Petrenko in München Zittern um den Zauberer

Von der Bayerischen Staatsoper nach Berlin: Kirill Petrenko.

(Foto: dpa)
  • Die Berliner Philharmoniker wünschen sich Kirill Petrenko, den Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, als Nachfolger von Sir Simon Rattle auf dem Posten des Chefdirigenten.
  • Kunstminister Ludwig Spaenle (CSU) zeigte sich derweil zuversichtlich, Petrenko noch eine Weile halten zu können und hat ihm ein Angebot gemacht, über 2018 hinaus für die Staatsoper tätig zu sein.
Von Egbert Tholl

Am Montag verkündeten die Berliner Philharmoniker, sie wünschten sich Kirill Petrenko, den Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, als Nachfolger von Sir Simon Rattle auf dem Posten des Chefdirigenten. Zunächst scheint das folgerichtig zu sein: Petrenko ist momentan der Dirigent, über den sich die Musiker, die mit ihm arbeiten dürfen, die meisten Wunderdinge erzählen. Da kommt auch Christian Thielemann nicht heran, im Ranking der Berliner - so sagen die, die nicht zitiert werden wollen - knapp auf Platz zwei. Tatsächlich gratuliert auch Staatsopernintendant Nikolaus Bachler Petrenko. Das war es dann am Montag aber erst einmal mit zitierfähigen Aussagen.

Die Lage ist nun so: Rattle hat in Berlin einen Vertrag bis 2018, Petrenko in München ebenfalls einen bis 2018. Zeitlich würde es also genau passen, und tatsächlich wurde am Montag bereits von einigen Medien vermeldet, Petrenko gehe 2018 zu den Philharmonikern. Doch von diesen ist zu hören, dass über Details des Vertrags noch zu entscheiden sei. Und eines dieser Details ist wohl der Zeitpunkt des Antritts.

"Ich habe ihm ein Angebot unterbreitet, über das Jahr 2018 hinaus für die Staatsoper tätig zu sein"

Auf der anderen Seite weiß man in München, dass Bachler, Petrenko und das bayerische Kunstministerium seit geraumer Zeit über eine Verlängerung der Verträge des Dirigenten und des Opernintendanten verhandeln. Kunstminister Ludwig Spaenle (CSU) zeigt sich zuversichtlich, Petrenko noch eine Weile halten zu können. "Ich habe ihm ein Angebot unterbreitet, über das Jahr 2018 hinaus für die Staatsoper tätig zu sein", sagte Spaenle am Montag. Über Details müsse nun gesprochen werden. Dass er Petrenko gerne weiter an der Isar sähe, sei klar. "Er ist natürlich einer der großen Dirigenten unserer Zeit."

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Der Plan scheint zu sein, Bachler und Petrenko bis 2021 zu verlängern - dann wäre Petrenko acht Jahre in München gewesen, was für einen Generalmusikdirektor eine ganz normale Ära wäre. Bachler ist schon seit 2008 Intendant. Gleichzeitig gehen Kenner der Branche, die nicht in München leben, aber auch nicht zitiert werden wollen, davon aus, Petrenko fange 2020 in Berlin an; dementsprechend gäbe es ein Übergangsjahr mit der Staatsoper. Was die Berliner zwei Jahre lang, also von 2018 bis 2020, machen, ist den Münchnern aus ihrer Sicht naturgemäß wurscht.

Staatsoper auf dem Höhenflug

Das alles bleiben Mutmaßungen. Nahezu sicher ist derzeit nur, dass Kirill Petrenko irgendwann in den kommenden Jahren die Bayerische Staatsoper Richtung Berlin verlassen wird, wo er bereits fünf Jahre lang die musikalischen Geschicke der Komischen Oper bestimmt hatte. Und sicher ist, dass man ihn in München gerne so lange wie möglich halten will. Schließlich befindet sich die Staatsoper mit ihm auf einem Höhenflug der Kunst, die Musiker des Staatsorchesters sind so von ihm begeistert, dass manche gar glauben, eine Reinkarnation von Carlos Kleiber stünde vor ihnen. Und: Vom kommenden Jahr an ist Petrenko Bayreuth los.

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Er kann dann auch bei den Opernfestspielen in München dirigieren, was bislang in seiner Amtszeit nicht möglich war, weil er, heuer zum letzten Mal, in Bayreuth den "Ring" zaubern muss. Jetzt hätte man ihn ganz - und gleich wäre er weg? Das nimmt man in München so ohne weiteres nicht hin, zumal das Ansinnen einer bayerischen Verlängerung älter ist als das Begehren aus Berlin. Eines scheint jedenfalls ausgeschlossen: Dass Petrenko, sieht man von einem möglichen Übergangsjahr ab, beide Positionen gleichzeitig wahrnimmt.

Wer wird sein Nachfolger?

Die Offenheit dieser Fragen erklärt auch das Schweigen Bachlers, auch das des Ministerialdirigenten und wichtigen Personalentscheiders Toni Schmid. Und dann kann man ja weiterdenken: Bleibt Bachler über Petrenko hinaus? Wenn nicht, wer wird sein Nachfolger? Wer wird Petrenkos Nachfolger? Wann?

Die Ausdehnung der Frist bis 2020 oder 2021 hätte den großen Vorteil, dass alle sich in Ruhe überlegen könnten, wie es mit der Bayerischen Staatsoper weitergehen soll. Die Latte hierbei hängt momentan jedenfalls sehr hoch. Andererseits: All jene, die 2015 oder 2016 vergleichbare Leitungsposten übernehmen, und das sind allein im deutschsprachigen Raum einige, wären dann wieder zu haben. Entscheidend wird sein, wohin es künstlerisch gehen soll. Kirill Petrenko einfach zu verdoppeln, scheint momentan die nahe liegendste Lösung zu sein, aber das wird wohl auch in fünf Jahren noch nicht möglich sein.

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