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Stadtgeschichte:Heimlich geboren, heimlich ausgesetzt

Findelkinder im alten München: Gabriele Pfeifer schildert das Schicksal armer Mütter und deren Babys

Meistens gaben sie ihre Babys nachts ab, wenn die Straßen der Stadt leer waren. Sie wollten nicht erwischt werden dabei, denn sie scheuten die Schande. Aber sie legten die Kinder dort ab, wo am nächsten Tag wieder das Leben pulsierte und die Wahrscheinlichkeit am höchsten war, dass barmherzige Menschen sie fänden: in den Gassen und in den Fluren großer Häuser. Die Findelkinder sollten möglichst schnell entdeckt und versorgt werden. Die Väter hatten sich oft aus dem Staub gemacht. Und die Mütter waren nicht imstande, ein Kind zu versorgen.

Die meisten abgelegten Kinder, nämlich 125, wurden in der Frühen Neuzeit auf dem Areal des Heilig-Geist-Spitals gefunden - heute ist davon nur noch die Heilig-Geist-Kirche übrig. Das Spital lag auf dem heutigen Viktualienmarkt, es betrieb eine eigene Findelstube. 46 Mal ist die Sendlinger Straße in den Kirchenbüchern als Fundort genannt. Diese Quellen nahm sich die Pasinger Rentnerin Gabriele Pfeifer vor und erlangte mit ihren volkskundlichen Forschungen den Doktorgrad (die SZ berichtete). Mit ihrem Beitrag "Münchens vergessene Kinder" liefert sie im Bayerischen Jahrbuch für Volkskunde ein lesenswertes Stück Münchner Sozialgeschichte ab.

Die Fürsten übten - im Einklang mit den Kirchen - zu dieser Zeit strenge Geburtenkontrolle. Nur Eheleuten war Geschlechtsverkehr erlaubt, doch heiraten durften nur Personen, die eine Familie ernähren konnten. Dienstmägde zum Beispiel, die unehelich schwanger geworden waren, mussten mit Schandstrafen rechnen. Man hängte ihnen Zöpfe aus Stroh ans Haupt und damit wurden sie öffentlich aus- und vor allem bloßgestellt. Von 1638 bis 1822 entschieden sich 1197 Frauen in München, ihr Kind auszusetzen. Pfeifer zitiert den Pädagogen Heinrich Pestalozzi, der die Ursachen anprangerte: Für ihn waren "die falschen Gesetze und die verlogenen Sitten" schuld.

Wenn sie ihr Kind vor Bürgerhäusern ablegten, wussten die Mütter sehr wohl, bei welchen Münchnern ihr Kind am besten aufgehoben sei. Bei Bierbrauern. Sie bilden in den Quellen, den Taufmatrikeln, die am häufigsten genannte Berufsgruppe, und Gabriele Pfeifer weiß auch warum: wegen ihres Wohlstands. Die Ethnologin hat alle Details ausgewertet, die sich aus den Quellen schürfen ließen. Nur selten fanden die Pfarrmatrikelschreiber erwähnenswert, wie die Kinder aufgefunden wurden. Nach Pfeifers Erkenntnissen deuten Behältnisse sowie Kleidung darauf hin, "dass die Aussetzenden den Kindern größtmöglichen Schutz vor den Unbilden der Witterung bieten wollten, auch wenn sie es nur auf ein ,altes Kiß' legen oder in ,Fetzen', ,Lumpen' oder gar ,schmutziges Arbeitszeug' hüllen konnten".

Waren die Kinder gefunden, hatten sie allenfalls Vornamen - sofern von den Eltern eine Information darüber beigelegt war. Beim Zuteilen eines Familiennamens orientierten sich die Namensgeber - und das waren meistens die Matrikelschreiber - gerne am Fundort oder an der Fundsituation. Lag ein Findelkind in einem Korb, entfachte dieser Umstand die Fantasie der Namensgeber insofern, als sie ihm den Familiennamen Körbler verpassten oder Korbmayrin, wenn es sich um ein Mädchen handelte. Waren sie in Kisten, auf Fässern oder Wagen ausgesetzt, hießen sie Schachtlmayr, Fäßl oder Wagerl.

Die Namen Thiermayr, Thürling, Wintherthür oder Pförtner sagen laut Pfeifer alles über den Fundort aus, selbst wenn er nicht explizit erwähnt ist: Diese Kinder waren an einer Tür abgelegt. Mitunter deutete der nachnamensgebende Priester an, wen er als leiblichen Vater vermutete: Den im Jahr 1818 getauften Knaben Johann Hagenbrut hatte seine Mutter vor dem Haus eines Karl von Hagen ausgesetzt. Warum wohl? Ein anderer Findelmünchner bekam zu Beginn des 19. Jahrhunderts einen Namen, der wie Donnerhall gewirkt haben muss: In der Heilig-Geist-Matrikel vom 10. Dezember 1805 ist ein Bub mit dem Vornamen Napoleon registriert. Sein Nachname: Austerlitz. Acht Tage zuvor hatte ein gewisser Napoleon in Austerlitz die Dreikaiserschlacht gewonnen.

© SZ vom 30.01.2018
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