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Volleyball:Raubritter im Recyclingland

Berlin Deutschland 25 11 2017 Jubel nach dem Spiel v li Nicolai Grabmüller Grabmueller Herrs

Nicolai Grabmüller, Tim Peter, Ferdinand Tille, Tom Strohbach (v. li.) knien vor Trainer Max Hauser nach dem Sieg 2017 in Berlin.

(Foto: imago/Sebastian Wells)

Herrsching rechnet sich eine 30-Prozent-Chance beim Pokal-Halbfinale in Berlin aus. Auch weil der Klub vom Ammersee den Meister schon einmal auswärts bezwungen hat.

Vor knapp einer Woche lud der König vom Ammersee wie vor Heimspielen der WWK Volleys Herrsching üblich zur Showeinlage: Zuschauen musste der VfB Friedrichshafen, Volleyball-Rekordmeister mit Millionenetat und nicht sonderlich gemütlicher, aber immerhin großer Halle. Des Königs Hofstaat, eine Breakdance-Gruppe, schleppte ein paar Müllsäcke herein. Angeblich enthalten: das vom Konkurrenten geraubte Geld. Im Fall der zu vergebenden Bundesliga-Punkte, kündigte der majestätisch gewandete Hallensprecher an, werde man ebenso verfahren. Mit zwei von drei Zählern gelang das sogar - Herrsching fügte dem VfB die erste Liga-Niederlage zu. Dabei hatte Trainer Max Hauser die Chancen dafür auf "ungefähr 30 Prozent" geschätzt, "angesichts unserer Krankheitsfälle vielleicht nur 20".

Diese Zahl ist deshalb interessant, weil sie auch Hausers Chancenkalkulation für den kommenden Sonntag (15 Uhr) ist, wenn Herrsching zum Pokal-Halbfinale beim ungeschlagenen Tabellenführer in Berlin antritt. "Das ist nicht viel, aber im Pokal muss man das auch mal nutzen", sagt Hauser. Zumal Herrsching der K.-o.-Charakter des Wettbewerbs liegt. Die Partie im Norden ist die dritte Halbfinalteilnahme binnen vier Jahren.

"Volleyball braucht mal wieder eine Sensation", sagt Max Hauser

In der Hauptstadt regiert kein König, sondern ein Zar: Der russische Ausnahme-Zuspieler Sergej Grankin, der das Niveau der Berlin Recycling Volleys noch einmal auf eine neue Stufe gehoben hat. Die Herrschinger haderten damit, dass sie ausgerechnet beim stärksten verbliebenen Team um das Ticket fürs Finale in Mannheim kämpfen müssen, während sich im zweiten Halbfinale Düren und Rottenburg gegenüberstehen - zwei Gegner, die sie in dieser Saison bereits bezwungen haben.

Daran, dass die Partie weder in Herrsching stattfinden noch von Herrsching ausgerichtet werden würde, bestand dagegen schon vor der Auslosung kein Zweifel. Der Grund dafür ist nicht neu, die oberbayerischen Ritter haben keine angemessene Burg. Sofern sie keine Ersatzspielstätte finden, müssen sie vom Pokal-Halbfinale und dem Playoff-Viertelfinale in der Fremde auf Beutezug gehen. Wären sie bei der Auslosung nicht sowieso als Auswärtsteam gelost worden, hätte die Spielleitung eingegriffen. Denn die Halbfinals werden als Konferenz im Free-TV zu sehen sein - das geht nur mit den entsprechenden Rahmenbedingungen am Spielort.

Da Herrschings Nikolaushalle weder regelkonform noch fernsehtauglich ist, wäre eine Ausweichhalle nötig gewesen. Die ließ sich auf die Schnelle aber nicht finden. Von der Spielhalle des Frauenerstligisten Vilsbiburg über eine umbaubare Eishalle in Regensburg bis zu einer unter Denkmalschutz stehenden Arena in Augsburg, in die aus Brandschutzgründen aber nur knapp 200 Zuschauer dürfen, klopften die Herrschinger an jede Menge Tore - erfolglos. Am Ende nahm ihnen das Lospech immerhin den Ärger darüber ab, selbst schuld am Auswärtsspiel zu sein. Denn bei einem Heimlos hätte eine seit zwei Jahren bestehende Regelung der Liga gegriffen und Herrsching wegen der untauglichen Halle automatisch auf auswärts gesetzt.

Uneinnehmbar ist die Festung Berlin erwiesenermaßen nicht. Vor zwei Jahren bezwang Herrsching den Favoriten in der Max-Schmeling-Halle im Viertelfinale. In der laufenden Saison haben die Hauptstädter zu Hause allerdings noch keinen Satz abgegeben. "Es kann also sehr schnell gehen", sagt Herrschings Geschäftsführer Fritz Frömming, "aber die Jungs sind motiviert, nach dem Sieg gegen den VfB sowieso." Hauser findet die Ausgangslage zudem dramaturgisch reizvoll. "Wenn wir das gewännen, würde das in die Geschichte passen", sagt er, und fügt hinzu: "Es sind sich doch alle einig, dass Volleyball mal wieder eine Sensation braucht, in der das kleine Herrsching den Pokal holt." Einzig die Berliner müssen womöglich erst noch überzeugt werden.