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Corona-Probleme der Sportvereine:"Das Miteinander geht verloren"

Wann es endlich wieder losgeht mit dem Vereins- und Breitensport in München (hier ein Bild vom Munich Indoor), ist nach wie vor unklar.

(Foto: Claus Schunk)

Starker Mitgliederschwund, Beitragseinbußen, fehlende Öffnungsperspektive: Die Münchner Sportvereine ächzen unter der Corona-Pandemie - auch die kleineren und mittelgroßen Klubs sind betroffen.

Von Sebastian Winter

Ein wunderschöner Vorfrühlingstag in München, Vogelgezwitscher beim Aufstehen, die Sonne strahlt vom wolkenlosen Himmel. Eigentlich hätte am vergangenen Dienstag das Leben toben müssen, auch in den Sportvereinen, wo Leichtathleten, Fußballer und viele andere wieder nach draußen strömen, auf die Freiflächen. Doch die Freiflächen sind leer, genauso wie die Sporthallen, die Schwimmbecken. Amateursport ist in der Corona-Pandemie weiterhin verboten. Katja Nomrowski sagt: "Die Situation ist frustrierend, das Miteinander geht total verloren. Ich sehe überall nur Resignation, mit wem ich mich auch unterhalte. Den Mitgliedern reißt langsam der Geduldsfaden."

Nomrowski ist seit Anfang 2020 Präsidentin des SC Prinz Eugen München, vorher war sie Abteilungsleiterin der erfolgreichen Schwimmsparte, die 2019 mit dem Grünen Band für erfolgreiche Nachwuchsarbeit ausgezeichnet wurde. Als Chefin hat sie ihren Klub fast nur in Pandemiezeiten erlebt. Und die Zahlen, die sie nennt, sind ernüchternd: Circa 700 Mitglieder hatte Prinz Eugen vor der Corona-Krise, doch für Ende 2020 haben etwa 20 Prozent der Klubmitglieder gekündigt.

Im Schwimmen, der größten Abteilung, gab es den größten Verlust. Dort haben laut Cheftrainer Elvir Mangafic alleine 100 von 430 Kindern aufgehört. "Das tut uns weh, die Einnahmen fehlen", sagt Nomrowski: "Wir können uns noch über Wasser halten, wissen aber nicht, wie lange noch. Wenn uns Ende 2021 wieder ein Schwung Mitglieder wegbricht, haben wir ein echtes Problem."

"Ein Jahr lang kein richtiges Sportangebot - für Vereine und deren Mitglieder ist das nicht länger zumutbar."

618 Sportvereine gibt es in München, davon haben 62 mehr als 1000 Mitglieder. Auch Großklubs wie der ESV, MTV oder TS Jahn haben der Stadt zufolge zwischen acht und 16 Prozent ihrer Mitglieder verloren - und müssen zugleich viele Hauptamtliche oder die eigene Halle bezahlen. Das ist der Vorteil der kleineren Klubs - Prinz Eugen hat in Mangafic, der seit einem Jahr in Kurzarbeit ist, exakt einen hauptamtlichen Mitarbeiter. Außerdem mieten gerade mittlere und kleine Vereine eher städtische Hallen für ihre Sparten an, sie haben also weniger laufende Kosten. Dennoch ist die Pandemie auch für sie eine Zumutung, gerade wegen der fehlenden Beitragseinnahmen.

Nomrowski spricht außerdem von frustrierten Ehrenamtlichen, von tollen Online-Kursen, die aber nie das gesellige Beisammensein ersetzen könnten, von Eltern, die selbst in Kurzarbeit sind, sparen müssen und aus Verzweiflung mit dem Anwalt drohen, wenn sie nicht vorzeitig aus der Beitragspflicht entlassen werden. "Ein Jahr lang kein richtiges Sportangebot - für Vereine und deren Mitglieder ist das nicht länger zumutbar", sagt die Vereinspräsidentin.

Auch Hermann Brem, im Bayerischen Landessport-Verband (BLSV) Vorsitzender des Kreises München-Stadt, sieht viel Frust und Enttäuschung. "Der Verein ist ja nicht nur Dienstleister, sondern sozialer Lebensinhalt. Da geht ein ganz großer menschlicher Faktor verloren." Immerhin hat Brem noch von keinem Münchner Sportverein gehört, der wegen der Pandemie aufgeben musste. Zugleich hat er im vergangenen Jahr nur zwei, drei Urkunden für Neugründungen im Stadtgebiet ausgestellt. "Normalerweise sind es eher 20 bis 30. Die Existenzangst ist da, auch bei den kleinen Vereinen. Und ich will nicht schwarzmalen, aber dieses Jahr werden wir noch ein großes soziales Thema bekommen. Denn die Leute haben weniger Geld zur Verfügung", sagt Brem.

"Wir werden alles unternehmen, um unsere Sportvereine gut durch diese schwere Krise zu führen."

Stadt und Land haben zugleich einiges getan, um den Vereinen, die wegen ihrer Gemeinnützigkeit nicht von den Fördertöpfen des Bundes profitieren dürfen, unter die Arme zu greifen. Die Vereinspauschale wurde verdoppelt, München verzichtete zum Teil auf die sonst üblichen Gebühren für die Nutzung seiner Sportanlagen. Außerdem ist von der Stadt angedacht, die Förderpauschalen wie 2020 früher als sonst zu überwiesen.

Münchens Sportbürgermeisterin Verena Dietl (SPD) sagt der SZ: "Es ist mir ein großes Anliegen, dass die Vereinslandschaft unserer Stadt nach der Pandemie wieder so lebendig und vielfältig dasteht wie zuvor. Wir werden daher alles unternehmen, um unsere Sportvereine gut durch diese schwere Krise zu führen. Auch der Freistaat sollte seiner Pflicht nachkommen und sowohl eine Öffnungsstrategie vorlegen als auch die Vereinspauschale wie im letzten Jahr deutlich erhöhen."

BLSV-Funktionär Brem ist dennoch nur teilweise zufrieden mit der Unterstützung durch die Behörden: "Ich würde mir eine bessere Beratung und Kommunikation durch die Stadt wünschen, weil sich die Vereine doch sehr alleingelassen fühlen in manchen Fragen. Und ein Plan für die Öffnung von Bezirkssportanlagen und die Sportflächen der Vereine wäre schön. Besser man hat 20 Kinder auf dem Platz als gar keines." Die Stadt weist ihrerseits auf SZ-Anfrage darauf hin, dass die Öffnung der städtischen Freisportbereiche - wenn der Amateur- und Breitensport grünes Licht vom Freistaat bekommt - einen Vorlauf von nur ein bis zwei Werktagen benötige; die Vereine könnten außerdem jederzeit um Beratung bitten.

Wegen Corana-Virus geschlossener Sportplatz in München, 2020

Kein Reinkommen: Gesperrte Fußballfelder des ESV München in München-Nymphenburg.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Prinz-Eugen-Cheftrainer Mangafic kann sich an sein letztes Kinder-Schwimmtraining vor der Pandemie jedenfalls kaum noch erinnern, am 12. März 2020 war es, im Oktober durfte er nochmal einen Monat lang mit ihnen üben. Ab 2. November wurde der Sport und damit auch das Schwimmen wieder verboten, die Bäder sind bis heute geschlossen. Seit einem Jahr übt Mangafic quasi nur noch mit den Kaderathleten, was erlaubt ist, aber auch Neid hervorruft im Verein.

Er hat von Schwimmtrainern gehört, die mit den Kindern in diesen Tagen im Neoprenanzug in eiskalten Seen schwimmen, weil ihnen die Alternativen fehlen. "Auch für uns ist dies eine schwere Zeit", sagt Mangafic, "es wird nach und nach immer weniger passionierte Übungsleiter geben, da Lehrgänge ausfallen oder sie nach der monatelangen Durststrecke einen anderen Nebenverdienst gefunden haben. Und auf Dauer werden Kinder nicht mehr schwimmen lernen, da es zu wenig Bäder, Vereine und Trainer gibt", glaubt Mangafic.

Katja Nomrowski versucht derweil, eine neue Abteilung zu gründen, Fußball, im Prinz-Eugen-Park entsteht ja ein neues Quartier mit vielen Familien. Das Werben um dringend benötigte neue Mitglieder beginnt. Optimistisch ist die Vereinspräsidentin nicht: "Die Menschen möchten wieder ein Stück ihrer Lebensqualität zurück, und Sportvereine fördern diese ja bekanntlich. Wenn das aber so weitergeht", sagt sie, "wird es das Vereinssterben forcieren. Und auch Städte wie München werden unter den Folgen leiden."

© SZ/lib
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