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Stadt als Geschäftsmodell:Nichts bleibt von der "Heimatisierung" verschont

Mittlerweile gibt es nichts, was von der Heimatisierung verschont bleibt. Erfindet eine Münchnerin einen neuartigen BH, nennt sie ihn "Bravaria", formiert sich eine neue Band, nennt sie sich "Isarkind", und auf Instagram fungiert die Stadt selbst als Cheerleader für die Heimatliebe und postet 365 Gründe, warum wir München lieben sollen.

Man kann das in dieser Fülle bemüht finden, anbiedernd oder auch nervig. Es ist eine Frage des Geschmacks. Simone Egger zum Beispiel sieht viel Positives an dem Trend. "Der Stereotyp des dumpfen, konservativen Bierdimpfl ist mit der aktuellen Heimatbegeisterung in den Hintergrund getreten. Und nicht zuletzt ist sie ein großes Angebot, indem sie Menschen die Möglichkeit gibt, sich zugehörig zu fühlen."

Der spielerische Umgang mit dem Thema Heimat, mit Tradition und Brauchtum; es bleibt nicht festgeschrieben, nicht definiert, was bayerisch bedeutet, was münchnerisch: Das lässt Raum für jeden, der sich als Münchner fühlen möchte. Egal, ob er schon in dritter Generation hier wohnt oder gerade erst angekommen ist.

Die Heimatliebe wird erst dann schwierig, wenn ihr etwas Ausgrenzendes anhaftet. Wir gegen die anderen. Wir sind großartig, toll, besonders, die anderen sind es nicht, und wir müssen dieses Großartige, Tolle gegen Einflüsse von außen verteidigen. Rechte Gruppen versuchen längst, die neue Liebe zu instrumentalisieren. Identitäre setzen auf die gleiche Ästhetik, wie es hippe Modelabels tun.

"Heimatliebe" steht nicht nur auf der Kleidung von "Suck my Shirt", "Heimatliebe" nennt sich auf Facebook auch eine Hetzseite aus dem rechten Spektrum. Man bekomme aber keinen Beifall von der falschen Seite, heißt es von den Gründern des Klamottenlabels. Ihre Models sind so international wie die vier Münchner selbst, mittlerweile gibt es von ihnen eine eigene Kollektion gegen Rassismus. "Wir lieben unsere Heimat, aber im Gegensatz zu den Rechten möchten wir niemanden ausschließen, sondern dieses Gefühl mit allen teilen", sagt Alexander Kral, Geschäftsführer bei "Suck my Shirt".

Auch Kulturwissenschaftlerin Egger sieht keine Gefahr darin, Begriffe zu verwenden, die, besonders in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, sehr negativ besetzt waren. "So lange das Heimatthema so bespielt wird, dass es offen ist für Neues, für unterschiedliche Leute, dann ist es etwas Modernes. Etwas, dass sich öffnet statt verschließt", sagt sie. "Wer sich von einer Auseinandersetzung mit dem Heimatbegriff distanziert, überlässt das Thema anderen. Wenn es aber viele Stimmen dazu gibt, haben die Rechten nicht die Deutungsmacht."

Eine kleine Auswahl an München-Devotionalien: alles, was das Herz begehrt?

(Foto: Servus Heimat)

Gemeinsames Anhimmeln? Gemeinsames Granteln!

In Zeiten, in denen der Ton in gesellschaftlichen Debatten immer rauer wird, tut es manchmal einfach gut, sich am Viktualienmarkt zuzuprosten und sich unverfänglich gegenseitig zur schönen Stadt zu gratulieren, auch wenn man sich vielleicht nicht einig ist, ob das Land zu viele Flüchtlinge aufnimmt oder nicht oder ob Brust nun besser ist als Fläschchen geben. Verbindender als gemeinsames Anhimmeln der Stadt ist nur gemeinsames Granteln.

Das kippt, auch wenn das Granteln an sich etwas wunderbar Münchnerisches ist, bei Übertreibung allerdings ebenso schnell ins Alberne wie kritiklose Vergötterung. Etwa wenn ein Münchner Musiker die Stadt verklagen will, weil ihr angeblich spießiges Image seine Erfolgschancen dezimiere. Sebastian Schnitzenbaumer vom Münchner Plattenlabel "Schamoni Musik" war vergangenen Herbst tatsächlich mit dem Plan zu klagen an die Öffentlichkeit gegangen. Auf viel Wirbel folgte allerdings bisher nichts, München grübelte einmal mehr über sein Coolness-Problem.

Statt sich derart zu produzieren, scheint es doch sinnvoller, sich bewusst zu machen, dass es einem bei aller Jammerei doch ziemlich gut geht hier in der Stadt. Ob man dieses Gefühl nun mit einem "Skandal um Rosi"-Shirt zur Schau trägt oder nicht.

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