Süddeutsche Zeitung

Willi-Daume-Platz:Hintermann von Welt

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Willi Daume war so schillernd wie umstritten. 1972 holte er die Olympischen Spiele nach München. Später fielen die Schatten der Vergangenheit auf sein Lebenswerk.

Von Stefan Galler und Thomas Jensen

Sonderlich auffällig ist er nicht, der Willi-Daume-Platz. Schmucklos, aber immerhin mitten auf dem Münchner Olympiagelände findet man ihn, zwischen See, Turm und Eissportzentrum. Eigentlich dient er eher als Knotenpunkt all der Wege, die hier zusammenlaufen, mit einem Grünfleck und ein paar Bäumen.

Ein paar Hinweise auf den Namensgeber findet man auf einem kleinen Zusatzschild. Dort ist zu lesen, dass jener Willi Daume Präsident des Organisationskomitees der Spiele von München 1972 war, zudem Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) und Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Eine sehr knappe Zusammenfassung des Lebens und Wirkens von Willi Daume, dieses "Managers des olympischen Traums", wie ihn die SZ in einem Nachruf bezeichnete; dieses "Gestalters und Denkers", als der er in der Hall of Fame des deutschen Sports eingeordnet ist. In jene Ehrengalerie wichtiger Sportpersönlichkeiten war er 2006, zehn Jahre nach seinem Tod, aufgenommen worden.

Daume, Jahrgang 1913, war ein Mann von Einfluss. Er hatte enormen Ehrgeiz und das notwendige Geschick, sich nach oben zu arbeiten. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann seine bemerkenswerte Karriere als Sportfunktionär: Von 1949 bis 1955 war er Präsident des Deutschen Handball-Bundes, wurde 1950 zusätzlich zum Vorsitzenden des Deutschen Sportbundes gewählt. Eigentlich wollte man ihn nur vorübergehend als Kompromisslösung, doch Daume blieb 20 Jahre lang. 1961 wurde er NOK-Chef und hatte dieses Amt mehr als 30 Jahre inne, bis 1992. Höhepunkt seines Schaffens waren die erfolgreiche Bewerbung um die Olympischen Spiele 1972 in München und deren Organisation. Doch Glück und Unglück, Erfolg und Misserfolg waren in Daumes Dasein stets Gefährten: Das Attentat auf die israelische Mannschaft und die missglückte Befreiungsaktion zur Rettung der Geiseln auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck war einer der Tiefpunkte während seiner Karriere.

Die Zeit fasste die Beziehung des gebürtigen Rheinländers zu den Spielen 1972 einmal so zusammen: "Daume hat das Milliardending angezettelt und durchgezogen, er ist dafür gepriesen und gescholten worden, er hat sich vom Zeltdach bis hin zum Miederteil am Dirndlkleid einer nachmaligen schwedischen Königin um buchstäblich alles gekümmert, und seine Umwelt an den Rand der Verzweiflung getrieben. Neun Tage lang wallte er auf olympischen Höhen, dann stand er vor sechzehn Särgen und - scheinbar - vor den Scherben."

Doch der Erbe einer Eisengießerei in Dortmund, die er nach dem Tod des Vaters 1938 im Alter von 25 Jahren übernommen hatte, behielt sein Ziel immer im Blick: IOC-Präsident wollte er werden und hätte vermutlich bei der Wahl 1980 sogar Chancen gehabt, wäre die Bundesrepublik damals nicht den USA in deren Boykott der Sommerspiele von Moskau gefolgt. Mitgehangen, mitgefangen - Daume erhielt bei der Kampfabstimmung gegen den Spanier Juan Antonio Samaranch gerade einmal sieben von 69 Stimmen.

Diese Niederlage bedeutete eine Wende in Daumes Laufbahn. Auch danach häufte er zwar Ämter an, so stand er drei Jahre lang an der Spitze der Deutschen Sporthilfe, an deren Gründung er selbst Mitte der Sechzigerjahre maßgeblich beteiligt gewesen war. Darüber hinaus war er auch Präsident der Deutschen Olympischen Gesellschaft. Und doch sah er sich zusehends Kritik ausgesetzt, etwa an seiner Haltung zu Doping und seiner Nähe zu den umstrittenen Ärzten Joseph Keul und Armin Klümper, denen immer wieder vorgeworfen wurde, Manipulationen durch unerlaubte Substanzen nicht nur erforscht, sondern auch gefördert zu haben.

Das Berliner Historikergremium, das mit der Aufarbeitung des westdeutschen Dopings zwischen 1970 und 1990 im Spitzensport befasst war, nahm kein Blatt vor den Mund: "Das Fehlen eines Gegensteuerns von Seiten Daumes werten wir als billigende Mitwisserschaft." Die Olympia-Athletin und Doping-Gegnerin Brigitte Berendonk nannte den NOK-Chef 2013 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen "Häuptling und Hohepriester der Doppelzüngigkeit".

Und noch ein anderer Punkt in der Vita des Mannes, der dreimal mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, wirft einen langen Schatten auf sein Lebenswerk: Wie der Spiegel auf Grundlage der Dissertation des Historikers Jan C. Rode 2010 enthüllte, ist Daume während der Nazi-Diktatur nicht nur seit 1937 Mitglied der NSDAP gewesen, sondern hat als Informant für den Sicherheitsdienst der SS gearbeitet. In seiner Eisengießerei sind später 65 Zwangsarbeiter eingesetzt worden; der Jungunternehmer wurde zunächst eingezogen, aber im April 1940 von der Front beurlaubt, weil die Firma ein kriegswichtiger Betrieb war: Sie stellte beispielsweise Panzerketten her. Nach dem Krieg sorgte Daume dann dafür, dass Sportfunktionäre aus der Nazi-Zeit wieder in einflussreiche Positionen kamen. Historiker Rode verwendet ein Daume-Zitat aus dem Jahr 1989: "Hier gab es eine gewisse sportliche Kameradschaft, und auch die Sportführer des Dritten Reiches waren ja ganz sicher keine Kriegsverbrecher oder so. Sie haben sich meist auf den Sport beschränkt."

Zur Zeit von Hitlers Machtergreifung war Daume selbst noch als Athlet aktiv. Seine Sportlerkarriere verlief kurios, alleine schon, weil er in drei unterschiedlichen Disziplinen mehr oder minder erfolgreich war. Für Eintracht Dortmund stellte er einen Vereinsrekord im Hochsprung auf, der noch Jahrzehnte Bestand hatte. Mit einem Sprung über 1,82 Meter flog er elf Zentimeter höher, als er selbst groß war.

Erfolgreich war er mit der Eintracht auch im Feldhandball, als Torwart. Für seine Mannschaft stand er in der Gauliga Westfalen zwischen den Pfosten. Seine Leistungen hätten ihm um ein Haar sogar eine olympische Goldmedaille eingebracht: Das deutsche Team gewann das Turnier in Berlin 1936, Daume allerdings war vor den Spielen wie einige andere deutsche Feldhandballer zum Basketballer umgeschult worden, die Mannschaft war jedoch beim olympischen Turnier (auf einer Tennisanlage im Freien) nicht konkurrenzfähig. Daume blieb ohne Einsatz.

Auch am Ende seines Lebens war von Lorbeer nicht mehr viel übrig: Nachdem sein Unternehmen 1993 wirtschaftlich am Ende war, verbrachte Willi Daume die letzten drei Jahre vor seinem Tod mittellos und nach der Trennung von seiner Familie völlig vereinsamt in einer kleinen Wohnung im olympischen Dorf in München. Nicht weit von jenem Platz entfernt, der seit 1998 seinen Namen trägt.

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Quelle:
SZ vom 05.03.2020
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