Rapper SSIO in MünchenAus Liebibie zubir Mubisibik

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Der Rapper SSIO weiß Bescheid: „Irgendwie macht man mit Straftaten immer Plus“.
Der Rapper SSIO weiß Bescheid: „Irgendwie macht man mit Straftaten immer Plus“.
Nik Müller

SSIO ist selbst für Rapper bemerkenswert maskulin, redet aber in niedlicher Sprache und mag Ringelnatz. Nun kommt er nach München.

Von Linus Freymark

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Es grenzt auf den ersten Blick an ein Wunder. Aber tatsächlich: Eines der Vorbilder von SSIO ist Joachim Ringelnatz. Der Schriftsteller, der vor allem während der Weimarer Republik populär war, veröffentlichte 1928 sein „Gedicht in Bi-Sprache“. Das Konzept hinter diesem Sprachspiel: Hinter jedem Vokal wird ein „b“ und erneut der Vokal eingefügt oder ein anderer Vokal hinzugezogen. Bei Ringelnatz kam dann zum Beispiel raus: „Ibich habibebi dibich // Lobittebi, sobi liebib.“

Während Ringelnatz die Bi-Sprache für ein humoristisches Liebesgedicht nutzte, diente sie im Bonn der frühen 2000er-Jahre als Geheimsprache in Kreisen, die nicht unbedingt ein Interesse daran haben, dass Außenstehende verstehen, worum es gerade geht – erst recht nicht die Polizei. Womit man bei SSIO wäre, diesem selbst im Branchenvergleich bemerkenswert maskulinen Rapper mit Boxerschnitt und Goldkette. Im Bonner Ortsteil Tannenbusch sozialisiert, kam Ssiawosch Sadat in Kontakt mit Milieus, die ihre Geschäfte in der Bi-Sprache abwickelten.

Und so sind die Texte von SSIO, der hierzulande längst zur Rap-Ikone aufgestiegen ist, voller Neologismen in Anlehnung an die Bi-Sprache, die es einem manchmal schwermachen, hinterherzukommen. „Du bist ein Labippen, kriegst Klabitschers von Kibinder // Und habist Profilbibilder wie Kabihbas von Tibinder“, heißt es etwa in „Jabi“ aus dem Jahr 2019. Kleine Übersetzungshilfe: SSIO bringt mit diesen Zeilen seine Abneigung gegenüber einem „Lappen“ zum Ausdruck, der von Kindern geschlagen wird und offenbar Profilbilder in ähnlichem Stil hochlädt wie Frauen aus einem bestimmten Gewerbe auf einer bekannten Dating-Plattform.

Dem Bonner Macho gelingt mit seiner verniedlichenden Sprache und seinem ironischen Auftreten das Kunststück, auch ein eher Rap-kritisches Publikum für sich einzunehmen. Er spielt mit Vorurteilen, dreht rechte Narrative um und plaudert über die Annehmlichkeiten des Lebens als Großhändler für weiße Pulver aller Art. „Irgendwie macht man mit Straftaten immer Plus“, konstatiert er in „Nullkommaneun“. Solche Zeilen, dazu Kopfnicker-Beats im G-Funk-Style – mit dem gleichnamigen Album erklomm SSIO vor nun auch schon zehn Jahren die Spitze der deutschen Albumcharts. Die Zahl 0,9 sagt übrigens einiges über den Geschäftssinn von Drogendealern aus – kein Kunde bestellt schließlich 0,9 Gramm Kokain.

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Nun hat SSIO nochmal nachgelegt und ist derzeit mit seiner neuen Platte „Alles oder nix“ auf seiner „Die erste Tour nach Corona“-Tour unterwegs. Und setzt die Messlatte hoch: „Dein Signing sieht meine Live-Show und lernt wie’n Azubi“, richtet er schon mal aus. Ob dem tatsächlich so ist, lässt sich auf SSIOs Stopp im Zenith beurteilen. Live dürfte die Bi-Sprache für Außenstehende noch schwerer zu verstehen sein. Aber das Schöne ist ja: Auf Konzerten muss es ja nicht immer nur um Texte gehen, sondern auch um Stimmung, die Leute und die Person des Künstlers. Oder um es in der Bi-Sprache zu sagen: Es geht um die „Liebibie zubir Mubisibik“.

SSIO, Sonntag, 22. März, 19 Uhr, Zenith.

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