Staatsbibliothek Zum Studieren auf das rote Sofa

Die "Plaza" bietet den Studierenden gemütliche Arbeitsplätze in modernem Design.

(Foto: Catherina Hess)

In der Stabi gibt es jetzt eine "Plaza", die mit einem normalen Lesesaal wenig gemein hat. Statt still vor Büchern zu sitzen, darf man dort ratschen und diskutieren.

Von Sabine Buchwald

Ginge die Umgestaltung einer Fläche immer so schnell vonstatten wie jüngst in der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB), dann wäre München wohl eine andere Stadt. Sie wäre funktionaler, moderner und schöner, gemessen jedenfalls am Ergebnis der neuen sogenannten Plaza in der großen Bibliothek an der Ludwigstraße. Wo noch im Frühsommer satinierte Glaswände Büros für die Verwaltung abteilten, sind nun 400 Quadratmeter mit schicken Möbeln bestückt. Sie stehen der Öffentlichkeit zur Verfügung - zum Lesen und Lernen, vor allem aber zum gemeinschaftlichen Arbeiten und Austausch.

Die Plaza ist ein Ort für alle, wirklich alle, die einen ruhigen, aber nicht mucksmäuschenstillen Platz suchen. Der erste Eindruck dieser neugestalteten Fläche im Erdgeschoss, die in Rot und Grau gehalten ist, den Corporate-Identity-Farben der Stabi: gemütlich und gelungen. Diesen Freitagvormittag werden die Absperrungen entfernt, die Plaza kann eingenommen werden.

Stabi-Chef Klaus Ceynowa und seine Stellvertreterin Dorothea Sommer zeigen die neue Plaza.

(Foto: Catherina Hess)

Initiative und Idee kamen von oben, von Generaldirektor Klaus Ceynowa und seiner Stellvertreterin Dorothea Sommer. Gut möglich, dass die Umsetzung nach den ersten Gesprächen deshalb nur ein knappes halbes Jahr gedauert hat. Sommer erarbeitete mit den Architekten und Raumgestaltern Silvie Pogadl und Jürgen Wilfert ein Raum-in-Raum-Konzept, das nun 130 unterschiedliche Sitz- und Arbeitsmöglichkeiten bietet. "Das Haus steht unter Denkmalschutz, es war für uns die einzige Chance, ein neues Angebot zu machen", erklärt Sommer. Der Bedarf dafür ist da, das habe eine Analyse ergeben.

Die knapp 1000 Leseplätze in den verschiedenen Sälen im Haus werden sehr gut besucht. Etwa 4000 Menschen kommen jeden Tag in das Gebäude. Im großen Allgemeinen Lesesaal, der täglich von acht Uhr bis Mitternacht offensteht, finden sich 690 Sitzplätze - und die sind zu fast jeder Zeit besetzt. Wer nicht schon morgens kommt, muss oft wieder gehen. Und wer einen Platz zu lange blockiert, ohne dort erkennbar zu arbeiten, bekommt einen dezenten Hinweis, dass er geräumt werde, wenn sich dies nicht ändere. Das alles liegt auch daran, dass sich die BSB, im Volksmund Stabi genannt, öffnet. Sie ist nicht mehr nur ein Ort für Wissenschaftler oder Studenten - und die wenigsten in den Lesesälen kommen dorthin, um ein Buch mitzunehmen. Auch wenn das weiter zentrale Aufgabe bleibt. Mehr als 71 000 aktive Nutzer sind registriert, 1 291 000 Entleihungen wurden im vergangenen Jahr gezählt. Tendenz: steigend.

Einen Leseausweise bekommen fast alle, die ihn beantragen. Wer in den Achtzigerjahren oder früher studiert hat, weiß, dass das nicht immer so war. Wie nutzerfreundlich sich die Bibliothek entwickelt hat, zeigt nun eben auch die farbig eingerichtete Plaza. "Wir geben den Nutzern die Fläche zurück", sagt Sommer, eine Fläche, die vorher durch Büros belegt war. Eine niedrige sechsstellige Summe habe man für den Umbau in die Hand genommen, erklären die Direktoren.

Das ist nicht üppig, gemessen an den Kosten, die einst für den von Ludwig I. in Auftrag gegebenen, 1843 vollendeten Bau anfielen. Heute legt man keinen Wert auf Marmor, dafür auf hochwertigen Filz. Zwei Kuben mit offenen Eingängen erlauben Gruppen, sich zurückzuziehen. Filzbespannte Sofas, drehbare Ohrensessel, Zwei-Sitzer-Sofas mit schallschluckendem Dach, die intimere Gespräch zulassen, vielleicht sogar ein Nickerchen - all das findet sich nun in der ehrwürdigen Bibliothek. Wobei an diesem Ort die Regel gilt: Sitzen, nicht liegen. Trinken, nicht essen. Dafür hat die Stabi ein Café. Die Plaza ist von Montag bis Freitag von acht bis 19 Uhr geöffnet.

Filzbespannte Sofas, drehbare Ohrensessel, Zwei-Sitzer-Sofas mit schallschluckendem Dach - all das findet sich nun in der ehrwürdigen Bibliothek.

(Foto: Catherina Hess)

Den offenen Charakter der Bibliothek zu bewahren, ist ihren Chefs ein Anliegen. So wird in der Plaza genauso wenig wie am Eingang kontrolliert. "Im Einklang mit der Praxis vieler anderer Bibliotheken haben wir von Kontrollen abgesehen", sagt Ceynowa. Das Thema allerdings flackert immer wieder auf seit den Attentaten in Paris und Brüssel oder dem Anschlag am OEZ in München im Sommer vor zwei Jahren. In die Staatsbibliothek zu Berlin etwa, das etwas größere Pendant der BSB in der Hauptstadt, kommt man grundsätzlich nur mit Leseausweis. Es gebe in der Stabi auch einen internen Kontrolldienst, aber der gehe sehr zurückhaltend durchs Haus, sagt Ceynowa. Security mit Pfefferspray und Schlagstöcken passe nicht zur Atmosphäre hier. Man werde nun sehen, wie die neuen Räumlichkeiten funktionieren und werde gegebenenfalls mit strengeren Regeln reagieren.

Noch aber ist man stolz auf den Ist-Zustand in jeder Hinsicht. Und das nächste Umbauprojekt läuft auch schon: der Osteuropa-Lesesaal, ursprünglich von Sep Ruf konzipiert. Er wird vor allem energetisch saniert.

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