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Stadt investiert in die Kunst:Feine Adressen

Die Stadt München investiert bis zu zwei Prozent der Kosten ihrer Bauprojekte in zeitgenössische Kunst. Auch viele große Privatunternehmen fühlen sich dieser wertsteigernden Aufgabe verpflichtet

Michael Morgner ist ein bescheidener Mensch. Mit gesenktem Blick und einem Lächeln um die Mundwinkel lauscht der 74-jährige Künstler aus Chemnitz den schmeichelnden Reden. Sie gelten ausnahmslos ihm und seiner Skulptur "Der Schreitende". Die mehr als fünf Meter hohe und knapp zehn Tonnen schwere Plastik soll nun gleich enthüllt werden auf dem neuen Quartiersplatz zwischen den beiden Wohntürmen, die den ambitionierten Namen "Friends" tragen. "Wir lösen mit dem Kunstwerk ein Versprechen ein, das wir der Stadt gegeben haben", spricht Roderick Rauert ins Mikrofon. Er ist Geschäftsführer der LBBW Immobilien Capital GmbH, die das Wohnprojekt an der Friedenheimer Brücke realisiert. Dann kommt noch Architektin Veronika Stetter vom ebenfalls beteiligten Büro Allmann Sattler Wappner zu Wort und lobt, wie sehr Morgners Kunstwerk "zur Adressbildung" des neuen Quartiers beitragen werde. Kunst am Bau - in der Bauboom-Metropole München fühlen sich auch Privatunternehmen längst dieser wertsteigernden Aufgabe verpflichtet.

Eine Verpflichtung, jedoch keine Pflicht. Anders als die Landeshauptstadt, die sich per Richtlinie zum Ziel gesetzt hat, bei kommunalen Projekten bis zu zwei Prozent der Bauwerkskosten in zeitgenössische Kunst zu investieren, gilt auf dem privaten Sektor die Freiwilligkeit. Allein dies lässt sich schon imagefördernd in schöne Worte fassen: Roderick Rauert spricht nicht von ungefähr von einem Versprechen, das man mit der Morgner-Skulptur eingelöst habe, von einem Geschenk an die Stadt. Kunst am Bau wird bei der LBBW Immobilien Capital "objektspezifisch" behandelt. "Bei diesem Projekt, bei dem wir auch viel öffentlichen Raum mitgestalten, ist das ein Punkt, den man betrachten muss", erklärt der Geschäftsführer. Etwa 130 000 Euro kostet der Schreitende, die LBBW übernimmt einen nicht näher beschriebenen "Löwenanteil" dieser Summe, für den Rest kommen elf am Bau beteiligte Partner auf.

Stairway to nowhere: Die Treppe, die im Atrium der KPMG Deutsche Treuhand-Gesellschaft ins Nichts windet, stammt vom Künstler Olafur Eliasson.

(Foto: Maurizius Images/Juan Jiminez/oh)

LBBW Immobilien Capital hat keine eigene Kunstabteilung, sie hat keine externe Beratungsagentur hinzugezogen oder einen Wettbewerb für die Skulptur am Quartiersplatz durchgeführt. Der Kontakt zu Michael Morgner kam über Heiner Krull zustande. Der LBBW-Prokurist war als Architekt schon Jahre vor der Wende in der DDR tätig und hat dort Albert Henning kennenlernen können. Der Künstler, der am Dessauer Bauhaus noch unter Wassily Kandinsky und Mies van der Rohe studiert hatte, machte Krull auf Morgners Werk aufmerksam. "Ich hatte zunächst keinen Zugang zu seinen Arbeiten, sie waren mir zu depressiv, nach der Wende habe ich ihn aus den Augen verloren", erzählt Krull. Durch Zufall habe er Morgner dann vor zwei Jahren wieder getroffen. Heute sieht Krull den Stellenwert des Chemnitzers, von dem ein Werk auch im deutschen Konsulat in New York hängt, ganz weit oben, "mindestens in der Größenordnung eines Baselitz".

Morgners Schreitender, interpretiert die Kunstgeschichtlerin Jutta Penndorf in ihrer Rede bei der Enthüllung, schreite eigentlich gar nicht, sondern stehe "knietief in der Erde". Anders als eine 20 Jahre ältere Skulptur, die in "Siebenmeilenstiefeln" unterwegs zu sein scheint. Penndorf meint den "Walking Man", der seit 21 Jahren an der Leopoldstraße vor der Konzernzentrale der Munich Re, ehemals Münchner Rück, steht. Der 17 Meter hohe, weiße Koloss, geschaffen vom Amerikaner Jonathan Borofsky, ist nicht nur eines der prägnantesten Kunstobjekte im Stadtraum, sondern auch eines der meist abgebildeten in den internationalen Wirtschaftsnachrichten. Ein Quartalsbericht über den Versicherungskonzern, und schon sieht man den Walking Man dynamisch losfetzen.

Neue Siemens-Zentrale in München, 2016

Im Juni wurde an der Siemens-Zentrale die Großplastik "The Wings" von Daniel Libeskind aufgestellt.

(Foto: Florian Peljak)

"Das ist ein einzigartiger Glücksfall, das schafft nicht jede Kunst", sagt Stefan Shaw anerkennend. Der Walking Man habe dem Konzern jede Menge Ausgaben für Anzeigen erspart. Shaw hat vor Jahren eine Agentur für Kunstberatung geführt und dabei nicht nur gute Erfahrungen gemacht. "Jeder glaubt, etwas über Kunst zu wissen. Der Office Manager, der Vorstandsvorsitzende und im schlechtesten Fall die Frau des Vorstandsvorsitzenden, die eine Freundin hat, ,die auch malt'" - einen Kunstverständigen könne das schon "an die Grenzen der Toleranz" bringen. Shaw ist heute nicht mehr in der Branche tätig, die Agentur existiert nicht mehr. Weil der Markt für Kunstvermittlung in diesem Bereich nie die kritische Größe erreicht habe, erklärt er. Shaw glaubt nicht, dass sich viel an der Situation geändert hat. Ausnahmen sind für ihn vor allem große Unternehmen wie Munich Re, die seit jeher die Zeichen der Zeit erkannt hätten und mit großer Professionalität Kunst-am-Bau-Projekte umsetzten.

Bei Munich Re gibt es mit Susanne Ehrenfried-Bergmann seit mehr als 20 Jahren eine eigene Kuratorin, die die Kunstsammlung betreut, weiterentwickelt, Ausstellungen und Projekte organisiert. "Kunst in die Arbeitswelt zu integrieren und die Vielfalt künstlerischer Ausdrucksformen an den Unternehmensstandorten erlebbar zu machen, ist bis heute eine grundlegende Motivation von Munich Re", erklärt Unternehmenssprecherin Johanna Weber. Architekturbezogene Kunstprojekte würden dabei eine "herausragende Rolle" spielen. "Bei unseren Bau- und Umbaumaßnahmen werden regelmäßig Künstler eingeladen, in Abstimmung mit den Architekten ortsspezifische Konzepte zu entwickeln."

Michael Morgner in München, 2016

"Gute Kunst passt überall hin", sagt der Chemnitzer Bildhauer Michael Morgner.

(Foto: Matthias Ferdinand Döring)

Eine andere Großskulptur, zehn Meter hoch, 15 Tonnen schwer, steht seit Juni dieses Jahres am Eingang der neuen Siemens-Konzernzentrale am Oskar-von-Miller-Ring. Wer sich am Fuß des gewundenen Objekts bewegt, vernimmt Geräusche, mal klingt das so wie das Schnauben und Rattern einer historischen Lok, mal kommen spacige Beeps und Klicks aus dem Inneren des Riesenflügels. "The Wings" nennt der Architekt und Designer Daniel Libeskind sein Werk aus matt geschliffenem Aluminium, das an der Oberfläche mit tausend LED-Lämpchen gespickt ist, die bei Dunkelheit interaktiv blinken. Wer 2015 die Weltausstellung in Mailand besucht hat, dem kommt die Skulptur womöglich bekannt vor. Dort auf dem Messegelände stand sie, vierteilig, in den Ecken der "Piazza Italia". Von Libeskind, bekannt für seinJüdisches Museum in Berlin und den Ursprungsentwurf zum One World Trade Center in New York, stammen Form und Entwurf, Technologie und Ausführung wurden von Siemens übernommen. Der Konzern hat das Kunstwerk erworben, drei der Wings-Skulpturen sollen Siemens-Standorte in Deutschland schmücken. Nach München, wo die Unternehmenszentrale steht, bekommen auch Erlangen als größter Standort und Berlin, wo Siemens einst gegründet wurde, einen der Flügel. Der vierte bleibt in Mailand.

Das Thema Kunst am Bau ist im Konzern hoch angesiedelt. Das entnimmt man zumindest den Worten von Siemens-Sprecher Bernhard Lott: "Als Bauherr sieht Siemens - analog zu den baukulturellen Vorgaben für staatliche Vorhaben - eine gesellschaftliche Verpflichtung, zur Förderung der Kunst im Rahmen von Kunst am Bau beizutragen." Lott verweist auch auf die hochrangige Kunst im Inneren der Konzernzentrale, wo sich die Skulptur "Schwesterngruppe" von Georg Baselitz und die Foto-Installation "Coordinates" von Thomas Struth befinden. Siemens hat ein eigenes "Arts Programm", das die Abteilung Kultur- und Sponsoring-Programme koordiniert.

Riesenskulptur 'Walking Man'

Schon seit 21 Jahren spaziert der "Walking Man" von Jonathan Borofsky an der Zentrale der Munich Re in Schwabing entlang.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Der Flügel von Daniel Libeskind, der Walking Man von Jonathan Borofsky, Michael Morgners Schreitender - diese Kunst am Bau ist sichtbar, nahbar, berührbar für Passanten, auch wenn die Werke auf Privatgrund stehen. Die Großskulpturen gelten als "bauliche Anlagen" und fallen so nach der Bayerischen Bauordnung unter die Genehmigungspflicht, bestätigt Martin Klamt, Sprecher des städtischen Planungsreferats.

Bevor Siemens den Libeskind-Flügel also aufstellen durfte, musste auch der Konzern einen Antrag auf Baugenehmigung stellen und das Werk auf Sicherheit, Statik und Abstandsflächen prüfen lassen. Kunstästhetisch hat ein privater Bauträger in so einem Prozess freie Hand. Das Referat, erklärt Klamt, habe über solche Fragen nicht zu entscheiden. Theoretisch könnte sich die Stadtgestaltungskommission einschalten. Diese könne aber ebenfalls nur Empfehlungen aussprechen, die keinen rechtlich bindenden Charakter hätten.

Michael Morgner zumindest ist überzeugt: "Gute Kunst passt überall hin." Zufrieden steht er bei seinem Schreitenden, der könne jetzt "noch schön rosten".