Wenn die Nachmittagssonne tief genug steht, hebt auf der Empore ein Tanz von Licht und funkelnden Farben an, als drehe einer an einem himmelhohen Kaleidoskop. Im gläsernen Raum davor arbeiten gerade noch die Fensterputzer an der streifenfreien Performance, damit kommenden Sonntag der prächtige Schein auch ungetrübt durch eines von Deutschlands größten Kirchenfenstern hineinleuchten kann in den sonst so kühlen Kirchenraum bis ganz nach vorn, zum Altar.
Nach fünf Jahren wird die katholische St.-Thomas-Morus-Kirche in Sendling wiedereröffnet. Man kann fast sagen: wiederauferstehen. Denn zum Beten mussten die Gläubigen seither in die Nachbarschaft gehen, für alle anderen Veranstaltungen auch. In der Zwischenzeit hat sich ihr Pfarrzentrum baulich komplett neu erfunden. Erfinden müssen.
Wer immer mal wieder den Mittleren Ring in Sendling mit dem Auto befährt, dem ist der streng und hoch aufragende Campanile von St.-Thomas-Morus an der Heckenstallerstraße ein echter Wegmarker. Dass dieser Kirchturm wie das ganze Pfarrzentrum dringend sanierungsbedürftig ist, war lange klar. Es gab bereits Pläne, als 2017 dann noch einmal alles auf Anfang gestellt wurde. Denn hier, in einer aktiven, urbanen Gemeinde, die aktuell immer noch 4500 Mitglieder zählt, will die Erzdiözese München und Freising ein Exempel statuieren.

St.-Thomas-Morus gehört zum Dekanat München-Südwest, in dem die Erzdiözese pilotweise versucht, eine neue Strategie zu fahren, offizieller Titel: „Immobilien und Pastoral“. Denn mit massiv einbrechenden Mitgliederzahlen und damit rasant schwindenden Kirchensteuereinnahmen lassen sich die vielen kirchlichen und vielerorts nur mehr spärlich genutzten Häuser nicht mehr finanzieren. Künftig mag und kann Mutter Kirche, wenn man so will, ihre Schäfchen nicht mehr nähren wie bisher.
Die sollen sich fürderhin, so die Entscheidung von oben, weitgehend selbst am Leben halten. Als sogenannte Kirchenstiftungen, wie die Rechtskörper der einzelnen Pfarreien korrekt heißen. Für Instandhaltung und Renovierung kirchlicher Immobilien sollen künftig im Jahr dann nur mehr 50 Millionen Euro aus der Zentrale in alle 750 Pfarreien von Dachau bis Berchtesgaden fließen.
Zum Vergleich: Die 2021 in St.-Thomas-Morus begonnene Sanierung kostet allein etwa 17,9 Millionen Euro. Ein erheblicher Teil davon stammt aus Kirchensteuermitteln. Nach der Sendlinger Gemeinde werden im Erzbistum nur noch sehr vereinzelt bauende und renovierende Pfarreien in den Genuss einer so satten Unterstützung kommen.
Und die St.-Thomas-Morus-Gemeinde muss sich künftig auch weitgehend selbst über Wasser halten. Genau deshalb hatte die jetzt vollendete Erneuerung des Ensembles und der denkmalgeschützten Kirche nach Plänen von Karl Jantsch eine echte Rochade ausgelöst. So erzählen es beim Rundgang durchs mit entschiedener Eleganz neu gefasste Zentrum Pfarrer Detlev Kahl, Gemeindemitglieder, Herren der erzbischöflichen Baubehörde und Architekt Christian Zöhrer.
Das alte Kindergartengebäude auf dem Gelände wurde abgerissen und neben dem Pfarrheim neu aufgebaut – immer in Sichtmauerwerk wie das komplette Ensemble. Das Pfarramt wanderte als Anbau an die Ostseite der Kirche. Pfarrer Kahl schwärmt: „Jetzt kann man direkt vom Rewe auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu uns reinlaufen, wir sind mittendrin im Viertel!“
Neben den Sanierungsarbeiten an Dach, Fassade, Haustechnik und dem 131 Quadratmeter großen Buntglasfenster an der Vorderseite des Sakralbaus fand die spektakulärste Wandlung in der Kirche selbst statt: Auf der erweiterten und in den Kirchenraum hineingezogenen Empore entstand vor dem historischen Buntglasfenster von Christian Wolf ein Pfarrsaal inklusive Teeküche. Architekt Zöhrer nennt es eine „Brückenkonstruktion auf nur zwei tragenden Pfeilern“. Eine riesenhafte Isolierverglasung mit Stahlkonstruktion trennt den neuen Mehrzweckraum akustisch und klimatisch vom Kirchenraum. Zeitweise standen zwei Kräne vor dem Altar.


Statt früher 510 Sitzplätzen auf den Kirchenbänken gibt es in St.-Thomas-Morus deshalb nur noch 380. Den Platz konnte sich der Architekt nehmen, weil auch in Sendling die Zahl der Gottesdienstbesucher gesunken ist.
Der Witz hinter dem Bäumchen-wechsel-dich-Prinzip: Im rückwärtigen Gelände des Ensembles ist nun eine Fläche frei für die eigene Lebenserhaltung der Gemeinde: Auf 400 Quadratmetern Grundfläche will die Kirchenstiftung vulgo Pfarrgemeinde fünfgeschossigen Wohnungsbau mit sozialverträglichen Mieten in Erbbaurecht vergeben und sich so langfristig finanzieren. „Die Stadt hat den Vorbescheid schon genehmigt“, sagt Benedikt Buckler, der im erzbischöflichen Ordinariat das Bau-Ressort leitet. Künftige Bewohner, so die Idee, könnten unter anderem kirchliche Beschäftigte oder Auszubildende und Studierende kirchlicher Bildungseinrichtungen sein.
„Das ist eine Premiere und Neuland“, sagt Buckler. „Die Landeshauptstadt ist damit einen Schritt auf uns zugekommen, das Grundstück hatte sogenannten Gemeinbedarf, was sich mit Wohnungsnutzung beißt.“ Nach Absprache sei eine Umwandlung möglich geworden. 20 bis 30 Areale dieser Art habe das Erzbistum in der Stadt, so Buckler. „Jetzt ist nur die Frage, wie kann man die Finanzierung drehen, dass das für einen möglichen Investor interessant ist.“

Für Pfarrer Kahl und seine Gemeinde ist erst mal der Sonntag, 15. März, wichtig. Um 10 Uhr feiert Kardinal Reinhard Marx die Wiedereröffnung des Gotteshauses. Für den Seelsorger und seine große St.-Thomas-Morus-Familie – 100 Ehrenamtliche hätten die Metamorphose des Pfarrzentrums mit ihrem Engagement wesentlich getragen – heißt es dann wieder Wurzeln schlagen. Fünf Jahre gab es hier ja kein Gemeindeleben mehr. „Es wird eine große Aufgabe, alles wieder aufzubauen“, sagt Kahl.
Am 9. Mai sind sie auch, um sich wieder ins Bewusstsein zu bringen, Haltepunkt der langen Nacht der Musik. Und am 6. Dezember, bei der nächsten großen Sause, werden möglicherweise schon wieder viele ganz heimisch unter dem Campanile an der Heckenstallerstraße sein: Dann feiern sie das 60-jährige Bestehen ihrer Kirche. Im neuen Pfarrsaal auf der Empore wird die Sonne des riesigen Südfensters, das die Wiederkunft Christi zeigt, im Winter die prächtigen Farben deutlich früher im Licht tanzen lassen.


