WM in München Ein neuer Handball-Planet

Die WM-Vorrunde in der Olympiahalle ruft eine Begeisterung hervor, wie man sie sonst höchstens auf GD 19 kennt. München hat sich für weitere große Auftritte empfohlen.

Von Ralf Tögel

Begeistert von der Stimmung: Maskottchen Stan.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Jetzt ist sie Geschichte, die Handball-Weltmeisterschaft in München. Die Vorrundengruppe B ist gespielt, Kroatien, Spanien und Island sind die ersten Drei und damit Gegner des deutschen Teams in der Hauptrunde in Köln. Wenn am 27. Januar in der Jyske Bank Boxen in Herning vor 15 000 Zuschauern der Weltmeister ermittelt wird, sind in der Olympiahalle alle Spuren lange verwischt. Haften bleibt nicht nur, dass der Standort München 160 000 Tickets verkauft und allein deshalb seine Tauglichkeit für internationale Großturniere unter Beweis gestellt hat: Die Olympiapark München GmbH (OMG) hat ein buntes, abwechslungsreiches und friedliches Event mit Weltklassesport organisiert - ein paar Erinnerungen.

Isländischer Biergarten

Die isländischen Fans brachten die vom Fußball bekannten Gesänge mit in die Münchner Halle.

(Foto: Marco Wolf/imago)

Gibt es in Island Biergärten? "Ein bisschen", sagt Jafet Olofsson. Der 56-Jährige ist mit ein paar Kumpels per Direktflug aus Reykjavik angedüst. "Das geht schnell", sagt er über die viereinhalb Stunden im Flieger. Und wo sitzt er nun? Im Biergarten, wo sonst, zwei Almhütten und 60 Bierbank-Garnituren hat die OMG unters Zeltdach gestellt, beim Spiel gegen Kroatien waren locker eintausend Fans da. Wenn dann auch noch die Isarspatzen vorbeischauen, die mobile Blasmusik, dann schießt der Geysir so richtig in die Höhe: Die Fans tanzen auf den Bierbänken, der DJ macht Partymusik, und eine ellenlange blau-weiß-rote Polonaise schlängelt sich durch die Menge. Die Bierpreise (7,50 Euro inklusive Pfand) sind für Münchner happig, für Isländer ein Witz. Und die Nordmänner bekommen den Spagat prächtig hin: ordentlich Umsatz bringen und immer friedlich bleiben.

Gespenster-Lücken

Unterhaltung: Die "Isarspatzen" spielten ebenfalls auf.

(Foto: Martin Hangen/imago)

Dreimal ausverkauft, trotzdem freie Sitze auf der Tribüne - wie das? Ist schwer zu vermeiden, wenn die Isländer lieber im Biergarten sitzen, als Bahrain gegen Japan zu gucken. Zumal allein aus organisatorischen Gründen Tages- oder ganze Turniertickets verkauft wurden, was die OMG an den ausverkauften Tagen durch Stehplatztickets erweitert und an den anderen durch After-Work-Tickets ergänzt hat. Rätselhaft blieb vor allem der Montag, an dem fast 2000 Karteninhaber wegblieben. Doch das war vermutlich dem Schneesturm geschuldet. Kleiner Vergleich zur Beruhigung: Bei der EM in Zagreb vor einem Jahr waren teils weniger als 1000 Besucher in der riesigen 15 000-Zuschauer-Arena. Das war gespenstisch.

Holareidulijö

Von der traditionellen bayerisch-böhmischen Blasmusik bis AC/DC, sagt der Altmann Alois (so stellt er sich vor), erstrecke sich das Repertoire seiner Isarspatzen. Letzteres gerne im Hofbräu-Festzelt auf der Wiesn. In der Olympiahalle ist Mobilität das Zauberwort. Deshalb hat der Kapellenchef sein Team von 24 auf 14 Musikanten geschrumpft, "Holz-, Blechblasinstrumente und Schlagzeug" müssen reichen, Gesang, Keyboard und Gitarren gibt's dann wieder auf der Wiesn, sagt der 57-Jährige. So fliegen die Spatzen vom Spielfeldrand zum Biergarten und eigentlich durch die ganze Halle, spielen von YMCA, Schatzi schenk mir ein Foto oder einem knackigen Marsch querbeet, was gefällt. Und was ist nun schöner, Wiesn oder Handball? "Ois sauguat", sagt der Alois, der mit den Spatzen schon mal auf einem Ärzte-Kongress in der Schweiz spielt. Holareidulijö.

Außerirdischer Maikäfer

Über Maskottchen Stan ist eigentlich alles gesagt: Erdacht von einem indonesischen Designer, kommt er vom Handball-Planeten GD 19 (Germany-Denmark-2019, wie originell), wo den ganzen Tag getanzt und gefeiert wird. Nun soll er die spröden Erdlinge anheizen. Der Münchner Stan heißt Emanuel Busch, studiert in Dortmund und gehört zu einer ganzen Horde DHB-Außerirdischer. Er tanzt und rennt und fuchtelt, dass der Schweiß nur so rinnt unter seinem schwarzen Kostüm. Dann sitzt er zwischen den Spielen, wenn er sich ein Päuschen gönnt, ermattet da und pumpt wie ein GD-19-Maikäfer. "Die Stimmung hier in der Halle ist super", sagt Emanuel, äh, Stan - Auftrag erfüllt.

Etwas Respekt, bitte!

Olympiapark-Chefin Marion Schöne hatte ja versprochen, dass München Handball kann. Wie gut, davon ist sie selbst überrascht. Mit 30 Prozent Auslastung hatte die OMG kalkuliert, 96 waren es. Die Stadt hatte 500 000 Euro zur Verfügung gestellt, Ziel war die schwarze Null. Der Kämmerer darf sein Geld nun behalten, neben dem wirtschaftlichen ist es aber vor allem ein Image-Erfolg für die Stadt. "Die Welt war zu Gast, das Publikum war friedlich und fair, wir haben gesehen, welche Begeisterung Handball hier hervorruft", resümiert Schöne. Lob von allen Seiten, das lässt die OMG-Geschäftsführerin selbstbewusst auf die WM 2024 im eigenen Land blicken: "Vielleicht bekommen wir dann ja eine Hauptrunde, oder die deutsche Mannschaft." Friede, Freude, Eierkuchen? Nicht ganz. Japans Trainer Dagur Sigurdsson ist nach der Niederlage gegen Bahrain bedient. Auf die Frage, wie das so sei, erst Europameistertrainer mit Deutschland und nun Verlierer mit Japan? "Etwas Respekt, bitte", zischt der Isländer empört, dreht auf dem Absatz um und rauscht davon.

Gudmundur, der Glückliche

Der Kollege Gudmundur Gudmundsson, ebenfalls leicht als Isländer zu identifizieren und für die Landsleute zuständig, grummelt auch erst ein wenig, über die zu kurze Pause bis zum Spiel gegen Deutschland am Samstag. Doch dann setzt er zu eine Eloge an: auf München. "Die Halle, die Stimmung, die Organisation, das Hotel, das Essen, einfach alles war fantastisch." München habe gezeigt, wie gut es ein Turnier veranstalten kann und wie gut Handball hier angenommen wird. Dann sagt Gudmundsson: "Wenn das dazu führen würde, dass hier irgendwann ein FC Bayern des Handballs entsteht, wäre ich der glücklichste Mensch der Welt."