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Wolfgang Michel vom Golfclub Eichenried:"Du kannst nicht gegen die Natur vorgehen"

Blumenwiesen und Bienenstöcke: Der Geschäftsführer des GC Eichenried über neue Umweltideen auf dem Golfplatz.

Wolfgang Michel ist seit 2017 Geschäftsführer im Golfclub München Eichenried, der auch Austragungsort des jährlichen Turniers der European Tour ist. Der 53-Jährige war viele Jahre in führenden Positionen im Bankenbereich tätig. Im GC München Eichenried war Michel zehn Jahre Mitglied des Beirats und für die Themen Finanzen und Anlagen zuständig. Der Vater einer Tochter ist Golfspieler seit 30 Jahren, lebt in München und treibt in seiner Aufgabe besonders ein Thema voran: den Naturschutz.

SZ: Herr Michel, bei der BMW International Open im Juni fiel auf, dass entlang der Bahnen viel mehr Pflanzen und Blumen als sonst wuchsen. Oft standen in diesen Bereichen Schilder mit der Aufschrift: "Wir fördern Artenvielfalt." Hat Ihr Golfclub den grünen Daumen entdeckt?

Wolfgang Michel: Wir fördern seit Jahren Artenschutz und kümmern uns um Projekte wie Blumenwiesen und Renaturierung. Aber wir haben uns dieses Jahr zum Ziel gesetzt, dass wir uns bei dem Thema mehr engagieren und zeigen, was da passiert.

Früher gab es in Golfclubs ein paar Seerosen. Die Zeiten haben sich geändert?

Ja. Ich hole kurz aus: Die ursprünglichen Golfplätze in Schottland sind Naturplätze. Man nimmt die Natur dort so, wie sie ist. Jedoch ist die Landschaft karg, sie wächst kaum zu. In unseren Breiten ist das anders. Wir sind eine Kulturlandschaft, wir lenken, was die Natur macht. Da war auf Golfplätzen zunächst die Leitidee, ein akkurat gepflegtes Gelände zu schaffen. Dieser Gedanke ändert sich, weltweit. Das kann man gut bei der US Open verfolgen. Inzwischen sind auch dort wilde Naturelemente Teil des Platzes . Hohes wildes Gras am Bunkerrand ist eines der auffälligen Beispiele.

Grüne Idylle: Das Gelände des Golfclubs München Eichenried.

(Foto: Ralf Gamboeck / OH)

Der Zeitgeist hat die Golfclubs erreicht?

Absolut. Es hat sich geändert, was als schön definiert und vor allem wahrgenommen wird. Der Zeitgeist heute bedeutet aber vor allem die Frage: Was ist gut? Auf uns und unsere Umwelt bezogen: Was ist nachhaltig wertvoll für die Natur?

Was heißt nachhaltig für Sie?

Je besser die Natur sich entfalten kann, desto weniger muss ich eingreifen. Ich muss weniger Pflanzen bekämpfen, weniger düngen, weniger Pflegeaufwand betreiben. Eine artenreiche Wiese mähe ich einmal im Jahr. Das sind auch Kosten, die man spart, nach der Anfangsinvestition. Aber es rechnet sich auf lange Sicht.

Wie sind Sie in Ihrem Club den neuen Umgang mit der Natur angegangen?

Wir haben uns Rat gesucht. Es gibt die Naturschutzbehörde, die gute Ideen hat und den gesetzlichen Rahmen kennt. Es gibt Kenner beim Bund Naturschutz oder beim Landesbund für Vogelschutz. Der Deutsche Golfverband hilft mit dem Programm Golf und Natur. Auch im Club erhielten unsere Pläne viel Unterstützung. Manche unserer Mitglieder sind neben dem Golfsport sehr wissend in Themen der Pflanzen- und Tierkunde. An viele Themen tastet man sich heran: Was war heimisch und könnte funktionieren? Der nächste Schritt: Du probierst es aus. In der Natur musst du Geduld haben. Du kannst nicht gegen die Natur vorgehen. Aber wenn es klappt, hat es eine unglaubliche Schubkraft.

Erklären Sie das bitte genauer.

Man nimmt nicht gleich den ganzen Bach und krempelt ihn um. Man nimmt erst mal 20 Meter, krümmt ihn, legt Steinbrocken hinein, damit das Wasser Wirbelungen erzeugt. Dann schaut man, wie die Natur reagiert, und auch, wie die Greenkeeper und die Mitglieder damit zurechtkommen. Wir haben so aus einem geraden Bachabschnitt, der nüchtern bewachsen war, eine Art kleinen Bergbach machen können. Sogar eine Forelle wurde gesichtet. Und das Plätschern an einer kleinen Brücke wirkt meditativ auf die Golfer, wenn sie dort innehalten. Wir legen Testfelder an, auf denen wir Samenmischungen streuen und sehen, was die Natur zulässt. Manche Tests funktionieren, andere aber auch gar nicht. Damit muss man rechnen. Manchmal kommen Pflanzen nicht gegen andere an.

kaymer eichenried bmw

Gießkannenprinzip: Auch Deutschlands bester Golfprofi Martin Kaymer hat einen Baum auf der Golfanlage Eichenried gepflanzt.

(Foto: Frank Föhlinger / OH)

Welche sind Ihre größte Feinde?

Neophyten. Das ist der Überbegriff für eingewanderte Pflanzen. Durch sie kamen Sorten zu uns, die die heimische Vegetation verdrängen. Das ist leider eine Folge der Globalisierung. Wir haben etwa das Eschentriebsterben, bedingt durch einen eingeschleppten Schädling. Die Esche steht bei den Bäumen, die aussterben werden, auf Platz eins. Wir haben Tausende Eschen. Die sind in den nächsten 50 Jahren eventuell verschwunden, außer die Natur findet einen Weg, sich dagegen zu wehren.

Was ist Ihre ökologische Vision?

Am Ende stehen da ein schöner, artenreicher, gesunder Landschaftspark und ein guter, anspruchsvoller Golfplatz im Einklang miteinander. Und ein Landschaftspark ist nicht nur ein Park mit Wiesen und Bäumen. Wenn er gut konzipiert ist, löst er eine Kettenreaktion aus. Kommen vielfältige Pflanzen, kommen die darauf spezialisierten Insekten, die vielfach bedroht sind. Eichenried ist in der Beziehung nach 30 Jahren bereits ein großes Insektenhotel. Es sind in der Nahrungskette auch die Vögel, und wir haben vom Eisvogel bis zum Falken inzwischen viele selten gewordene Vogelarten. Im Lauf der Jahre wandern immer mehr Arten ein: Heute geben wir Bibern, Ringelnattern, Fasanen Heimat. Und wir schieben manches zusätzlich sanft an. Im Herbst setzen wir 20 Rebhühner aus. Sie sind in unserer Gegend verschwunden.

Und die Biene, die Ihre aufgestellten Schilder-Hinweiszeichen schmückt?

Um die kümmern wir uns auch, besonders unser Vize-Head-Greenkeeper Willi Hermann, der Hobbyimker ist. Wir haben 100 eigene Bienenstöcke und produzieren Honig, den man zum Selbstkostenpreis kaufen kann. Auch optisch ändert sich viel. Was vorher nur grünlastig war, weist heute Farben auf. Wir haben die weißen Blüten der Obstbäume, teils von Kindern gepflanzt. Im Wasser an der elften Bahn hat der Biber einen Baum gefällt. Den Stamm lassen wir im Wasser verrotten, so wie viele andere Totgehölze, die für Wildbienen wichtiger Lebensraum sind. Dadurch ist er wertvoll.

Zehn Jahre lang saß Wolfgang Michel, 53, im Beirat, seit drei Jahren leitet er als Geschäftsführer die Geschicke des Golfclubs Eichenried<NM1>: vom Golfclub München Eichenried<NM>, der auch der jährliche Austragungsort des Münchner Profi-Turniers ist.

(Foto: Ralf Gamboeck / OH)

Betrachter im Club könnten monieren, es werde nicht Ordnung gehalten.

Wir überlassen, unter unserer Hilfe, der Natur die Ordnung. Außerdem: Ein altes Auto hat doch deshalb Charme, weil es Zeichen des Lebens trägt. Oder der Küchentisch der Oma: Er hat Schrammen. Und so sollte auch ein Golfplatz sein. Er hat Patina. Eine Steinbrücke muss Moos ansetzen.

Der polierte Golfclub ist out?

Den habe ich nie gemocht. St. Andrews ist der Golfplatz der Welt. Der Platz ist hunderte Jahre alt. Und immer noch so wie früher. Und nicht umsonst sehen alle Golfer dort das Ursprüngliche, Knorrige am Platz aber auch im Clubhaus als ihr Mekka an.

An sich aber widersprechen sich diese beiden Komponenten: Landschaftspark hier, Golfplatz dort. Oder nicht?

So wie man in den letzten Jahrzehnten vielleicht dachte: Ja. Nun ist der Ansatz: Die Golfbahnen gehen von den Abschlägen über die Fairways bis zum Grün. Da muss der Platz für die Golfer funktionieren. Da müssen Sichtachse und Bespielbarkeit auf der Breite der Bahn funktionieren. Die Randflächen aber, die nicht diese Bereiche tangieren, sind frei gestaltbar.

Nun gibt es Tiere in der Nahrungskette, die oben stehen. Schauen die auch vorbei?

Natürlich gibt es den Fuchs, das Wiesel, wir haben den Raubvogel, der zuckt nicht lange und holt sich das Küken. Auch hier muss man akzeptieren, wie die Natur es schafft, ein Gleichgewicht hinzukriegen. Aber natürlich sind und bleiben wir in erster Linie ein Golfbetrieb.

Golf polarisiert. Mancher könnte sagen: Die fahren mit dicken Autos vor, aber machen jetzt auf Naturschutz.

Ich glaube, das ist der Widerspruch der Menschheit. Golfer sind in dieser Beziehung nicht anders als die restliche Bevölkerung. Wir alle sündigen ökologisch betrachtet. Wir verbrauchen zu viel Wasser, zu viel Plastik, fliegen weg für drei Tage. Die Frage ist: Wie kriegen wir diesen Trend sukzessive zurückgedreht. Das geht nur nicht bis morgen. Jeder kann aber in seinem Bereich ausloten, was möglich ist und was er selbst beitragen kann. Wir haben, nach zwei Jahren Kampf, eine Elektrotankstelle installiert, für vier Autos. Die hat viel gekostet. Da tankt momentan noch fast keiner. Aber jetzt fahren alle jeden Tag dran vorbei. Und vielleicht denkt der eine oder die andere mehr über dieses Thema nach. Ich fahre auch ein Elektroauto mit Hybrid, im Herbst dann ein rein elektrisches Modell.

Wie ist Ihre Einstellung zum Düngen?

Ohne Düngung kommt ein Golfplatz nicht aus, aber genauso wenig ein Fußballplatz oder eine Skipiste. Wenn man sich das aber genauer ansieht, wird auf einem Golfplatz relativ wenig gedüngt und vielfach organischer Dünger eingesetzt.

Glauben Sie, die Mitglieder oder auch andere Clubs werden Ihrem Weg folgen?

Zunächst ist es nicht der Golfclub von Wolfgang Michel. Ich bin Geschäftsführer und Treuhänder für die Mitglieder, die Eigentümer und Gesellschafter sind. Wenn man von Ideen überzeugt ist, musst du Argumente haben und andere mit auf die Reise nehmen. Man braucht einen Schulterschluss im Club. Wir sind auch Teil des Deutschen Golf Verbands und befruchten uns dort gegenseitig mit dem Verband, aber auch mit anderen Clubs wie den Leading Golf-Clubs of Germany. Wenn bei uns etwas funktioniert, denke ich, dass das positiv ausstrahlt. Wir haben, auch dank der BMW International Open, einen Markennamen. Wir müssen Mauern in der Öffentlichkeit und auch in der Politik einreißen, oft besteht der Glaube: Wir sind Umweltvergifter und machen bewusst unsere geschlossene Gesellschaft. Das Gegenteil ist der Fall! Wir sind Sportler und Naturliebhaber! Dieses Bild zu ändern, liegt auch an uns.