Stadtentwicklung:Grollen vor dem Rollen

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Das Projekt, fünf Stadtviertel im Westen mit einer Trambahn-Strecke vom Romanplatz bis zur Aidenbachstraße zu verbinden, wird von der SPD begrüßt und von der CSU abgelehnt. Ein Spitzengespräch der Bündnispartner soll nun eine Lösung bringen

Von Berthold Neff, Sonja NiesmanN, andrea Schlaier, JüRgen Wolfram

Sie soll den Westen der Stadt durchqueren und neue, attraktive Verbindungen schaffen: Die Tram-Westtangente, vom Stadtrat vor fünf Jahren im Grundsatz beschlossen, kommt nicht richtig in die Gänge. Seitdem Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) ankündigte, die knapp neun Kilometer lange Trasse notfalls auch ohne das Ja der CSU zu bauen, ist das Projekt auch zum Politikum geworden. Nun soll ein Tram-Gipfel nach den Osterferien, an dem die Bürgermeister sowie die Fraktions- und Parteispitzen des schwarz-roten Bündnisses teilnehmen, einen Ausweg aus dem Schlamassel suchen.

Das dürfte alles andere als einfach sein. Die CSU will die Tram verhindern, falls sie den Autoverkehr vor allem auf der Fürstenrieder Straße ausbremst, und pocht auf ihre Kooperationsvereinbarung mit der SPD. Darin heißt es, die Westtangente werde "mit dem Ziel weitergeplant, die verkehrliche Leistungsfähigkeit für den Autoverkehr möglichst unangetastet zu erhalten". Das Ziel, das SPD und auch Grüne verfolgen, ist ein anderes, nämlich den öffentlichen Nahverkehr so zu ertüchtigen, dass er mit dem Bevölkerungszuwachs mithalten kann. Entlang der neuen Trasse und höchstens 400 Meter davon entfernt leben bereits jetzt mehr als 60 000 Münchner - allesamt potenzielle Fahrgäste.

Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) setzt auf den Ausbau der Trambahn, weil sie attraktiver ist als Busse. Die Tram fährt meist auf einer eigenen Spur und läuft deshalb kaum Gefahr, im üblichen Stau festzusitzen. Mit neuen Tramlinien (etwa vom Effnerplatz nach St. Emmeram) sei es gelungen, die Fahrgastzahlen überdurchschnittlich zu erhöhen - also Menschen zum Umsteigen vom Auto zu bewegen. Die MVG schlussfolgert deshalb in ihrer Broschüre zur Westtangente: "Geringere Zunahme des Kfz-Verkehrs mit der Tram!" MVG-Chef Herbert König, der die Renaissance der Trambahn in München seit mehr als zwei Jahrzehnten vorantreibt, sagt: "Nur mit einer Trambahn verhindert man künftige Staus."

Die CSU hingegen sieht es genau anders herum: Wenn man den Autos zum Beispiel in der Fürstenrieder Straße je eine Spur pro Fahrtrichtung wegnehme, seien Staus unvermeidlich. Problematisch findet die CSU auch jenen Abschnitt in der Wotanstraße, wo die Tram ohne erhöhtes Rasengleis unterwegs wäre und sich den Straßenraum mit den Autos teilen müsste, was Fußgängern und Radlern mehr Platz verschafft. Von Anfang an kritisierte die CSU auch, dass die Tram an vielen Kreuzungen das Abbiegen der Autos erschwere.

Stadtentwicklung: SZ-Grafik

SZ-Grafik

Die MVG, die ihr Projekt schon vor Jahren in Workshops mit den Bürgern im Viertel diskutierte, hat einige dieser Kritikpunkte entschärft. An den U-Bahnhöfen Holzapfelkreuth und am Laimer Platz wurden die Kreuzungen so umgeplant, dass der Autoverkehr weniger stark eingeschränkt wird. Auch soll an der Kreuzung mit der Drygalski-Allee den Autofahrern die Chance eröffnet werden, von der A 95 kommend in die Höglwörther Straße einzubiegen - was ihnen bisher verwehrt war.

Viel Mühe wurde auch darauf verwendet, die derzeit gefährliche Situation an der Andreas-Vöst-Straße zu entschärfen. Die Schüler zweier Gymnasien nehmen dort den Bus, und auch für Radfahrer ist es hier gefährlich: Vor drei Jahren wurde eine Schülerin von einem Laster erfasst und schwer verletzt. Mit der neuen Tram-Haltestelle in der Fahrbahnmitte könnte die Situation entschärft werden, argumentiert die MVG. Geplant ist, dass beim Halt einer Tram der Verkehr gestoppt wird, um ein sicheres Überqueren der Fürstenrieder Straße zu gewährleisten. Dennoch: Die CSU beharrt darauf, dass die beiden Buslinien entlang der Fürstenrieder Straße reichen, zumal dann, wenn man Buszüge einsetzt.

Nicht geklärt ist noch ein weiteres Problem: Wie überwindet die Trambahn das Hindernis Eisenbahn? Im bestehenden Laimer Auto-Tunnel unter den Bahngleisen ist für die Tram kein Platz, sie müsste durch eine neue Umweltverbundröhre unter der S-Bahn-Station Laim rollen. Diese Röhre soll zugleich mit der zweiten Stammstrecke entstehen. Sollte sich das alles unendlich verzögern, hat die MVG einen Plan B parat: Man würde die Tram vom Laimer Kreisel aus samt Wendeschleife Richtung Süden bauen, der Abschnitt nach Norden bis zum Romanplatz käme erst, wenn die Umweltverbundröhre gebuddelt ist.

Aber wie ist die Stimmung entlang der Strecke, wie stehen die Bezirksausschüsse zu dem Projekt, was halten die Bürger davon? Eine Übersicht:

Neuhausen-Nymphenburg

Nimmt man Bürgerversammlungen als Stimmungsbarometer in einem Viertel, sind die Neuhauser und Nymphenburger eindeutig für die Westtangente. Sowohl 2015 als auch 2014 forderte eine große Mehrheit der Bürger deren Realisierung. Im Bezirksausschuss war die Tram-Debatte nie so stark ideologiebehaftet wie in anderen Vierteln, obwohl die CSU zuletzt im Kommunalwahlkampf 2014 gegen die Tram plakatierte. Dennoch fiel die Stellungnahme des Gremiums zum vorbereitenden Trassierungsbeschluss 2013 ablehnend aus - schlicht deshalb, weil in der Wotanstraße Haltestellen wegfallen würden. Zwischen Romanplatz und Laimer Bahnhof würde die neue Tram zugunsten einer kürzeren Fahrzeit nur noch an der Richilden- und der Herthastraße stoppen - das sind Distanzen, die der BA "nicht bedarfsgerecht" fand. Derzeit liegen an der Strecke, die der 51er- und der 151er-Bus befahren, noch die Haltestelle Hirschgartenallee und die Haltestelle Winfriedstraße, letztere erst Ende 2012 am Ärzte- und Geschäftshaus Ambigon direkt vor dem Laimer Tunnel eingerichtet. Die Distanzen zwischen diesen Stopps sind in der Tat fußgängerfreundlich: 230 bis 370 Meter.

Stadtentwicklung: Wenn die Trambahn durch die Fürstenrieder Straße (hier am Laimer Platz) rollt, nimmt sie den Autos auf jeder Seite eine Fahrspur weg. Simulation: MVG

Wenn die Trambahn durch die Fürstenrieder Straße (hier am Laimer Platz) rollt, nimmt sie den Autos auf jeder Seite eine Fahrspur weg. Simulation: MVG

Laim

Das Erregungsbarometer der Laimer Stadtviertelpolitiker schnellt längst nicht mehr in die Höhe, kaum dass das Phantom Tram-West-Tangente um die Ecke biegt. Was nicht heißt, dass sich die Positionen geändert hätten. Nach wie vor stimmt die rot-grüne Mehrheit im Bezirksausschuss für die Traverse, die CSU ist dagegen. Die Laimer selbst scheinen ebenso gespalten zu sein: Ende 2015, als es wegen des großen Andrangs zwei Bürgerversammlungen gab, sprach sich die eine für, die andere gegen das Großprojekt aus. Kritisiert wird etwa, dass die Bürger nicht gut in die Planung eingebunden wurden. Die CSU kann sich eine Tram durch die Fürstenrieder Straße nur vorstellen, wenn hier der Pkw-Verkehr vorher abnehme - durch einen Ringschluss der A 99. Die SPD hält dagegen, dass eine neue Profilierung der Fürstenrieder Straße mit Abbiegespuren sehr viel effizienter für den Kfz-Verkehr sei als bisher. Die Grünen sehen mit der Tangente zudem die Chance, den Autobahn-Charakter der Fürstenrieder Straße, die das Viertel brutal durchschneidet, endlich zu überwinden.

Hadern

Im Stadtviertel, an dessen Rand die Westtangente durch die Fürstenrieder Straße führen soll, ist das Projekt umstritten. 2013, als der Stadtrat über den vorbereitenden Trassenbeschluss beriet, meldete sich der Bezirksausschuss mit einem mehrheitlichen Ja zu Wort, dank der damaligen rot-grünen Mehrheit. Seit der Kommunalwahl 2014 hätten CSU und FDP eine Mehrheit - das Nein zur Tram wäre also gewiss. Generell pocht man in Hadern darauf, die Kreuzungen so zu gestalten, dass der Autoverkehr gut vorankommt und das Linksabbiegen möglich bleibt. Von dem Ja des Stadtviertel-Gremiums haben sich die Bürger aber nicht leiten lassen. In den Bürgerversammlungen wurde die Tangente 2010 und 2013 klar abgelehnt. Im vorigen Jahr war sie kein Thema. Nun, da die Diskussion aufflammt, könnte die Westtangente wieder zur Abstimmung stehen.

Sendling-Westpark

Auf der östlichen Seite der Fürstenrieder Straße beginnt das Revier des Bezirksausschusses 7 Sendling-Westpark, der schon 2013 von einer rot-grünen Mehrheit geprägt war. SPD und Grüne verfügen auch heute über die Mehrheit, mit 15 von 25 Sitzen, ein Ja wäre dem Projekt wohl sicher. Die CSU hingegen profiliert sich gegen die Trasse, angeführt von ihrem Fraktionssprecher Alfred Nagel. Er findet, dass man lieber auf leistungsfähige Buszüge setzen sollte. Seit 2014 gehört auch Florian Huber zur CSU-Fraktion, einer der Sprecher der Aktion "Contra Tram West", die schon zu Demonstrationen auf der Fürstenrieder Straße aufgerufen hat. Der letzte Eintrag auf deren Homepage stammt allerdings vom 6. Mai 2014. Auch die BA-Mitglieder in Sendling-Westpark haben ihr grundsätzliches Ja zur Trasse mit einem dicken Forderungskatalog garniert. Angetan zeigte man sich davon, dass die neue Tram-Haltestelle vor den beiden Gymnasien "eine erhebliche Verbesserung für die Sicherheit der Schulkinder" wäre - sofern der Verkehr stoppen muss, sobald die Tram hält. Und wie ist die Stimmung im Viertel generell in Sachen Tram? Bei der Bürgerversammlung 2010 kam eine Mehrheit gegen die Tram zustande, doch in den beiden vergangenen Jahren behielten die Befürworter recht deutlich die Oberhand.

Obersendling

Kommt sie nun, oder kommt sie nicht? Für den Stadtteil Obersendling ist dies eine elementare Frage. Unter anderem hängt davon ab, wie der geplante Umbau des Ratzingerplatzes aussehen könnte. Dieser für seine urbane Ödnis berüchtigte Verkehrsschnittpunkt soll die vorläufige Endstation der Tramlinie im Südwesten bilden. Käme es nicht zu einer Revitalisierung der Straßenbahn - vor der Eröffnung der U 3 nach Fürstenried West verkehrte hier schon mal die Trambahnlinie 8 -, könnte die Boschetsrieder Straße in diesem Bereich stärker verengt werden als mit einem Gleiskörper inmitten der Verkehrsfläche. Das wiederum böte die Chance für neue Wohngebäude und eine großzügige Promenade mit zusätzlichen Geschäften. Im Bezirksausschuss 19 Thalkirchen-Obersendling-Fürstenried-Forstenried-Solln ist die Tram-Westtangente ähnlich umstritten wie in Laim oder Hadern. Aus Sicht der CSU-Fraktion würde sie wegen komplizierter, teurer Baumaßnahmen und Verkehrsregelungen zu Lasten der Autofahrer mehr Probleme aufwerfen als lösen. SPD und Grüne halten die Westtangente hingegen für eine dringend gebotene Ergänzung des öffentlichen Personennahverkehrs.

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