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Stadiondebatte:Der Hofbräukeller wird zum Hexenkessel

In der Debatte um eine Rückkehr des TSV 1860 nach Giesing nehmen Fans das Vereinspräsidium in die Mangel

Christian Mayer

(SZ vom 7.3.2001) - Es ist keine Podiumsdiskussionon, wie angekündigt, es ist eine Demonstration. Ein Aufstand der Fans, der seit Wochen immer lauter wird und nun das Präsidium des TSV 1860 München in Bedrängnis bringt.

Der Hexenkessel, den sich die Löwen wünschen, ist Realität - im Hofbräukeller. Dort wollten Stadtrat Norbert Kreitl (Freie Wähler), Manni Schwabl und Vertreter des Vereins am Montagabend eigentlich über die Zukunft des Grünwalder Stadions diskutieren.

Doch davon kann keine Rede sein, weil 600 Fans mit geballten Fäusten Stimmung machen gegen das TSV-Präsidium und den "Kaiserdom", den Karl-Heinz Wildmoser gemeinsam mit dem FC Bayern errichten möchte.

Den Buhmann gibt, weil sich der Präsident nicht selbst in die Höhle des Löwen wagt, Karl-Heinz Wildmoser jun. Er soll in Vertretung seines Vaters erklären, warum ein Neubau des Grünwalder Stadions für die Vereinsspitze nicht in Betracht kommt. Warum Schwabl und das Planungsbüro Weidener ihre Machbarkeitsstudie für den Papierkorb produziert haben.

"Wir sind Löwen - und du nicht"

Eine Aussage für oder wider das Konzept will Wildmoser aber vermeiden. Deshalb wird er von Sprechchören übertönt: "Wir sind Löwen - und du nicht", schallt es durch den Saal.

Dass der Verein seit sieben Jahren eine Lösung in der Stadionfrage suche, die Stadt kategorisch gegen eine Bundesliga-Spielstätte in Giesing sei - alle Beschwichtigungsversuche gehen im Gebrüll unter.

Dem Sohn des Präsidenten muss es vorkommen, als sei er im Lokalderby als Bayern-Anhänger in der Fankurve der Löwen gelandet. Draußen vor der Tür drängeln weitere Meuterer, drinnen berauschen sich die Sechziger am Weißbier und der Vision, für die Schwabl donnernden Applaus erhält: Das Grünwalder Stadion soll zu einer überdachten Fußballarena umgebaut werden, der Mythos des Vereins am alten Spielort wiederbelebt werden, wo der Aufstieg von der Bayern- in die Bundesliga gelang.

Als das Licht im Saal ausgeht und das Stadionmodell an der Leinwand erscheint, hält es nicht mehr viele auf ihrem Stuhl. Dass auf der Fotomontage der TSV im Derby gegen die Bayern auch noch mit 1:0 führt, tut ein übriges: Spontan stimmen die Fans den Song "It's coming home" an, so als stünde der Umzug vom Olympiastadion nach Giesing unmittelbar bevor.

Und Moderator Gerhard Losher, der unglücklicherweise nicht nur als Fernsehjournalist, sondern auch als Vorsitzender der Freien Wähler auf dem Podium sitzt, heizt die Erregung weiter an.

Wildmoser im Kreuzverhör

Als Wildmoser ausweichend antwortet, will ihn Losher gar ins Kreuzverhör nehmen, um ihm ein Bekenntnis zur Löwenarena abzupressen. Alles dreht sich um die Frage: Wer ist der größere Stadionverhinderer - die Stadt oder die TSV-Spitze?

Dies gibt 1860-Geschäftsführer Detlef Romeiko die Chance, den schwarzen Peter an den OB weiterzureichen. Doch auch diese Taktik hat bei den wütenden Fans keinen Erfolg.

Schließlich reißt Wildmoser jun. der Geduldsfaden: "Ich kann doch auch nicht das Empire State Building am Marienplatz bauen" - der Saal tobt.

Das Konzept von Schwabl sei, sagt Wildmoser, keine Machbarkeitsstudie, sondern bleibe ein Traum. Deshalb sei der Bau einer Großarena an einem neuen Standort ohne Alternative. "Gehst du zu den Bayern und bettelst im Fall des Falles darum, in ihrem Stadion spielen zu dürfen?", ruft Wildmoser seinem Rivalen Schwabl zu.

Der ist um Contenance bemüht, presst aber die Lippen zusammen, sobald Wildmoser das Wort ergreift. Wenn 1860 sein Konzept nur prüfe, werde man die Vorteile schnell erkennen: Daran hält Schwabl fest, dafür wird er gefeiert. Die Rufe nach dem Retter der Löwenarena hallen noch lange nach dem Ende der Veranstaltung durch die Nacht.

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