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Stadtjäger Wolfgang Schreyer:Wildkaninchen sind ein neues Problem

Ein Zwischenstopp also auf dem Weg zum Messegelände. Schreyer fährt die Klärbecken ab, sichtet an diesem Tag aber keine Vögel. Die Abschreckung hat funktioniert: Inzwischen leben nur noch knapp hundert Möwen auf dem Gelände.

Und trotzdem muss er kommen. Auch weil ein neues Problem aufgetreten ist: Wildkaninchen. "Wegen des milden Winters haben die sich buchstäblich vermehrt wie die Karnickel und machen Gärten und Grünflächen kaputt", schimpft Schreyer. Grünanlagen sind ideal für die Wildkaninchen, aber für die jungen Bäume eine Bedrohung. Sie nagen die Rinde ab und zerstören die Sträucher. "Einmal haben Wildkaninchen die Erde unter einer Garage so lange umgepflügt, bis die Garage abgesunken ist", erzählt Schreyer.

Nächster Ort, nächstes Problem. Schreyer hält vor dem künstlich angelegten See am Haupteingang des Messegeländes. Frau Zieglers Einsatz ist gekommen. Der Stadtjäger zieht sich den Handschuh über, öffnet den Käfig und greift nach dem Vogel, so vorsichtig, als wäre der Bussard eine wertvolle Porzellanvase. Mit einer Schnur, die er am Bein des Bussards befestigt, bindet er Frau Ziegler an seinem Handschuh fest. Mindestens 60 Vögel sitzen am Teich, nur 20 dürfen es sein, so wünscht es der Auftraggeber.

Frau Ziegler breitet immer wieder ihre Flügel aus. Noch hält Schreyer sie an der Schnur fest. Die Möwen schlagen mit den Flügeln, bemerken den Bussard, ihren Feind. Einige flattern schon davon. Dann lässt der Jäger seinen Vogel los. Frau Ziegler fliegt los, geradewegs auf sie zu, die Möwen starten ebenfalls, wild durcheinander. Der Greifvogel umkreist den Messesee, immer wieder, bis nach etwa zehn Minuten keine Möwe mehr zu sehen ist, dann landet er auf einer Straßenlaterne und wartet. Mit einem toten Küken und einem lauten Schrei lockt Schreyer seinen Vogel zurück zum Handschuh, er schnappt nach der Belohnung.

Umsiedeln statt Töten

Anschließend lässt der Jäger Frau Ziegler noch einmal fliegen, bevor sie zurück in die Box muss. Geschnappt hat sie keine der Möwen. "Das passiert nur ganz selten, wenn ein Tier sichtlich krank ist", sagt Schreyer. Ein Kommando muss er dafür nicht geben. "Der Greifvogel selektiert dann selbst."

Nur wenn es sich nicht vermeiden lässt, tötet Schreyer die Wildtiere in der Stadt. "Manchmal reicht es schon, sie umzusiedeln", sagt er und erzählt von seinen Marderfallen. Statt Gift setzt er in diesen ein Pulver ein, das den Tieren an den Pfoten kleben bleibt und sie vertreibt. Auch der Geruch von Menschen- oder Hundehaaren in der Motorhaube oder ein Gitter unter dem Auto können Marder verscheuchen.

Muss er doch mal schießen, trifft er besondere Vorkehrungen. "Sicherheit hat für uns Stadtjäger absoluten Vorrang, wir ballern nicht sinnlos herum", sagt Schreyer. In der Innenstadt ist er mit seiner Tochter unterwegs. Einer beobachtet die Umgebung und passt auf, dass keine Spaziergänger kommen. Derzeit ist er besonders häufig im Einsatz, die Jagdsaison geht los. Und trotzdem muss Schreyer sie Ende September gleich wieder für zwei Wochen unterbrechen: "Während der Wiesn schieße ich nicht, da ist zu viel los in der Stadt."

© SZ vom 13.09.2014
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