Sportvereine Vielen geht es nur um Erfolg und Leistung

Es gibt sie freilich noch, die familiär geführten Fußballvereine. Ein Donnerstagabend beim SC München an der Agilolfingerstraße. Franz Forstner ist schon seit 17.30 Uhr da, obwohl das Training mit der ersten Mannschaft erst um 19.30 Uhr beginnt. Bis dahin redet er mit Eltern und Trainern, pumpt Bälle auf, richtet Hütchen und Leibchen her, spricht mit dem Wirt. Die Mannschaft fliegt nächste Woche ins Trainingslager in die Türkei, bei der Rückkehr gibt's in der Gaststätte Schweinebraten. Die B-Junioren schippen den Schnee vom Kunstrasen, damit am Samstag endlich wieder Testspiele stattfinden können.

Auch während des eigenen Trainings legt Forstner die Hütchen bereit, er macht die Ansagen, in den Übungen ist er dann ein Spieler unter vielen. Innerhalb von Sekunden wechselt er die Rolle. "Ich richte auch meinen Urlaub nach dem Fußball, ich habe das immer so gemacht", sagt der 39-Jährige, der mit 17 schon Trainer war. Auch er sagt, dass ehrenamtliche Arbeit immer weniger wertgeschätzt werde. "So", sagt er und macht eine abwertende Handbewegung, die bedeuten soll: Lass den doch reden. Und auch wenn er oft noch bis halb zwei Uhr morgens im Vereinsheim Karten spielt: Auch beim SC München bleibt das immer öfter leer.

Beim SC München liefe vermutlich wenig ohne Spielertrainer Franz Forstner.

(Foto: Jan A. Staiger)

Vielen fehlt das Verständnis dafür, was der Breitensport leisten kann und soll. Dazu gehört zum Beispiel, dass in einer Mannschaft alle zum Zug kommen. Wenn Freimanns Trainer Widmann bei einer Ligapartie einen schwächeren Spieler einwechselt, dann sagt schon mal der Vater eines anderen Jungen: "Wieso wechselst du denn den jetzt ein? Dann ist doch klar, dass wir verlieren." Wenn man umgekehrt empörte Eltern auf solche Sätze anspricht, sagen sie, dass es doch auch für die ganze Mannschaft frustrierend sei, wenn sie ständig verliere. Das bedeutet allerdings: Ein Trainer ist dazu da, die Besten auszusuchen - wo gehen dann die anderen hin? "Die zahlen doch auch Mitgliedsbeitrag", sagt dazu SC-Spielertrainer Forstner.

Wer sich nicht seinen Leistungen entsprechend behandelt fühlt, wer glaubt, er könne erfolgreicher sein, verlässt schnell den Verein. "Bloß keine Steine mehr aus dem Weg räumen, das mag keiner", sagt Pitari aus Sendling. Die Grundannahme sei wohl, es gebe ein Leben ohne Steine. Dass es aber eher darum geht, in einem Verein zu lernen, diese aus dem Weg zu räumen, das verstünden viele nicht mehr.

Der Fußball hat diese Haltung nicht exklusiv. Die "Frustrationstoleranz" sinkt, sagt Paul Rabe vom Hockeyklub Rot-Weiß München, ebenso die "Akzeptanz von Mittelmaß". An sich gehe es im Verein immer noch sehr familiär zu. Doch der Wunsch nach der individuellen Optimierung mache sich häufig bemerkbar, dadurch steige die Bereitschaft zum Vereinswechsel. "Dabei ist das Wichtigste eigentlich die Kontinuität", sagt der 36-Jährige. Diese komme aber unter dem "Deckmantel der Flexibilität" viel zu kurz. Selbst wenn Spieler regelmäßig trainieren, kann es passieren, dass sie am Wochenende beim Spiel fehlen, weil sie mit den Eltern zum Gardasee fahren.

Bei den Ehrenamtlern ist Rabe auf Trainer wie den 23-jährigen Niklas Burger angewiesen, der selbst spielt, insgesamt drei Teams coacht, nur morgens in die Uni geht, die Videoanalyse seiner Teams in der U-Bahn vornimmt und sagt: "Mir bringt es als Lehramtsstudent total viel, mit den Jugendlichen arbeiten zu können." Überhaupt, die Uni: Dank Bachelor- und Master-Studiengängen zerfranse das Vereinsleben komplett, sagt Burger, da eine langfristige Kaderplanung kaum noch möglich sei. Studenten seien ja selten länger als zwei Jahre am Stück in der Stadt.

"Die Eltern, die im Kind nur den Star sehen", das mache den meisten Ärger im Junioren-Fußball, sagt Ferdinand Stern aus Trudering. Der "falsche Ehrgeiz", der die Kinder viel zu früh unter Druck setze, sagt auch Michael Widmann aus Freimann. "Es sollen ja alles kleine Philipp Lahms werden." Dabei könne seiner Meinung nach ein Junge noch locker bis zur C-Jugend in seinem Verein spielen und trotzdem später noch Profi werden. Ausgerechnet Philipp Lahm selbst bestätigt das: Der spätere Weltmeister spielte bis zu seinem 13. Lebensjahr bei der familiären FT Gern, ehe er zum FC Bayern wechselte.

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