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Jugendarrest Stadelheim:"Lesen ist das Einzige, was ich hier machen kann"

Der Arrest soll die Jugendlichen auch zum Nachdenken bringen. Und er bietet ihnen auch Zeit, sich mit einem Buch zu beschäftigen.

(Foto: Claus Schunk)

Münchner Studenten wollen straffällig gewordenen Jugendlichen Bücher wieder näher bringen. Der Besuch im Gefängnis lässt sie in eine andere Welt eintauchen.

Manchmal ist selbst im Gefängnis Platz für Träume. Mischa träumt davon, mit seiner Freundin in Monaco zu leben, Sara freut sich auf ein Candle-Light-Dinner mit ihrem Liebsten, und David will es in einem Hotelzimmer mit einer Flasche Schampus krachen lassen, wenn "das hier" vorbei ist. "Das hier", das sind die hohen roten Mauern des Jugendarrests Stadelheim, die Gitterstäbe vor den Fenstern, die Türen, die nur das Sicherheitspersonal öffnen kann.

Bei David ist es bald so weit: In 47 Stunden ist er draußen, das hat ihm gerade der Jugendrichter mitgeteilt. Dass die Jugendlichen in dieser Umgebung zumindest für kurze Zeit ins Träumen geraten, liegt auch an dem Buch, das sie in den Händen halten. Nicht, dass "No Exit" selbst zum Wegträumen einladen würde, im Gegenteil: Das Buch handelt von Drogen, Frustsaufen, gescheiterten Familien, Gewalt und Tod. Doch es lenkt vom eintönigen Alltag im Arrest ab. Lesen, sagt Lukas, der seit zwei Wochen einsitzt, "das ist das Einzige, was ich hier machen kann".

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Drei Tage zuvor. Nadine Jene und Luise Cornelli geben ihre Ausweise an der Pforte der Justizvollzugsanstalt (JVA) ab, schließen ihre Taschen in einen Spind und passieren den Metalldetektor. Die zwei Studentinnen sind für das Projekt Kontext nach Stadelheim gekommen. Ein Sicherheitsbeamter holt die zwei Studentinnen ab, bringt sie zu ihrer Gruppe. Das dauert: Erst, wenn alle Türen im gesicherten Eingangsbereich geschlossen sind, öffnet sich die nächste Tür. Es geht durch künstlich beleuchtete Flure, in die kaum Tageslicht fällt, vorbei an den kargen Einzelbesuchsräumen des Frauenknasts. Die Tür zu einem dieser Zimmer steht offen. Darin sitzt: Beate Zschäpe, die Hauptangeklagte im NSU-Prozess.

Nadine Jene macht kurz große Augen, aber überrascht ist sie nicht. Sie wusste, dass die Rechtsterroristin in Stadelheim sitzt, hat sie dort schon einmal gesehen. Die 27-Jährige hat bereits häufiger Lesegruppen im Jugendarrest geleitet. Sie ist beim Leseprojekt dabei, seit sie 2014 ein Seminar dazu an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) belegt hat. "Ich finde es spannend, an einem Ort zu arbeiten, der nicht jedem so leicht zugängig ist", sagt sie. Inzwischen benötigt sie die Teilnahme an der Projektarbeit zwar nicht mehr für ihr Studium der Lernbehindertenpädagogik, aber sie macht ehrenamtlich weiter. Sie will etwas Praktisches machen neben dem eher theorielastigen Studium. Gleiches gilt für Luise Cornelli, die an der LMU Jura im dritten Semester studiert. Für die 20-Jährige ist es erst der zweite Einsatz.

Der Raum im Jugendarrest, in den die zwei gebracht werden, wirkt wie ein spärlich eingerichtetes Schulzimmer: eine Tafel an der Wand, PVC-Boden, ein paar zur Seite geräumte Tische, abgestandene Luft. An Tür und Schrank hängen selbstgemalte Bilder, ein Plakat ruft zu gegenseitigem Respekt auf. Ob sich dieser Ort für offene Gespräche eignet? Die zwei Studentinnen bauen einen Stuhlkreis auf, öffnen die Fenster. Hinter den Gittern ziehen Jugendliche vorbei, sie haben gerade Hofgang. Wer von ihnen gleich zur Lesegruppe kommt und weshalb sie im Arrest sitzen, wissen die zwei Studentinnen nicht. Sie werden nur das erfahren, was die Teilnehmer von sich aus preisgeben.

Die Studentinnen Luise Cornelli (links) und Nadine Jene arbeiten freiwillig für das Projekt. Sie hoffen, dass die Bücher den ein oder anderen Teilnehmer ins Nachdenken bringen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Für Caroline Steindorff-Classen ist genau das die Chance des Leseprojekts: dass die Studenten den jungen Straftätern auf Augenhöhe begegnen. "Das kennen die Jugendlichen oft nicht." Die Professorin hat Kontext 2011 an der Hochschule München ins Leben gerufen und später auf die LMU ausgeweitet. Inzwischen finden pro Jahr etwa 100 Lesegruppen mit jeweils zwei Treffen in den Jugendarresten in Stadelheim und Landshut sowie in der Untersuchungshaft der JVA Stadelheim statt.

Steindorff-Classen weiß, dass sich viele Insassen im Arrest erst einmal mangels Alternative für das Projekt melden, sie sagt auch, "es ist naiv zu glauben, dass mit der Lesegruppe der Hebel" im Leben der Jugendlichen umgelegt wird. Aber in Stadelheim habe man die Chance, die Jugendlichen einmal zu erwischen und ihnen das Lesen wieder nahezubringen. Lesen fördert Empathie, das haben Studien gezeigt. Wer weiß, vielleicht regen Bücher wie "No Exit" den ein oder anderen im Jugendarrest zum Nachdenken an? Und nicht zuletzt lernen auch die Studenten bei den Treffen eine Menge, sagt Steindorff-Classen: "Sie kommen mit Thematiken in Kontakt, die sie nicht kennen."