden. "So fehlen etwa entscheidende Anreize zur Sanierung, das Mietrecht steht sachgerechten Lösungen im Wege, und erneuerbare Wärme in Fernwärmenetzen spielt in der bundespolitischen Diskussion noch kaum eine Rolle."

Vor allem aber zieht er aus der Studie den Schluss: "Wir müssen die Fernwärme ausbauen" - Fernwärme, die sich aus erneuerbaren Energien speist. Für München kommen diese aus der Erdkruste. Die Geothermie, sagt Bieberbach, ist ein "Glücksfall für München". Sie verschafft der Stadt Vorteile gegenüber anderen Großstädten. Die basieren auf der geografischen Lage: Unter der Erdoberfläche befindet sich in einer Tiefe von 2000 bis 3000 Meter ein Heißwasservorkommen mit Temperaturen von 80 bis mehr als 100 Grad - und dorthin wird gerade eifrig gebohrt.

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Quelle:
SZ vom 27.10.2018
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