Bayerische StaatsbibliothekSo nah kommt man der Gutenberg-Bibel sonst nie

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Ein Blatt der Gutenberg-Bibel, die um 1454/55 gedruckt und danach per Hand mit Ornamenten reich verziert wurde.
Ein Blatt der Gutenberg-Bibel, die um 1454/55 gedruckt und danach per Hand mit Ornamenten reich verziert wurde. Bayerische Staatsbibliothek/BSB

Mit der Gutenberg-Bibel von 1454/55 beginnt die neue Reihe „StabiLieblinge“ in der Bayerischen Staatsbibliothek in München. Monat für Monat wird nun ein besonderes Objekt präsentiert.

Von Evelyn Vogel

„Sie müssen sich das so vorstellen: Die Schatzkammer ist ein großer, abgedunkelter Raum, und relativ weit hinten liegt die Handschrift aufgeschlagen und besonders beleuchtet. Das wirkt fast kathedralenartig.“ Der Sprecher der Bayerischen Staatsbibliothek, Peter Schnitzlein, gerät geradezu ins Schwärmen, wenn er von der Präsentation der neuen Reihe „StabiLieblinge“ erzählt, die mit der Präsentation einer Gutenberg-Bibel von 1454/55 am 11./12. März beginnt.

Muss er wohl auch. Denn als Verwahr- und Ausleihort für Bücher kann die Bayerische Staatsbibliothek ja nicht per se auf eine gesteigerte Erwartungshaltung des Publikums an die Präsentation wertvoller Bücher setzen. Was schlicht damit zusammenhängt, dass diese meist im Tresor liegen und nicht ausgeliehen werden. Forschende und Lehrende, das sind üblicherweise jene, die mit besonderer Genehmigung solch rare Stücke in Augenschein nehmen dürfen. Aber Normalsterbliche? Mitnichten. Dafür sind diese viele hundert Jahre alten Handschriften, Karten, Noten, Plakate und andere original Druckerzeugnisse viel zu empfindlich und zu wertvoll. Auch deshalb soll es diese Reihe, die Schnitzlein auch einen „Versuchsballon“ nennt, geben. Um zu testen, wie man das Publikum für seltene Druckwerke begeistern kann.

Seit Jahren versucht die Bayerische Staatsbibliothek wie auch andere Bibliotheken, die hauseigenen Schätze bekannter zu machen. Denn sie hütet und bewahrt in ihren Magazinen und Tresoren unzählige Spitzenstücke des schriftlichen und visuellen Kulturerbes der Menschheit: erlesene Handschriften – 14 von ihnen zählen zum Unesco-Weltdokumentenerbe –, kostbare Inkunabeln und alte Drucke, seltene Landkarten, Notensammlungen, Nachlässe berühmter Persönlichkeiten, Millionen historischer Fotos, spektakuläre Künstlerbücher, Orientalia, Hebraica und Asiatica von Weltrang und vieles mehr. Manches davon kam durch Zustiftungen in den Bestand, anderes durch Ankäufe.

Einiges wird in den regelmäßigen Jahresausstellungen gezeigt: 2025 war diese den Farbholzschnitten aus Japan in der Sammlung gewidmet. Im Jahr davor standen Fotografien aus dem Nachlass von Volker Hinz im Mittelpunkt der Jahresausstellung. Und im Jahr davor die Architekturentwürfe für Bibliotheken von Max Dudler, um nur einige zu nennen.

Nun also soll es in einer Sonderpräsentationsreihe um seltene und wertvolle Inkunabeln gehen. Dafür hat man sich das Format „StabiLiebling. Ein Spitzenstück. Zwei Tage. Ganz nah.“ ausgedacht. Und was könnte sich besser eignen, als genau jenes Buch, mit dem, vereinfacht gesagt, die moderne Buchproduktion ihren Anfang nahm.

49 Exemplare der Gutenberg-Bibel soll es weltweit noch geben. Wegen der 42 Zeilen pro Spalte, heißt die Gutenberg-Bibel auch „B42“.  Das Exemplar aus dem Tresor der Bayerischen Staatsbibliothek gehört zu den frühen Exemplaren, als der Buchdrucker noch mit der Zeilenanzahl herumexperimentierte. Denn zunächst setzte Gutenberg 40 Zeilen pro Spalte, erhöhte die Zeilenanzahl nach einigen Seiten auf 41 und schließlich auf 42 Zeilen.

Alles Farbige, alles Ornamentale, alles Ergänzende musste ein Buchmaler später per Hand hinzufügen. Und dafür gibt es beim Münchner Exemplar eine zusätzliche Arbeitsanweisung, die Tabula rubricarum. Die Bibel selbst umfasst 643 Blatt in zwei Bänden im Format 38,5 × 27,5 Zentimeter. Der Band, der jetzt in der Schatzkammer präsentiert wird, hat 324 Blatt.

Zu sehen sein wird eine Seite mit dem Beginn der Schöpfungsgeschichte (Genesis), die auch wunderbar handgemalte, farbige Verzierungen aufweist. Natürlich darf man das Original nicht in Händen halten. Das wäre konservatorisch und aus Sicherheitsgründen nicht zu vertreten. Das wertvolle Stück liegt unter Sicherheitsglas und kann auch nur eine kurze begrenzte Zeit einer Beleuchtung ausgesetzt werden.  Schließlich sollen Generationen nach uns auch noch die hohe Qualität dieses jetzt schon mehr als 550 Jahre alten Buches genießen können. Dennoch wird man der original Gutenberg-Bibel aus der Bayerischen Staatsbibliothek in München so nah kommen wie nie zuvor – und vermutlich auch danach für lange Zeit nicht wieder.

An den beiden Ausstellungstagen, an denen die Schatzkammer bei freiem Eintritt von 10 Uhr bis 19 Uhr geöffnet ist, gibt es jeweils drei Termine (11 Uhr, 13 Uhr und 17 Uhr), zu denen Fachleute der StaBi befragt werden können. Außerdem wird es Texttafeln geben, die über die Besonderheit der Bibel selbst, über Gutenberg und seine Zeit sowie über den Buchdruck und seine technische und gesellschaftliche Bedeutung Auskunft geben.

Im April folgen dann die Bairischen Landtafeln von Philipp Apian, einer Ikone der altbayerischen Kartografie, im Mai ist der Bußpsalmencodex Albrechts V. zu sehen, nach Auskunft der Staatsbibliothek die „schönste Musikhandschrift der Welt“. Die Reihe wird bis Februar 2027 fortgesetzt. Und wenn der „Versuchsballon“ gut ankommt, will man weitere Formate entwickeln, um die „StabiLieblinge“ bekannter zu machen.

StabiLiebling. Ein Spitzenstück. Zwei Tage. Ganz nah, Bayerische Staatsbibliothek München, Schatzkammer (1. OG), Mittwoch, 11. März, und Donnerstag, 12. März 2026, 10 bis 19 Uhr, Hintergrundinfos von Fachleuten: jeweils um 11 Uhr, 13 Uhr und 17 Uhr. Keine Anmeldung erforderlich

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