WM im Kickboxen Das dritte Auge

Bei seinem Punktsieg gegen Enver Sljivar hat Michael Smolik gespürt, wie viel eine geordnete Psyche ausmacht. Vor dem Rückkampf hat er nun seine eigentliche Kraft wieder entdeckt: die Meditation.

Von Benedikt Warmbrunn

Ganz am Ende, kurz bevor er die Augen wieder aufmacht, sieht Michael Smolik sich selbst in der Mitte des Seilgevierts, neben ihm der Ringrichter, und der Ringrichter nimmt Smoliks Hand und zieht sie in die Höhe. Dann macht Smolik die Augen wieder auf.

Wie jede andere Kampfsportart auch, funktioniert das Kickboxen nur, wenn drei Ebenen miteinander verbunden sind. Die erste Ebene ist die offensichtliche, auf ihr geht es um Kraft, um Stärke. Auf der zweiten Ebene geht es um die Geschmeidigkeit des gesamten Körpers, die Stärke kommt in der Faust oder im Fuß nur an, wenn jede einzelne Sehne die Attacke mitführt. Die dritte Ebene schließlich ist die komplizierteste. Auf ihr geht es darum, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass der Körper für die anderen beiden Ebenen die nötige Leichtigkeit hat. Die dritte Ebene ist das Mentale. Das, was nur vor dem inneren Auge passiert. Das, was gute Kämpfer vor ihren Gegnern verstecken und gleichzeitig in ihnen entdecken können. Ängste, Sorgen, manchmal entscheiden kleine, kaum spürbare Gefühle im Ring.

An diesem Samstag tritt Smolik, 27, zum 30. Mal zu einem Profikampf an, 22 davon hat er vorzeitig gewonnen, davon wiederum die meisten nach wenigen Sekunden, weswegen er einen wenig kreativen, dafür bleibenden Rufnamen verliehen bekommen hat: die K.o.-Maschine. In dem Kampf im Circus Krone geht es um Smoliks WM-Titel im Superschwergewicht nach Version der WKU, aber für ihn selbst geht es um mehr. Einer der sieben Kämpfe, die Smolik nicht vorzeitig gewonnen hat, war der gegen Enver Sljivar, einst der Bodyguard von Pamela Anderson. An diesem Samstag wartet auf Smolik wieder Sljivar. Aus Smoliks Sicht wartet auf ihn also die Erinnerung daran, dass er zuletzt ohne sein inneres Auge gekämpft hat. Auf ihn wartet also eine Ermahnung an sich selbst.

„Ich war mein eigener größter Feind“: Mit seiner Leistung gegen Enver Sljivar war Michael Smolik (re.) unzufrieden. Gewonnen hat er trotzdem; links feiert Trainer Mladen Steko.

(Foto: Halil Tosun/oh)

Den Kampf aus dem Juni hat sich Smolik gemeinsam mit seinem Trainer Mladen Steko noch einmal angeschaut, er findet, dass die Punktrichter ihn zurecht als Sieger gesehen haben. Er findet aber auch, dass all jene Kritiker Recht haben, die gesagt haben, dass er, Smolik, nicht gut war. "Ich habe den Kampf gewonnen, aber dennoch sehe ich ihn als eine persönliche Niederlage", sagt Smolik, "mein Gegner war gar nicht das Problem. Aber ich habe gegen mich selbst gekämpft. Ich war mein eigener größter Feind." Smolik ist überzeugt, dass die sportliche Vorbereitung perfekt war. Dennoch findet er, dass er auf den Aufnahmen "ziemlich wässrig" aussieht. Erklären kann er sich das nur dadurch, dass er eine Sache vor dem ersten Kampf gegen Sljivar nicht gemacht hat. Er hat nicht meditiert. Er hat sich nicht alles vor seinem inneren Auge vorgestellt.

Im Frühjahr, sagt Smolik, hatte er privat ein paar turbulente Monate, Stress mit der Ex-Freundin, solche Probleme. "Mir hat die innere Ruhe gefehlt." Anders als sonst vor seinen Kämpfen verzichtete er daher auf die Meditation, und wenn sein Inneres sonst einem penibel gepflegten Blumenbeet ähnelte, so wurde es nun zunehmend von Unkraut durchwuchert. Ein Gedanke verdrängte den anderen, nichts dachte Smolik zu Ende. Als er dann im Seilgeviert stand, "war ich ziemlich unzufrieden mit mir". Erst danach widmete er sich wieder sich selbst, zunächst mit einer wütenden inneren Einkehr. Zwei Wochen lang sprach er mit niemandem, nicht einmal mit seinen Eltern. Dann löste sich in ihm alles. Er hat eine neue Freundin, eine Tänzerin, die ihm die Leichtigkeit zurückgegeben hat. Und er meditiert wieder.

Zwei Arten der Meditation nutzt Smolik. Bei einer versucht er an gar nichts zu denken, in der Tradition der chinesischen Shaolin-Mönche. "Auf das dritte Auge konzentrieren sich dann die Gedanken, die einen ganz tief drinnen beschäftigen." Vor dem Rückkampf gegen Sljivar hat er festgestellt, dass ihn keiner dieser Gedanken sonderlich irritiert hat.

Seinen Kampf stellt er sich komplett vor - im Ring ist dann alles "nichts Neues mehr"

Bei der zweiten Art der Meditation stellt sich Smolik den Verlauf des Kampfabends vor, 15 Minuten lang. Er sieht sich zum Ring laufen, er hört die Einmarschmusik, er klettert in den Ring hinein, Hymnen, das ganze Drumherum. Dann geht er eine Runde komplett gegen seinen Gegner durch, danach auch den weiteren Kampf in Abschnitten. "Wenn ich dann wirklich kämpfe, ist das für meinen Geist und meinen Körper nichts Neues mehr." Stellt er sich den Rückkampf gegen Sljivar vor, sieht Smolik sich selbst zum Beispiel viel lockerer, er drängt nicht so verbissen auf den Knockout. Ganz am Ende sieht er immer, dass der Ringrichter seine Hand in die Höhe zieht. Er ist wie in Trance, und es ist ein gutes Gefühl. Dann macht Smolik die Augen wieder auf.