Stadtgestaltung:"Kein Mensch würde sagen: Ich wohne neben den Welfenhöfen."

Mit einem zweiten Stadtratsantrag will die CSU auch hier eine Gegenoffensive starten. "Wenn jemand innovativ baut, etwa bei der Form des Gebäudes, der Ausgestaltung, der Höhe, der Sprache, soll er ein höheres Baurecht bekommen", fordert Pretzl. Markante Bauten sollen Identität schaffen. "Wenn man neben dem BMW-Vierzylinder wohnt, dann ist das was, wo man sagt: Daneben wohne ich. Kein Mensch würde sagen: Ich wohne neben den Welfenhöfen." Und die Architekten sollten die Wünsche der Menschen berücksichtigen. Aus Pretzls Sicht bedeutet das: kleine, grüne Innenhöfe, in denen die Bewohner "mit den Nachbarn manchmal abends ein Bier trinken und die Kinder rauslassen können".

Als Beispiele für dichte, aber gelungene Bebauung führt er die Borstei in Moosach, die Kolbsiedlung in Untergiesing-Harlaching oder auch das geplante Hochhaus am Arabellapark mit seiner begrünten Fassade an. Wichtig sei ihm zudem, dass die Stadt ihre unterschiedlichen Wohnformen behält. "Wir haben Vorstädte, klassische Gartenstädte, sehr urbane Gebiete, Viertel aus den Sechziger- und Siebzigerjahren", sagt Pretzl. "Ein Student mag es vielleicht eher eng und mit vielen Kneipen rundum, als Familie ist mir Grün mehr wert."

Eine Wohnform will die CSU wie auch Oberbürgermeister Dieter Reiter noch viel stärker forcieren: Hochhäuser. Sensibel, aber nachdrücklich, wie Pretzl sagt. Die Baugebiete an der Achse vom Hauptbahnhof über Laim bis Pasing oder Schwabing Nord seien verpasste Chancen gewesen.

Künftig soll das Planungsreferat, so wird es Pretzl beantragen, verpflichtend jeden neuen größeren Bebauungsplan daraufhin überprüfen, ob ein Wohnhochhaus möglich sei. Überhaupt will die CSU die Bauverwaltung dafür sensibilisieren, auch mal neue Wege mit neuen Architekten zu gehen. "Das ist ganz wichtig. Die Verwaltung muss das aktiv mit fördern und fordern. Da muss man von Seiten der Politik ein klares Signal setzen, dass wir eine andere Architektur auch erwarten."

Die Initiative der CSU wird manchem Grünen oder mancher neuen Wohnungsbaugenossenschaft bekannt vorkommen. Die Ideen sind nicht revolutionär neu, doch sind sie nun im regierenden Rathausbündnis von SPD und CSU angekommen. Das macht sie nicht anders oder besser, aber plötzlich deutlich realistischer. Höchste Zeit sei es für Veränderung, sagt Pretzl. "Wir bauen die nächsten 20 Jahre die letzten großen Flächen der Stadt zu. Überall wird es dichter. Das prägt unsere Stadt auf lange Zeit. So ein Gebäude steht 60, 80 oder 100 Jahre."

Für Pretzl wird sich in diesem Zeitraum entscheiden, "ob es uns gelingt, die Bürger mit der wachsenden Stadt zu versöhnen". Dafür nimmt er die Auseinandersetzung mit den bestimmenden Architekturbüros der Stadt in Kauf. "Das ist es wert. Diese Architekten strahlen ein großes Sendungs- und Selbstbewusstsein aus, aber sie haben keine demokratische Legitimation." In München müssten endlich wieder Gebäude entstehen, über die die Menschen sagen könnten: "Wow, da wohne ich."

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