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Volleyball:Liebe auf den zweiten Klick

Herrschings 18 David Matthew WIECZOREK. Volleyball, Herrsching - Unterhaching, Bundesliga, Saison 2020-2021, am 20.2.20

"Er ist super trainierbar, hört gut zu, will Feedback und besser werden", sagt sein Trainer über Dave Wieczorek. Der 25-Jährige fühlt sich am Ammersee "großartig".

(Foto: Oryk Haist/Imago)

Nach dem glatten Derby-Sieg gegen Unterhaching ist Herrschings Ausgangslage für die Playoffs gut. Beim 3:0 spielt sich einer in den Vordergrund, der bislang wenig Glück hatte: Außenangreifer Dave Wieczorek. Sogar den Föhn weiß der Amerikaner mittlerweile positiv für sich zu deuten.

Von Katrin Freiburghaus, Herrsching

"Awesome", also ,genial' oder ,großartig' sei es am Ammersee, sagt Dave Wieczorek. Und es ist nicht so, dass der US-amerikanische Außenangreifer nicht schon ein paar nette Flecken Erde gesehen hätte. "Es gibt nicht viele Orte, die es mit Malibu aufnehmen können", sagt er etwa über seine College-Jahre an der Pepperdine University, wo er mit einem Volleyball-Stipendium Sportmanagement studierte. Seine Heimat Chicago liegt am Lake Michigan, einem Binnensee, so groß, dass man ihn für ein Meer halten könnte. "Aber wir haben halt keine Alpen auf der anderen Seite", sagt Wieczorek.

Und keinen Föhn. Die Eingewöhnung bei den WWK Volleys in Herrsching fiel ihm leicht, nur den Föhn, den verstand er nicht. "Ich hab ihm zu erklären versucht, dass hier alle schlechte Laune haben, wenn besonders schönes Wetter ist und man die Alpen sieht", sagt sein Trainer Max Hauser. Erst kurz vor dem Derby in Unterhaching am vergangenen Samstag habe es klick gemacht. "Er hatte drei Tage lang Kopfschmerzen", berichtet Hauser - seitdem fühle sich der 2,02-Meter-Mann als echter Bayer. Diese Identifikation ist mehr als eine Masche. Wieczorek lässt kaum eine Möglichkeit aus zu betonen, wie gerne er in Herrsching spielt. Das glatte 3:0 (25:20, 25:22, 25:22) gegen den überforderten TSV Unterhaching dürfte Wieczoreks Euphorie nicht geschmälert haben.

Diese Euphorie hat mit seinem ersten Profi-Jahr in Giesen zu tun. Er war unglücklich auf seiner ersten Auslandsstation, fühlte sich nicht angenommen und von seinem damaligen Berater verschaukelt. "Mir wurden eine Menge Dinge versprochen, die nicht zutrafen", sagt er, "aber diese Erfahrung ist bei Amerikanern im ersten Jahr sehr verbreitet. Wir kommen frisch vom College und kennen die Abläufe nicht." Viele seiner Landsleute kämen nach ihrer ersten Sommerpause gar nicht erst nach Europa zurück. "Ich bin froh, dass ich es gemacht habe. Mein Wechsel nach Herrsching war eine totale Kehrtwende", sagt Wieczorek, der den Transfer diesmal ohne Agent selbst eintütete. Seitdem: alles "awesome".

Dabei verlief die Saison für ihn sportlich nicht optimal. Wie alle Amerikaner kam er wegen des schärferen Lockdowns in Übersee mit Trainingsrückstand an und verletzte sich zwei Wochen vor dem Auftakt am Bauchmuskel. Er belastete zu früh, erlitt einen Rückfall und fiel für die Hinrunde fast komplett aus. Er arbeitete in dieser Zeit an der Annahme, seiner anfangs größten Schwäche, und bescheinigt sich selbst einen "riesigen Sprung". Auch Hauser ist zufrieden mit seinem Last-Minute-Transfer.

"Ich weiß ich nicht, wer da jetzt Glück hatte, er oder wir - ich glaube, beide", sagt Trainer Max Hauser

Eigentlich war sich Herrsching im Frühjahr bereits mit einem ägyptischen Angreifer einig gewesen, für den während der Pandemie aber kein Visum zu bekommen war. Mit Wieczorek hatte Hauser während der Saison lose Kontakt gehabt, wusste, dass er noch zu haben war, und so ging es schnell. "Ich weiß nicht, wer da jetzt Glück hatte, er oder wir - ich glaube, beide", sagt Hauser. Er lobt Wieczorek als "positiven Typ": "Er ist super trainierbar, hört gut zu, will Feedback und besser werden." Es sei hart gewesen, ihn trotzdem so lange auf der Bank zu lassen.

Der 25-Jährige selbst steckte das gut weg. Jori Mantha, Tim Peter und er seien "etwa auf einem Level - aber ich bin eben der Neue", sagt er; sich in eine funktionierende Startsechs zu spielen, ist nicht einfach. "Ich unterstütze die, die spielen", sagt er, "aber wenn ich meine Chance bekomme, will ich Max die Entscheidung, mich wieder draußen zu lassen, natürlich so schwer wie möglich machen." Gegen Unterhaching wurde er diesem Anspruch gerecht. Seine Annahme landete zu 75 Prozent dort, wo sie hin sollte, hinzu kam die höchste Punkteausbeute auf dem Feld, verteilt auf vier Asse, drei sogenannte Killblocks und sieben erfolgreiche Angriffe. In einer für Hauser in puncto Aufschlag "schwer erträglichen" Partie war Wieczorek Herrschings einziger Ausreißer nach oben.

Durch die drei Punkte aus dem Derby stehen die Chancen auf Platz vier oder fünf vor den Playoffs nun gut. Drei Spiele sind in der Hauptrunde noch zu absolvieren. Ob Herrsching sein Viertelfinale in der Nikolaushalle oder im Audi Dome spielt, hängt davon ab, ob es ein TV-Spiel wird oder nicht, und davon, ob die Sponsoren mitziehen. Vorgeschrieben ist der Umzug angesichts leerer Tribünen nicht. Die sind mutmaßlich das einzige, was Wieczorek in seinem zweiten Jahr in Deutschland stört. "Ich vermisse die Fans, obwohl ich noch nie vor ihnen gespielt habe", sagt er. Auf sein Urteil muss der Herrschinger Fanblock also noch warten. Eine Prognose drängt sich allerdings auf: "awesome", was sonst?

© SZ/sjo
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