Plötzlich wird der Probenraum ganz still. Der Moment gehört allein Karim. Er erzählt die Geschichte von seiner Flucht in die EU. Damals war er 13 Jahre alt und kam zu Fuß. An der Grenzstation zu Griechenland wurde er nach einem Visum gefragt – er hatte keins und wurde abgelehnt. Er saß allein am Straßenrand. Dann kam eine Griechin, gab sich als seine Mutter aus und half ihm so über die Grenze. Sie ließ ihn danach zurück. Wieder allein, aber in der EU.
Es ist eine der ernsten Szenen, die am vergangenen Mittwoch geprobt wurden – für das Stück „Global Player“, das am 4. Juli im Stadion der Träume Premiere hat. Das Ensemble besteht aus jungen Geflüchteten, Darstellern des Bellevue di Monaco und professionellen Schauspielern. Sie alle verbindet die Leidenschaft für das Theater. In ihrem Stück wird der Begriff „Global Player“ neu definiert. Geflüchtete werden zu „Global Playern“ die Grenzen überschreiten und dafür ihr Leben aufs Spiel setzen. Grenzgänge und Reisen werden ihnen dabei viel schwerer gemacht als den großen „Global Playern“ aus der Wirtschaft, die durch ihr Geld alle Freiheiten haben.
Das Stück ist ein Teil des offiziellen Kulturprogramms zur Europameisterschaft. Auch deshalb war es den Darstellern wichtig, den eigentlichen Fußball als Thema nicht außen vor zu lassen. „Global Player“ sind für sie auch Fußballspieler, die ärmliche Verhältnisse im globalen Süden überwunden haben und jetzt als Stars in Europa spielen. Die Begeisterung am Sport merkt man vielen an. Zwischen den Proben der einzelnen Szenen wird bei jeder Gelegenheit ein Ball gekickt, getrickst und jongliert. Nicht wenige Fußball-Diskussionen werden ins Stück übernommen – und nach Ende der Szene einfach weitergeführt. Die eigentliche Thematik ist aber deutlich ernster als die Frage, ob nun Müller oder Neymar der bessere Fußballer ist.
Vieles was die Darsteller im Stück erzählen, ist ihnen auch passiert. Für die Leitenden der Inszenierung, Christine Umpfenbach und Denijen Paulijevic, war das sehr wichtig. Außerdem haben sie Experten interviewt, wie Manager, Scouts oder Fußballer der Straßenliga „bunt kickt gut“. Zitate aus den Interviews wurden in den Text fürs Stück übernommen, damit möglichst vielfältige Ansichten vertreten sind. Umpfenbach ist seit vielen Jahren für ihr dokumentarisches Theater mit gesellschaftspolitischem Anspruch bekannt.
Muhammed hatte Talent, und Profivereine interessierten sich für ihn
Die Idee für das Stück „Global Player“ hatte sie schon vor einigen Jahren. Über „bunt kickt gut“ erfuhr Umpfenbach die Geschichte von Muhammed, einem jungen Geflüchteten, der in Rosenheim in einer Erstaufnahmeeinrichtung lebte und seinen Landkreis nicht verlassen durfte. Also fuhr er oft heimlich nach München, um bei „bunt kickt gut“ mitzuspielen. Muhammed hatte Talent und stand beim FC Bayern und anderen Profivereinen auf dem Zettel. Sein eingeschränkter Aufenthaltsstatus verbesserte sich trotzdem nicht, weshalb er weiter nach Schweden reiste, um es dort als Profifußballer zu versuchen. Er ist ein Global Player, der Grenzen überschreitet, um international zu arbeiten – wie viele Geflüchtete, die im Profifußball eine Hoffnung auf ein besseres Leben sehen. „Mich hat das total interessiert, dass es Geflüchtete gibt, die selber extrem talentiert sind und die es teilweise schaffen, sich durchzusetzen. Andere schaffen es nicht. Manche Körper dürfen Grenzen überschreiten, andere nicht. Es gibt eine große Ungleichheit und Ungerechtigkeit für viele“, sagt die Regisseurin.
Nun bot sich für das Thema eine Bühne – im Rahmen des offiziellen Kulturprogramms für die EM im Stadion der Träume. Umpfenbach und Paulijevic war die Zusammenarbeit mit Geflüchteten und Expertin sehr wichtig. Im Bellevue di Monaco, einem Wohn- und Kulturzentrum für junge Geflüchtete, verwirklichte sie 2023 das Stück „Gilgamesh – Leben ohne zu sterben“, es war ebenfalls im Programm des Stadions der Träume.
Thematisiert werden die diversen Ungerechtigkeiten des Fußball-Geschäfts
Den Darstellern war es hingegen wichtig, weitere Themen rund um den Fußball anzusprechen. Die einzelnen Szenen des Stücks sind nur lose miteinander verbunden. So werden die verschiedensten Ungerechtigkeiten im und um den Profifußball angesprochen, wie etwa rassistische Anfeindungen der Fans oder das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen. Gerade letzteres ist Jochanah Mahnke sehr wichtig, die in der U-17 Bundesliga gespielt hat und jetzt als professionelle Schauspielerin im Stück zu sehen ist. „An dem Phänomen Fußball kann man gesellschaftliche Probleme erkennen. Der Sport legt so eine Art Brennglas auf Dinge, die überall passieren.“ Sie ist fasziniert von den Gegensätzen, die der Fußball kreiert. Auf der einen Seite sieht sie Fanfreundschaften, pure Begeisterung und Internationalität, auf der anderen Seite Rassismus, Korruption und enormen Leistungsdruck. „Das Spannungsfeld um den Fußball ist extrem. Es gibt krass hässliche Seiten und total schöne.“
Letzteres ist für viele die Begeisterung, die der Sport auslöst, den viele, aber wohlgemerkt nicht alle der Darsteller teilen. Durch einstudierte Torjubel, theatralische Fouls und gekonnte Tricks mit den vielen Fußbällen auf der Bühne wird auch der Show-Aspekt im Business thematisiert. Dabei werden die Darsteller von einer Live-Kamera begleitet. Das Bild wird direkt auf eine Leinwand im Hintergrund projiziert, angelehnt an die Kameras am Spielfeldrand. Die Aufmerksamkeit und der mögliche Ruhm und Wohlstand faszinieren die Darsteller, gerade Geflüchtete wie Karim hoffen aber auch, dass Fußball für viele Menschen in erster Linie ein sicheres Leben in Europa ermöglichen kann.
Nach der Erzählung seiner Fluchtgeschichte fragt Karim eine KI nach Möglichkeiten für seinen Freund Ibrahim, in der EU Asyl zu bekommen. Er hoffe durch sein Fußballtalent auf eine Chance in Europa. Sie antwortet in der kalten Maschinensprache: „Die EU-Gesetzgebung erfordert bestimmte Dokumente und Genehmigungen für die Einreise. Ohne diese kann ich Ihnen die Einreise nicht gestatten.“ Das Ensemble wird sich bemühen, in Tagen der höchsten Fußballeuphorie andere, problematische Sichtweisen auf den Sport aufzuzeigen. Zu einem gelungenen Sommermärchen gehört auch das dazu.
Global Player, Premiere: Donnerstag, 4. Juli, 21 Uhr, Stadion der Träume (Fat Cat), weitere Termine: 7.7., 12.7. und 13.7., jeweils 21 Uhr

