Volleyball Zwischen den Welten

Artem Sushko.

(Foto: imago)

Herrschings Außenangreifer Artem Sushko hat einen Vertrag bis 2021 - aber kein Visum, um seine Familie in der Ukraine zu sehen.

Von Katrin Freiburghaus, Herrsching

Südkorea, sagt Fritz Frömming, sei kein Land, aus dem Volleyballer in Topform wiederkämen. "Das ist eine ganz andere Welt, und die machen Spieler kaputt", sagt der Teammanager der WWK Volleys Herrsching über die dortige Profiliga - und relativiert nichts. Artem Sushko, im Sommer aus der kasachischen Liga nach Herrsching gekommen, kurz vor Saisonbeginn nach Südkorea weitergewechselt und im Dezember zurückgekehrt, ist keine Ausnahme. Nach seiner zweiten Verletzung war sein Vertrag in Asien aufgelöst worden. "Es war eine Erfahrung", sagt der 25-Jährige über sein Intermezzo, "wenn auch keine sehr gute." Sushko ist nicht wütend, er sei lediglich froh, nun wieder in Herrsching zu spielen.

Wenn Verträge unerwartet enden, melden sich die meisten Spieler bei ihren Beratern, der modernen Homebase des Profibetriebs. Sushko schrieb - wie bereits vor seiner Verpflichtung im Sommer - den Herrschingern. "Ich habe gefragt, ob ich wiederkommen darf, und sie haben gesagt, dass sie auf mich warten", erzählt er. Seinen zweiten Anlauf am Ammersee begann der 2,02 Meter große Außenangreifer mit einer Trainingspause und der Unterschrift unter einem Vertrag bis 2021, mit Option auf ein weiteres Jahr. Aus Sicht seines Trainers Max Hauser war das weder riskant noch ein Widerspruch. Bereits im Sommer sei "schnell klar gewesen, dass wir auf einer Wellenlänge liegen", sagt Hauser, "das passt einfach".

Sushko ist nicht laut, diese Rolle bekleiden andere beim Erstligisten. Seine Abschlaghöhe von mehr als 3,60 Metern hat er dagegen exklusiv, sie soll ihn zu einem effektiven Mann gegen hohe Blockspieler machen, wie sie Berlin an diesem Samstag (19 Uhr, Nikolaushalle) auf der anderen Netzseite stellen wird. Dass Sushko mit seinem "großen Talent" laut Frömming "manchmal noch etwas unachtsam umgeht", wertet er eher als Argument für eine langfristige Zusammenarbeit als dagegen. Auch Hauser betrachtet den Angreifer trotz seines Alters als Spieler mit Perspektive: "Der ist gerade bei 50 Prozent", sagt er.

Vor allem aber passt Sushko in Hausers Teamkonzept. Es gibt eine einfache Regel in Mannschaftssportarten: Entweder stehen so viele Ausnahmekönner im Kader, dass die individuelle Klasse alles kompensiert, oder es nehmen sich alle so weit zurück, dass ein homogenes Gefüge entsteht. Es ist nicht so, dass die Herrschinger eine Wahl hätten - die erste Variante können sie sich wie die meisten Bundesligisten nicht leisten. "Ich hatte schon Spieler, die nur auf ihre Scorerliste geschaut haben, aber die waren nicht lange hier", sagt Hauser deshalb. Diese Gefahr besteht bei Sushko nicht, der über russischen Volleyball sagt, dass ihn dort vor allem der Ärger mit Mitspielern nach misslungenen Aktionen störe.

Bei so viel Zufriedenheit bot die Rückkehr des verlorenen Sohns feinsten Stoff für ein Weihnachtsmärchen. Doch das Problem an Märchen ist, dass sie alles verschweigen, was ein perfektes Ende verdürbe. Zum Leben von Sushko gehört auch, dass er seit dem Jahreswechsel ohne seine Frau und seinen kleinen Sohn in Herrsching ist, weil sie lediglich ein Besuchervisum hatten. Man kann sich vorstellen, was das für einen Spieler bedeutet, der sich garantierte Familienausflüge in seinen Vertrag schreiben lässt. "Diese Visum-Geschichten mit Russland sind eine Katastrophe", sagt Hauser, der hofft, dass die Familie von kommendem Sommer an gemeinsam in Herrsching wohnt.

Sushkos Fall liegt aber noch komplizierter, denn er ist auf der Krim in der Ukraine geboren. Seit der Annexion der Halbinsel durch Russland ist er russischer Staatsbürger, während Frau und Kind unverändert Ukrainer sind und auch in der Ukraine wohnen. Seit Ende 2018 gelten für russische Männer verschärfte Einreiseregeln bis zum Verbot des Grenzübertritts zur Ukraine. "Die denken, dass ich da in den Krieg ziehen will", sagt Sushko so ruhig, wie er alles sagt. "Das ist verrückt."

Seit sieben Wochen ist Sushko nun wieder in Herrsching. Nach dem Training lehnt er an der Turnhallenwand und schaut auf seine Mitspieler - Menschen aus sechs Nationen, von drei Kontinenten, die so gar nicht zu dem passen wollen, wovon er gerade spricht. Dann zuckt er mit den Schultern und sagt: "Es ist Politik, was willst du machen?", als sei das eine Art Parallelwelt zu jener, in der er am Samstag gegen Berlin spielen wird. Er ist auch jetzt nicht wütend. Aber beim Abklatschen im Kabinengang ist Artem Sushko deutlich anzusehen, welche Welt ihm lieber ist.