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Zum 80. Geburtstag von Niki Pilic:Stille Seele

Fünf Mal hat Pilic als Teamchef den Davis-Cup gewonnen, drei Mal mit Deutschland. In München formte der Kroate zahlreiche Weltklassespieler - nicht zuletzt die Nummer eins Novak Djokovic.

Von Thomas Becker

Niki Pilic gibt nicht allzu viel auf das Gerede anderer Leute. Am Dienstag wird er sich wieder einiges anhören müssen: Glückwünsche, Lobesreden, verbales Schultergeklopfe, wie das so ist, wenn man 80 wird. Er weiß schon, dass er da durch muss, obwohl er lieber ganz woanders wäre: auf dem Tennisplatz. Ein Tag ohne Tennis ist für ihn ein komischer Tag, um nicht zu sagen: ein sinnloser.

Sei's drum, er wird all die warmen Worte mit leichtem Knurren entgegennehmen und froh sein, wenn der Zinnober vorbei ist. Er mag es nicht, im Mittelpunkt zu stehen. Nach dem Davis-Cup-Sieg mit Boris Becker & Co. 1988 in Göteborg lag er um elf im Bett, als ihn die Spieler wieder aus dem Pyjama schälten und in die Disco schleppten. 2005, als er sein Heimatland Kroatien zum wichtigsten Mannschaftstitel führte, feierten das in Zagreb 90 000 Fans - ohne Pilic. Fünf Jahre später beim Triumph mit Nachbar Serbien das selbe Spiel. Er hat das mal so erklärt: "Ich kann das nur in meiner Seele genießen. So bin ich." Die große Bühne überließ er stets seinen Spielern.

Nur ein Thema gibt es, bei dem Pilic ernsthaft sauer wird: Wenn jemand seine Fähigkeiten und Leistungen als Coach infrage stellt. Und wie das bei extrem erfolgreichen Menschen nun mal so ist, gibt es die auch bei Nikola Pilic aus Split. Stimmen, die sagen: ,Davis Cup mit Boris Becker und Michael Stich? Pah, hätte doch jeder Parkwächter gewonnen.' Dabei ist vielleicht sogar das Gegenteil der Fall. Damit Becker und Stich in Barcelona 1992 Olympiasieger werden konnten, habe er in Einzelgesprächen viel lügen müssen, um beide bei Laune zu halten, hat er mal verraten.

"Niki ist einer der wichtigsten Tennis- und Lebensmentoren, die ich hatte", schreibt Djokovic

Schlimmer ist nur noch, wenn jemand behauptet, sein Einfluss auf den jungen Novak Djokovic während der Jahre in München sei ja gar nicht so groß gewesen, wie immer behauptet wird. 1989 hatte der Kroate Pilic auf der damals hochmodernen Raab-Karcher-Anlage die Internationale Tennisschule Niki Pilic gegründet, war später mit ihr nach Oberschleißheim umgezogen - wo er 2010 finanziellen Schiffbruch erlitt und Insolvenz anmelden musste. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Der Joker-Teil seiner Erfolgsgeschichte geht so: 1999 kam Djokovic zu ihm, mit zwölf. Er blieb viereinhalb Jahre. Was diese Zeit dem Weltranglistenersten damals bedeutet hat, das hat er unlängst mal in englische Worte gefasst, ausgedruckt und seinem früheren Coach auf DIN A4 in die Hand gedrückt.

Der Wortlaut: "Niki Pilic, mein Tennisvater, mein Mentor. Seine Frau Mija und er akzeptierten die Anfrage von Jelena Gencic (eine serbische Tennisspielerin und -trainerin, d.Red.), mich im Alter von zwölf Jahren an seiner Akademie in Deutschland anzunehmen - obwohl er normalerweise keine Spieler unter 14 Jahren akzeptierte. Er hatte damals eine der besten Tennisakademien Europas. Mija und Niki behandelten mich wie ihr eigenes Kind und auch meine zwei jüngeren Brüder. Meine Familie wird das nie vergessen. In diesem Jahr wird Niki 80 und spielt immer noch jeden Tag vier Stunden Tennis. Er ist gesund und superleidenschaftlich für Tennis. Der Tennisplatz ist seine Heimat. Er war ein sehr erfolgreicher Spieler und ein noch erfolgreicherer Trainer. Er ist der einzige Coach, der fünf Davis-Cup-Titel mit drei verschiedenen Nationen gewonnen hat. Niki ist einer der wichtigsten Tennis- und Lebensmentoren, die ich hatte. Die Zeit, die ich in seiner Akademie verbracht habe, hat mein Spiel und meine Karriere stark beeinflusst. Ich bin Mija und Niki ewig dankbar für alles, was sie für mich und meine Familie getan haben." Worte, die wohl jeden Kritiker verstimmen lassen.

Aber es war ja nicht nur der junge Djokovic, den "der Preuße vom Balkan" in Oberschleißheim mit harter Hand formte. Davor war es Goran Ivanisevic, der Wimbledon gewinnen und ihn als erfolgreichsten Spieler Kroatiens ablösen sollte. Oder Landsmann Ivan Ljubicic: Wurde Nummer drei der Welt und ist seit vielen Jahren Trainer eines gewissen Roger Federer. Oder Bernd Karbacher, der dank Pilic Ivan Lendl, Pete Sampras und Ivanisevic schlug und mal Nummer 22 der Welt war. Insgesamt 47 Talente hat Pilic zu Top-100-Spielern geformt. Und er hört bis heute nicht damit auf, auch wenn die Augen nicht mehr ganz so wollen und er schon genau schauen muss, wer da gerade zu Besuch kommt.

Achim Kubeng, der deutsche Hallenmeister der Herren 60, kennt ihn seit mehr als 30 Jahren, hat lange mit ihm gearbeitet und ihn neulich wieder in Opatija besucht, wo Pilic seit 2014 nach all den Münchner Jahren als Trainer und Turnierdirektor der BMW Open mit seiner Frau hingezogen ist. "Er wird zwar 80, hat aber noch eine Tennishalle gebaut", erzählt Kubeng, "er trainiert da eine junge Australierin mit serbischem Hintergrund. ,Mit der hab ich 40 000 Bälle gespielt. Die Vorhand ist noch nicht ganz perfekt, aber die wird gut', sagt er." Kubeng meint: "Es gibt wenige, die Tennis-Wissen so rüberbringen können. Nur aufhören kann er nicht. Der wird mal auf dem Platz umkippen." Aber was gibt Niki Pilic schon auf das Gerede anderer Leute?

© SZ vom 27.08.2019
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