Sie sind noch nicht ganz fertig. Im Probenraum basteln die Sportfreunde Stiller an ihrer großen Wichtelei, einem klingenden Geschenk für die jungen Fans. Zum ersten Mal spielen „die drei Weihnachtsburlis“ am Sonntag vor Heiligabend nachmittags um drei ein Konzert für Kinder: „Stiller Tag“. Erwachsene erhalten nur Einlass in Begleitung eines oder mehrerer Minderjähriger, sagen sie in fröhlicher Umkehrung der üblichen Regeln. Alte, die sich Zugang durch „ausgeliehene Kinder“ erschleichen wollen, müssen für diese eine Vollmacht vorlegen. Da feiern dann also alle „mit Glühwein und Zigaretten“ ... ah, nee, sorry, das käme dann später um 20 Uhr beim Erwachsenenkonzert, das abends darauf in einem anderen Club, dem Strom, noch einmal wiederholt wird.
Es albert niemand so elanvoll vor sich hin wie Peter Brugger, Florian Weber und Rüdiger Linhoff, die sich immer auch gerne auf der Bühne auf und in den Arm nehmen. Die drei Familienväter bleiben Kindsköpfe, im 30. Jahr ihrer Band. Ein Programm eigens für Kinder zusammenzustellen, fällt ihnen da leicht. Peter Brugger hat den anderen beiden in ihrem Probenwohnzimmer im Kulturzentrum Fat Cat gerade einen Song vorgedengelt, den sie ins Konzert einbauen könnten. Dem zu Besuch kommenden Reporter erklärt er, es sei ein Song aus einem „Kinderfilm mit Tieren, dessen Hauptprotagonistin einen Namen mit vier Buchstaben hat, von dem sich zwei wiederholen“. Na, dann viel Spaß beim Rätseln. Eltern sind im Vorteil. (Meint er Eiskönigin Anna?)
Die meisten Stücke ihres acht-albigen Œuvres kommen bei Kindern erfahrungsgemäß eh gut an. „Es sind halt Texte, die verständlich sind, nicht zu sehr durch die Hintertür kommen, auch die Melodieführung ist eingängig, ohne zu sagen, dass das jetzt naiv wäre“ – so erklärt sich Schlagzeuger und Hardrock-Haudrauf Florian Weber, was manche Kinder an ihnen mögen, sogar die insgesamt sechs der Band.
Aber nicht nur die: Die drei Münchner sind everybody’s Darlings. Auf Weltmeisterschafts-Fan-Meilen mit ihrer Nummer 1 „54, 74, 90, 2006“ aufgetreten, zweimal in der „Lindenstraße“ oder mit „Ein Kompliment“ (das auch Otto Waalkes schon gecovert hat) bei ihrem Freund Joko Winterscheidt in „Wer spielt mir die Show?“, dem „Wetten, dass.. ?“ der Generationen X, Y, Z und Alpha. Seit einer Weile begleitet sie ein Kamerateam auf vielen Schritten und Tritten für die große Dokumentation „30 Jahre Sportfreunde Stiller“, die nächstes Jahr in der ARD läuft.
Wahrscheinlich hat jeder im Land sein Sportfreunde-Erlebnis. Welches sind ihre Momente? Einer der wichtigsten für Florian Weber war vor 29 Jahren bei einem Gig zuhause in Germering, da hießen sie noch Endkrass, sie wollten „eigentlich noch ein letztes Mal auf die Kacke hauen“ und sich auflösen. Aber einer im Publikum, den Weber nur als DJ kannte, sagte: „Ihr seid noch lange nicht fertig! Ich buche euch Konzerte.“ Das war Marc Liebscher, der bis heute ihr Manager ist.
Bruggers Erinnerung führt ihn kurz vor die Aufzeichnung ihres „MTV unplugged“ 2009 in Grünwald zurück: Wie sie da im großen Filmstudio unter der New-York-Kulisse hintereinander in einem Schacht steckten, und sie mussten so lachen, weil nach einem Jahr immenser Vorarbeiten auf dieses epochale Spektakel kauerten sie zusammen Nase an Hintern unter einem Gully-Deckel und warteten darauf, dass man sie endlich rauslässt.
Und Rüdiger Linhoff denkt gern an ihr erstes „Bizarre“-Festival. Sie liefen mit „Wellenreiten“ schon viel auf Viva 2, aber doch zogen ähnliche Bands wie Readymade im Schlafkojen-Bus an ihnen und ihrem alten VW vorbei. Beim „Bizarre“ mussten sie ihr Zeug selber aufbauen, kein Schwein war da. Aber als die drei dann um zwei Uhr nachts auf die Bühne stapften, empfingen 8000 Leute sie jubelnd in dem Flugzeughangar. „Das erste Mal, dass wir uns so Star-artig gefühlt haben. Aber danach mussten wir selber abbauen.“

Natürlich, zum runden Geburtstag, da tauchen sie in ein nostalgisches Bällebad ein. Etwa bei einer Reise für die ARD-Doku nach Spanien zu dem Studio, wo sie erste Platten wie „Wie einst Real Madrid“ aufnahmen. Mehr aber geht es ihnen ums heutige Glück, noch zusammen zu sein. Trotz des Band-Burn-Outs 2016, als sie sechs Jahre lang kaum miteinander redeten. Jetzt kommt einem das Ü50-Trio wieder wie eine Jungs-Bande vor, die zusammen Abenteuerreisen unternimmt. Neulich etwa recht spontan nach Neapel. Da küsste Flo Weber im Stadio Diego Armando Maradona die Füße der Statue seines Idols (über das er eines seiner Bücher geschrieben hat); da sangen sie bei einem Spiel einen alten italienischen Fußballchor mit, den Brugger ihnen vor Jahren beibrachte: und sie drehten ein Video zu einem Song der neuen Platte: „Ti amo, Italiano“. Mit dem Stück zelebrieren sie ihre alte Liebe zu den Italienern, die so „frei mit ihren Emotionen sind“, wie der Sänger sagt. Wird bestimmt der nächste Wiesn-Hit und erscheint am 8. Januar.
Fürs folgende Album haben sie schon sieben Stücke zu „typischen Sporties-Themen“ aufgenommen. Eins geht um die Zukunft, eins um die Liebe, eins darüber, was ihnen Kraft gibt („Wir laden uns auf“), eines um Demonstrationen, wo sie ja oft zugkräftig für die gute Sache spielen, wo aber eben auch „viel gelabert“ werde, eins geht um die große Verantwortung in der Gesellschaft.

Spüren sie als so eine Art National-Hit-Mannschaft einen Druck? Sänger und Gitarrist Peter Brugger hält es für „nicht sinnstiftend“, über die eigene Bedeutung nachzudenken. Flo Weber gesteht ihnen immerhin zu, dass sie – obwohl „nicht die filigransten Musiker“ – sich durchaus zu „souveränen Unterhaltern“ von vielen entwickelt haben. Und wenn der Bassist Rüde Linhoff von seiner Hoffnung auf Lieder spricht, die „die Stimmung im ganzen Land drehen, den Menschen Halt geben und sie dazu brächten, zu lachen, zu feiern und zu tanzen“ und sich „tolerant zu zeigen“, dann sieht er das nicht nur als Auftrag für seine eigene Band. Sondern für die ganze „kunstschaffende Community“. „Es ist krass und wunderbar, was gerade für tolle Musik aus Deutschland kommt“, sagt er. Was die Sportfreunde immer gut können: schwärmen und mitnehmen.
Und sie nehmen auch ihren Fan-Club mit in das kuschelig-kämpferische Gefühl, das sie schon 2002 auf ihrem zweiten Album besangen: „Du und ich / Und sonst noch n paar Leute / Wir sind auf der guten Seite.“ Ist das bloß Klopfen auf die eigenen Schultern? Eben nicht, weil die Sportfreunde wirklich Gutes tun. Leuchttürmendes Beispiel dafür ist ihr „Kultur.Konvoi“: 2022 schon haben sie Fans und Kollegen wie Udo Lindenberg, Die Toten Hosen oder Rea Garvey aktiviert für eine kulturelle und humanitäre Ukraine-Hilfe. Sie haben Krankenwägen, Unimogs, ein „rollendes Krankenhaus“ und mehr beschafft, haben Surfcamps für traumatisierte Kinder organisiert. Vor allem Linhoff, der fuhr selbst immer wieder mit nach Lwiw. Gerade erst kommt er wieder zurück von seinen Freunden dort. „Zu connecten, ist so wichtig“, sagt er, „man muss sich treffen, mal in einer Bar zusammensitzen, zuhören, weil die Realitäten so unterschiedlich sind.“
Dafür schafft er auch in Deutschland ein Bewusstsein. Mit seinem Projekt „One Voice“ schaltet er Musiker, die gerade in einem Bunker in der Ukraine „You'll never walk alone“ spielen, live auf Leinwände in Fußballstadien etwa beim SC Freiburg. Für Tausende Menschen mit „dem Herz am rechten Fleck“ sind das dann „Momente der Verbundenheit und Solidarität“, aber auch Momente, in denen sich die Menschen hierzulande der Realität stellen müssen. Für Linhoff ist es eine Selbstverständlichkeit, diesen „wertvollen Leuten in der Ukraine beizustehen“. Er will, dass ihre und unsere Kinder „in Freiheit“ und einer „gesunden Welt“ groß werden. Dafür überlegt er ständig, „was man zusammen tun kann“. Mehr noch als von den 27 Prozent AfD-Wählern fühlt er sich von den Untätigen, den Resignierten im Land bedroht. Er glaubt, dass „noch viel Kraft in der Demokratie und in Europa steckt“, wünscht sich eine Aufbruchsstimmung und dass die Leute „die Handys mal weglegen und sich zulächeln“.
Sie lächeln viel dieser Tage. Vor den kleinen Weihnachtskonzerten. Vor der 60-Städte-langen „30 Wunderbaren Jahren Tour“ im nächsten Jahr mit dem großen Heimspiel am 30. Mai in der Olympiahalle und – gerade erst bekannt gegeben – einem Auftritt am 1. Juli in der Tollwood-Arena. Und sie lächeln auf den Fluren im Fat Cat, wo sie gerade in den „Beverly Hills Trakt“ umgezogen sind, wie Weber es nennt, weil hier so viele Tänzerinnen üben. Sie treffen hier im ehemaligen Gasteig jeden Tag auf den Gängen alte Bekannte und machen neue.
Das hatten sie noch nie zuvor, eine echte Band-Heimat. Es gab da mal so ein Lager in den alten Pfanni-Werken, wo man ihnen einen Ziegelstein durch's Fenster warf und unter ihnen die Wiesn-World ballerte. „Ich bin früher nie gern zum Proben gefahren“, sagt Brugger, jetzt freut er sich jeden Tag darauf. Das gemeinnützig organisierte Fat Cat, in dem gerade etwa 1000 Künstler schaffen, inspiriert sie. Sie haben hier schon ein Satellitenkonzert mit Künstlern aus Charkiw gespielt. „Auf unsere alten Tage erleben wir zum ersten Mal so eine Community“, sagt Brugger. Und Linhoff sieht noch weiter, sieht, wie Kollegen aus Deutschland wie Nina Chuba oder Kraftklub fürs Plattenaufnehmen nach München ins Fat Cat kommen. „Das ist ein Kraftort für die Kultur geworden“, sagt er, „und ich finde toll, dass wir, die bisher in ihrer kleinen Welt waren, an so etwas Großem mitwirken und nach vorne denken können.“ Die Sportfreunde sind noch lange nicht fertig.

