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Staatsopern-Intendant Bachler im Gespräch:"Wagner war schon ein Genie"

Mit der Festspielpremiere von Wagners "Götterdämmerung" rundet sich der Münchner "Ring". Staatsopernintendant Nikolaus Bachler über Richard Wagner, die Nackt-Aktion des Künstlers Spencer Tunick und das Programm der Festspiele.

Egbert Tholl

Die Bayerische Staatsoper, Wagner und kein Ende. Mit der Festspielpremiere der "Götterdämmerung" am 30. Juni rundet sich der Münchner "Ring", danach folgen zwei komplette Zyklen der Tetralogie im Juli. Drumherum findet, neben dem normalen Festspielprogramm, das am 23. Juni mit der Festspielnacht in den Fünf Höfen beginnt, eine vielgestaltige Auseinandersetzung mit Wagner und seinem Werk statt, beginnend mit Spencer Tunicks Menschenmasseninstallation ums Nationaltheater am 23. Juni, endend mit Saar Magals Tanzperformance über das Verhältnis Israels zu Wagner (27. bis 29. Juli im Haus der Kunst).

Staatsopern-Intendant Nikolaus Bachler erklärt Wagner - in entsprechender Pose.

(Foto: M.Jans/oh)

Dazwischen gibt es einen Abend für die Wagner-Damen Cosima, Winifred, Gudrun und Katharina (24. und 25. Juni), "Ring"-Seminare, eine Installation von Romeo Castellucci in der Allerheiligen-Hofkirche (27. Juni bis 1. Juli), die Jelinek-Uraufführung "Rein Gold" am Tag des EM-Endspiels im Prinzregententheater (mit Fußballübertragung), ein Konzert des Orchesters Jakobsplatz und einem neuen Teil von Schorsch Kameruns München-Erkundung, diesmal im Hofbräuhaus, wo der Rausch so daheim ist wie in Wagners Musik (6. bis 8. Juli).

Halten Sie den "Ring" wirklich für so wichtig, wie es das Programm der diesjährigen Opernfestspiele suggeriert?

Ja. Der "Ring" ist so wichtig, wie der Kilimandscharo wichtig ist. Einmal im Leben muss man ihn bewältigen. Diese 16 Stunden des "Rings" haben ja auch eine metaphysische Wirkung, jenseits des Themas. Man könnte natürlich lang darüber spekulieren, was dieses für eine besondere Bedeutung hat, gerade für die Deutschen. Ich halte den "Ring" für bedeutend im Sinne der Gewalt - er ist mit nichts zu vergleichen. Deswegen war die Entscheidung auch richtig, den "Ring" in einer Saison an einem Stück zu machen, weil dadurch alle Beteiligten dieses Erlebnis, eben des Gewaltigen, haben.

Reicht da die Tetralogie nicht aus?

Ganz sicher nicht, weil Wagner einer der widersprüchlichsten Personen war. Möglicherweise würde der "Ring", machte ich ihn etwa in San Francisco, allein ausreichen. In Deutschland nicht. Wenn wir uns hier am Haus mit dem "Ring" beschäftigen, kommt dabei noch so viel an Sekundärbeschäftigungen dazu, dass man daraus etwas machen muss. Auch muss man sich mit der Rezeption beschäftigen. Letztlich drehen sich alle Veranstaltungen, die wir um den "Ring" herum machen, um Rezeptions- und gesellschaftspolitische Fragen: Bei den Wagner-Frauen ist es das Thema Bayreuth, bei Saar Magal das Thema Wagner und Juden, bei Spencer Tunick sind es Wagner und Kriegenburg, Körper und Eros, bei Jelinek ist es die Gesellschaft. Mit unterschiedlichen, wesentlichen Zeitgenossen fassen wir diese Themen an.

Man könnte ja meinen, wenn man eine "Ring"-Neuinszenierung mit einer starken interpretatorischen Setzung hätte, bräuchte man dieses Beiwerk gar nicht.

Man kann auf dieses nicht verzichten, denn in einem "Ring"-Konzept stellt man sich ja letztlich einem Einzelaspekt, wie beispielsweise Chereau einst der Industrialisierung. Die Vielfalt der Wege, die wir zu beschreiten suchen, gibt es in keinem Konzept. Und: Meiner Meinung nach ist das, was Kriegenburg macht, eine sehr starke Interpretation - die Fabelerzählung neu zu versuchen, zu untersuchen, was es heißt, die Geschichte über die Menschen heute zu erzählen. Allerdings hängt meine Wahl der Projekte mit der Interpretationsidee von Kriegenburg zusammen.

Beim Tunick ist es evident . . .

Bei ihm, ich finde aber auch bei Jelinek und Castellucci. Vielleicht ist es bei Saar Magal weniger evident, dafür holt uns da gerade die Gegenwart ein.

In dieser Diskussion, ob man Wagner in Israel spielen dürfe oder nicht, spielt die Qualität der Musik keine Rolle.

Deswegen haben wir mit Saar Magal genau zu diesem Thema eine Israelin eingeladen. Es ist ja schlechterdings unmöglich, dieses Thema zu behandeln, außer es respektvoll, vorsichtig und genau zu begleiten. Wie gehen Juden mit Wagner um? Die, die den Holocaust erlebt haben und nie wieder Wagner hören wollen? Wie geht die heutige Generation damit um? Mit Wagner in Israel können sich nur die Juden auseinandersetzen. Etwa ein Mann wie Asher Fisch, der unserem Haus sehr verbunden ist und dessen Konzert mit Werken Wagners in Israel gerade abgesagt wurde. Sein Plan hat ja diesen neuerlichen Sturm erst ausgelöst. Einerseits sind Wagners Antisemitismus und bestimmte Inhalte ein Thema, andererseits sagen Leute wie Fisch und Barenboim, es könne nicht sein, dass eine ganze Generation ohne eine Musik von der Qualität Wagners aufwächst. Doch in der Diskussion geht es um Deutschtum, den deutschen Helden, Ge- und Missbrauch dieser Musik im Dritten Reich. Nicht um die Musik an sich.

Oper ist halt mehr als nur Musik.

Eben. Und wenn man sagt, Oper hat einen theatralischen und einen inhaltlichen Auftrag, dann muss man sich mit diesen Themen auseinandersetzen. Das gibt es nicht an der Met, und auch nicht an Covent Garden.

Hätten Sie bezüglich Israel und Wagner einen missionarischen Furor, wie ihn eben Fisch oder auch Barenboim haben?

Nein, weil ich finde, das wäre Kulturkolonialismus. Das kann nur aus der eigenen Betrachtungsweise kommen. Es kann nicht unser Interesse sein, dass man in Israel Wagner hört. Fisch kann sagen: Ich als Jude will dort Wagner aufführen. Wir können das nicht. Unser Furor ist, unser Publikum mit dieser Thematik zu konfrontieren. Dass wir dies über Saar Magal mit Tanz machen, hat dann auch wieder mit Kriegenburg und dessen Konzeption der Körperlichkeit zu tun.

Hat die Bayerische Staatsoper Besucher aus Israel?

Ich nehme es an. Ich weiß es aber nicht. Meine Beziehung zu Israel rührt woanders her. Als ich die Wiener Festwochen leitete, hatte ich sehr viel Austausch mit Israel, mit dem Jerusalem Festival, dem Akko-Theater. Schon damals haben wir viel über das Thema Wagner diskutiert. Auch über das Thema Lehar übrigens, über musikalischen Missbrauch. Daneben entstand eine Nähe zu Israel direkt über Asher Fisch. Ich war mit ihm einige Male in Israel, als er mein Chefdirigent an der Volksoper war. Da wurde ich zum ersten Mal mit Menschen konfrontiert, deren Tochter von Palästinensern erschossen worden war. Da steht man dann auf sehr unsicheren, sensiblen Beinen dort. Deswegen bin ich so begeistert, dass nun die Zusammenarbeit mit Saar Magal zustande kam.

Im Vergleich dazu sind die Wagner-Frauen ein fast boulevardeskes Thema.

Aber ganz und gar nicht unheikel. Freilich tue ich mich da wesentlich leichter, weil ich die Grundüberzeugung habe, dass ein dynastisches Prinzip in der Kunst absurd ist. Ein Theater kann kein Erbbauernhof sein. Das ergibt keinen Sinn. Herauszufiltern, dass das eine Kette von Frauen ist, und zu untersuchen, was eine Winifred befähigt, außer der Macht - das ist es wert zu fragen. Und das Ganze im Haus der Kunst zu machen, dessen Westflügel in ein kleines Bayreuth zu verwandeln, das ist spannend - ein Bogen von Bayreuth bis Israel.

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