Staatstheater Augsburg:Im Rahmen des Möglichen

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Staatstheater Augsburg: Entleerte Welt: "Wittgensteins Mätresse" am Staatstheater Augsburg mit Andrej Kaminsky (li.) und Florian Gerteis.

Entleerte Welt: "Wittgensteins Mätresse" am Staatstheater Augsburg mit Andrej Kaminsky (li.) und Florian Gerteis.

(Foto: Jan-Pieter Fuhr)

Nicole Schneiderbauer hat David Marksons Endzeit-Roman "Wittgensteins Mätresse" am Staatstheater Augsburg für die Bühne adaptiert. Dabei setzt sie auch auf VR-Elemente, was sinnstiftende Wirkung hat.

Von Yvonne Poppek, Augsburg

Schon allein wegen des Raumes lohnt es sich zu kommen. Ausweichspielstätte hin oder her. In Augsburg hat Nicole Schneiderbauer ihre Inszenierung von "Wittgensteins Mätresse" im Kühlergebäude des Alten Gaswerks eingerichtet, gleich neben der temporären Brechtbühne. Dieses strahlt den Charme verlassener Industriebauten aus, der hier auch etwas von einem vergessenen pathologischen Institut hat. Steinfußboden, Reste blauer Fliesen an den Wänden, gewaltig hohe Decke, kaltes Licht. Dort hinein hat Miriam Busch eine karge Landschaft aus weißen, unterschiedlich großen, mal kunstvoll, mal schmucklos gestalteten Rahmen gebaut. Dazwischen stehen schlichte Drehhocker aus Holz für das Publikum.

Für "Wittgensteins Mätresse" lässt sich kein besserer Aufführungsort denken. Wenn man denn David Marksons komplexen, soghaften Roman aus dem Jahr 1988 auf die Bühne bringen will. In Augsburg ist dies nun erstmals der Fall - es ist ein Experiment in verschiedener Hinsicht. Denn Schneiderbauer und ihr Ensemble haben nicht nur den Text erarbeitet, sie integrieren auch Virtual Realitiy (VR)-Elemente in den Abend. Und das funktioniert, wenn auch nicht bis zuletzt, tatsächlich sinnstiftend.

Der Roman spielt in einer Zeit nach einer Katastrophe

Marksons Roman ist in der Zeit einer nicht näher benannten Katastrophe angesiedelt. Alles menschliche und tierische Leben ist ausgelöscht, allein die Erzählerin Kate hat überlebt. Sie schreibt ihre Gedanken und Erinnerungen auf, bezieht sich teils auf die Kulturgeschichte - auf Maler, Komponisten, Epen der Antike -, teils auf ihre Reisen durch die Ödnis, ihr Leben in Museen, ihre Suche nach anderen Lebewesen. Es sind alles nur Fetzen, Gedankenschleifen.

Das Aufschreiben dient der Selbstvergewisserung, ist Mittel gegen das Ausfransen der Realität, doch ist alles Notierte unzuverlässig, entspringt es doch der eigenen Erinnerung. Wie - hier kommt Wittgenstein ins Spiel - steht Sprache zur Wirklichkeit? Was sind die Tatsachen? Und spielt sich vielleicht nicht doch alles nur in Kates Kopf ab?

Schneiderbauer hat den Gedankenmonolog auf fünf Darstellende verteilt. Kate als letzter Mensch ist hier aufgespalten in mehrere Körper und Einsamkeiten. Sie sind alle in ihren schwarzen Hosen, silberfarben und schwarz glänzenden Paillettenoberteilen Projektionsflächen verschiedener Ichs. Körperlich-explosiv wie Florian Gerteis oder bildungsbürgerlich-verzweifelt wie Andrej Kaminsky. Jenny Langner tastet nach Auswegen aus dem Alleinsein, in das sich heroisch und klug Ute Fiedler längst gefügt und aus dem Thomas Prazak entschlossen einen Überlebenskampf gemacht hat.

Diese Wechselwirkung zwischen verschiedenen Strategien und Persönlichkeiten ist spannend, lässt sie doch gegensätzliche Lesarten zu, alles basierend auf den Passagen aus Marksons Roman. Jedes Individuum ist ein Mosaik. Eine dialogische Struktur ist nicht vorgesehen und auch nicht notwendig, nur punktuell gibt es Begegnungen.

Realität oder Gedankenwelt?

Weil diese Welt aber auch nur Gedankenwelt sein kann, passt es ganz gut, wenn sich die Zuschauerinnen und Zuschauer selbst ein paar Mal zurückziehen - hinter ihre VR-Brille. Hier schrumpft die Realität zu Traumgebilden: Verlassene Landschaften, verödete, zerstörte Gebäude, Abgründe, das Meer, ein leeres Schwimmbecken, Sand, Gräber tauchen auf. Post-apokalyptische Eindrücke, in die sich miniaturhaft die Bühnen-Ichs drängen. Atmosphärisch fügen die kurzen VR-Ausflüge dem Abend dadurch etwas hinzu. Allein der Versuch, auch das Live-Geschehen kurzzeitig über die VR-Brillen zu übertragen, bleibt Spielerei. Stärker ist die Aktion im Raum, störend die asynchrone Tonspur zum Bild.

Trotzdem: "Wittgensteins Mätresse" ist ein starker Abend, in dem es Schneiderbauer gelingt, Marksons Roman auf der Bühne sinnlich nachvollziehbar zu machen - mit ihrer feinen Komposition aus Raum, Technik und Spiel.

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