Stadtplanung Klotzen, nicht kleckern

Viel Platz für viele Menschen: So könnte es im westlichen Fürstenried künftig aussehen.

(Foto: Visualisierung: LIN Labor Integrativ)

Das bereits stark besiedelten Gebiet an der Appenzeller Straße wird durch sieben Neubauten und drei Hochhäuser mit bis zu 16 Stockwerken verdichtet. Bestehende Gebäude werden aufgestockt

Von Jürgen Wolfram, Fürstenried

Bei der Nachverdichtung in Fürstenried-West wird geklotzt und nicht gekleckert. Dem knapp 14 Hektar großen, bereits stark besiedelten Gebiet an der Appenzeller Straße, der Forst-Kasten-Allee und der Bellinzonastraße werden nach aktuellem Stand zusätzlich sieben Neubauten mit sieben bis acht Geschossen sowie drei sogenannte Hochpunkte mit 13 bis 16 Stockwerken eingepflanzt, dazu kommen 16 Aufstockungen bestehender Gebäude. So sieht es das Siegerkonzept eines Architektenwettbewerbs vor, das jetzt öffentlich präsentiert wurde und noch bis 19. Januar im Pfarrsaal der Andreaskirche ausgestellt bleibt.

Der Entwurf stammt von der LIN Labor Integrativ Gesellschaft von Architekten mit Holzwarth Landschaftsarchitektur, beide Berlin, und hat in der Endausscheidung drei weitere Arbeiten aus dem Feld geschlagen. Das Konzept war bereits bei einem Workshop zur Nachverdichtung im Oktober 2016 von den meisten Teilnehmern favorisiert worden - nicht zuletzt weil es unter der Marke von 600 zusätzlichen Wohnungen blieb, die ursprünglich als Zielvorgabe formuliert worden war.

Wie sich bei der rege besuchten Vorstellung des siegreichen Konzeptes zeigte, stehen viele Quartiersbewohner den Plänen unverändert skeptisch gegenüber. Sie befürchten, dass Höhenentwicklung, Parkplatzprobleme, der Verlust von Grün und Sichtbehinderungen durch Enge ihrer Gegend nicht gut bekommen werden. Die Bürgerinitiative "Pro Fürstenried" jedenfalls sieht keinen Anlass, ihr Urteil zu revidieren; sie bemängelt ein "kurzsichtiges Vorgehen der Stadt, das die Anwohner über Jahre hinweg ausbaden müssen".

Vertreter des Referates für Stadtplanung und Bauordnung sowie die Projektträgerin der Nachverdichtung, die Bayerische Versorgungskammer, verteidigten den gekürten Entwurf der Berliner Architekten ebenso wie die generelle Vorgabe, in Fürstenried-West neuen, bezahlbaren Wohnraum in größerem Umfang zu schaffen. Das Angebot reiche von Apartments für Singles bis zu Sieben-Zimmer-Wohnungen für Großfamilien. Daniel Just, mit Detailfragen bestürmter und von sarkastischen Zwischenrufen - "Geht's nicht noch höher?" - begleiteter Vorstandsvorsitzender der Versorgungskammer, wies darauf hin, dass die Architekten im Sinne der Anwohner schon "kräftig nachgearbeitet" hätten. Er räumte weitere offene Fragen ein, präsentierte jedoch zugleich eine "Checkliste", die belegen soll, wie alle Planer sich dahinter klemmen, das umfängliche Projekt städtebaulich zu optimieren. "Einige Dinge sind noch im Fluss, aber alle Themen werden ernsthaft aufgegriffen und bearbeitet", versprach Just. Und: Die Versorgungskammer verstehe sich als Partner des Viertels, nicht als "Überoptimierer".

Von einem "sehr erfreulichen Ergebnis" des Architektenwettbewerbs sprach Marion Wolfertshofer, Vertreterin des Planungsreferates. Der siegreiche Entwurf zeuge von "hoher Qualität" und gehe "am sensibelsten mit dem Bestand um". Nächster Schritt sei nun im Frühjahr der Stadtratsbeschluss zur Einleitung des Bebauungsplanverfahrens. Mit dem Baubeginn wird frühestens für 2019 gerechnet. Vier, fünf Jahre wird es dann rund gehen in Fürstenried-West.

Auf die "Vorzüge" des Sieger-Entwurfs ging Finn Geipel, Chef des Architekturbüros, näher ein. Für ihn fallen in diese Kategorie, dass man zur Schonung des Landschaftsbildes "ausschließlich straßenbegleitend" neu baue, durch den Einsatz von Modultechnik die Bauzeit verkürze und die Aufenthaltsqualität des Straßenraums aufwerte. Pluspunkte seien ferner die Entsiegelung von Flächen, die Schaffung großräumiger Tiefgaragen, der Verlegung aller oberirdischen 197 Besucherparkplätze, die Verbesserung der Situation für Radfahrer und öffentliche Busse sowie eine "fließende Führung" verbreiterter Wege.

Schließlich soll die Quartiersqualität durch zugängliche Dachgärten, neue Treffpunkte im Freien und einen Pavillon gestärkt werden, in dem beispielsweise ein Paketdienst untergebracht werden könnte. Von manchen Besuchern der Konzeptvorstellung positiv vermerkt: Endlich sei mal von neuen Läden, einem Café und einer dichteren Taktung des Busverkehrs die Rede gewesen.

"Der Dialog geht weiter", kündigte die Moderatorin des Abends an; Mitsprache soll auch in den folgenden Planungsstadien möglich bleiben. Die Mitglieder des Preisgerichtes - darunter neben einer Reihe von Architekten auch Stadträte sowie der Bezirksausschuss-Vorsitzende Ludwig Weidinger (CSU) - dürfen sich wohl darauf einstellen, wegen des Votums der Jury noch einiges an Kritik ertragen zu müssen.

Dabei ist die Grundsatzentscheidung für die massive Nachverdichtung in Fürstenried-West schon vor geraumer Zeit im Stadtrat gefallen. Da die Freiflächen in ganz München zur Neige gehen, gebe es keine andere Möglichkeit mehr, den Wohnraummangel anders zu bekämpfen als auf diese Weise, hieß es damals vom Planungsreferat.