Im Ehrenhain II auf dem Friedhof am Perlacher Forst in München liegen seit 1954 die sterblichen Überreste von 93 Männern. Von Männern, die oft aus politischen Gründen von den Nationalsozialisten im nahegelegenen Gefängnis Stadelheim mit dem Fallbeil hingerichtet worden waren. Ihre Namen sind schon seit 1996 auf dem Sammelgrab zu lesen. Nun sollen zwei neue Gedenktafeln dazu beitragen, ein „konkretes, informiertes Gedenken“ zu ermöglichen, wie Karl Freller, Direktor der Stiftung bayerische Gedenkstätten, bei der Einweihung am Dienstag sagte.
„Es sind 93 Leben, die zerstört und ausgelöscht wurden“, sagte Freller. 93 von mindestens 1188 Menschen – so viele wurden während der NS-Zeit in Stadelheim wenigstens hingerichtet. Die neuen Gedenktafeln gäben den 93 Ermordeten im Ehrenhain II „Namen, Gesicht und Geschichte zurück“. Die meisten der hier Begrabenen stammten aus der früheren Tschechoslowakei, aus Polen, Österreich und dem damaligen Deutschen Reich. Die zwei Gedenktafeln informieren auf Deutsch und Englisch über Stadelheim als Teil des NS-Verfolgungsapparats und über die Entstehung des Ehrenhains II. Über einen QR-Code auf der Tafel gelangen Interessierte zu biografischen Informationen über die NS-Justizopfer, die die Stiftung auf einer Website zusammengestellt hat.
Einer der Ermordeten war Karel Hladeček, der für eine tschechoslowakische Widerstandsgruppe in der Stadt Kolín Informationen über die Stimmung der Bevölkerung und über die deutschen Besatzer sammelte, wie es in seiner Kurzbiografie heißt. Hladeček wurde vom Volksgerichtshof wegen „Hochverrats“ verurteilt und im September 1944 hingerichtet.
Vom Trauma, das sein Schicksal in ihrer Familie bis heute hinterlassen hat, sprach auf der Gedenkveranstaltung auf Englisch seine Urenkelin Helena Novotná. Alles, was mit Karel Hladečeks Tod zusammenhing, sei in ihrer Familie „von Stille umgeben“ gewesen. Eindringlich erinnerte Novotná an die Verantwortung Deutschlands auch im Umgang mit den Hinterbliebenen. Der war, wie auch Karl Freller in seiner Rede sagte, in der Vergangenheit oft „schändlich“. „Dieses Land hat meinen Urgroßvater Karel getötet“, sagte Novotná. Und ihre Familie wolle jetzt zumindest seine Gebeine zurück nach Hause bringen – ein aufgrund der Verfassung des Sammelgrabs leider recht schwieriges Unterfangen, wie Peter Lippert von der Friedhofsverwaltung der SZ sagte.
Helena Novotná sprach sich zudem im Namen ihrer Familie dafür aus, dass die Guillotine aus Stadelheim, die im Depot des Bayerischen Nationalmuseums gelagert wird, in einem würdigen Rahmen öffentlich ausgestellt wird – eine Forderung, die nicht von allen Nachkommen der Stadelheim-Verfolgten geteilt wird. Sie selbst habe die Guillotine einmal sehen können, ein schmerzhafter und schwerer Moment, sagte Novotná. Doch der Tod durchs Fallbeil habe „die Seele, die Ehre und das Erbe“ ihres Urgroßvaters nicht berührt.
„Sie werden uns alle vergessen.“ Diese Worte ihres Vaters Karl Delbeck habe sie immer im Ohr, berichtete Heidi Delbeck, die sich seit Jahren intensiv für das Gedenken an die Stadelheim-Opfer engagiert. Der Gelsenkirchener Widerstandskämpfer Delbeck war dem Fallbeil am Kriegsende knapp entronnen, wenn auch durch Folter und die Erfahrungen in der Haft für immer gezeichnet. Heidi Delbeck erinnerte auch an fünf Mitglieder der Gelsenkirchener Gruppe, die im Oktober 1944 in Stadelheim hingerichtet wurden und im Ehrenhain II begraben sind.


Dass Gedenken keineswegs nur etwas Rückwärtsgewandtes ist, machte Karl Freller in seiner Rede deutlich: „Wir haben den Auftrag, zu erinnern“, sagte er. „Aber wir haben mehr denn je den Auftrag, jetzt auch zu verhindern“ – zu verhindern, dass dergleichen Unrecht wieder geschehe. Ein solch dezentraler Erinnerungsort wie der mit den Gedenktafeln im Ehrenhain II sei wichtig: Wer zufällig vorbeikomme, könne verstehen, was geschehen ist. Man bekomme dadurch quasi einen „Fuß in die Tür“, sagt Jascha März, wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätten-Stiftung, der die Entstehung der Tafeln betreut hat.
Die neuen Gedenktafeln haben aber nicht nur eine Außenwirkung, sondern auch eine Innenwirkung – nach Stadelheim hinein. Denn ein Großteil der Arbeit an ihnen wurde in der Gefängnis-Schlosserei vollbracht, von den Bediensteten und mehreren Gefängnisinsassen.
So ein Projekt rege die Diskussionen über die Geschichte von Stadelheim schon an, sagte Schlosserei-Leiter Florian Grimm der SZ: Wie war es früher? Wie ist es jetzt? Besonders sei das Projekt aber auch aufgrund der großen Aufmerksamkeit und der Wertschätzung, die damit verbunden sei. Ein Gefangener habe zu ihm gesagt: Das Erste, was er nach seiner Entlassung tun werde, sei, seiner Familie die Tafeln auf dem Friedhof zu zeigen.


