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Volleyball:Emotion? Konzentration!

"Er hat einen guten Musikgeschmack, was der Trainer sehr genießt": David Wieczorek, hier im Angriff gegen Hachings George Alexandru Zahar, steht auf Gitarrenrock.

(Foto: Claus Schunk)

Herrschings eigentlich so heißblütige Volleyballer fegen Unterhaching im Derby in 68 Minuten frostig-effizient vom Feld. Der US-amerikanische Außenangreifer David Wieczorek ragt dabei heraus.

Von Sebastian Winter, Unterhaching

Am Freitag in aller Herrgottsfrühe waren Herrschings Volleyballer in die Heimat zurückgekehrt, noch immer übermannt von ihren Emotionen. Die 2:3-Niederlage im Pokalhalbfinale in Potsdam gegen Königs Wusterhausen hatte Spuren hinterlassen: 2:0-Satzführung, vier Matchbälle, so groß war die Chance noch nie gewesen, zum ersten Mal in ein Finale einzuziehen. Doch nach zweieinhalb Stunden Spielzeit saßen die Herrschinger desillusioniert am Boden, das Ergebnis war amtlich, alle Proteste beim Schiedsgericht über strittige Entscheidungen auch beim Matchball umsonst.

Solche Niederlagen können höchst lehrreich sein, manchmal geistern sie aber noch Monate später in den Köpfen der Spieler herum und werden zur erdrückenden Last. Weil eben eine Chance vertan wurde, die nicht so oft kommt im Leben. Man erinnere sich nur daran, wie Patrick Steuerwald und Ferdinand Tille im Januar 2016 mit den deutschen Volleyballern in Berlin hauchdünn die Olympiaqualifikation verpassten - es wäre die erste für die beiden damaligen Nationalspieler gewesen. Das Duo, das damals gemeinsam für Herrsching spielte, stand in den Wochen danach komplett neben sich, frustriert von der verpassten Möglichkeit, an einem solchen Großereignis teilzunehmen.

Alles unter 70 Minuten Spielzeit gilt im Volleyball als veritable Demütigung. Herrsching benötigt zwei weniger

Herrschings Trainer Max Hauser hatte daher eindringlich vor dem Derby beim Vorletzten Unterhaching gewarnt, auch wenn er nicht in die Köpfe der Spieler blicken konnte. Am Sonntag wurde dann aber im Münchner Süden sehr schnell klar, dass da keine lethargische Gästemannschaft auf dem Feld steht. Tille und seine Kollegen spielten die Partie derart souverän herunter, dass bei ihrem 3:0 (25:16, 25:15, 25:22)-Erfolg auf dem Feld nicht mal annähernd so etwas wie aufgeheizte Derbystimmung zu spüren war. "Ich bin Emotionen gewohnt, wenn es um Herrsching geht. Aber die haben sie heute gar nicht gebraucht", sagte Steuerwald, der inzwischen Unterhachings Trainer ist.

Alles unter 70 Minuten reiner Spielzeit gilt im Volleyball als veritable Demütigung, die Herrschinger benötigten 68 für ihren sechsten Sieg im neunten Ligaspiel. Sie halten dadurch als Tabellenvierter weiterhin Anschluss zu Friedrichshafen, Düren und Berlin. Währenddessen liefern sich die juvenilen Hachinger, was zu erwarten war, diese Saison ein Privatduell mit den anderen Junioren vom VC Olympia Berlin um den letzten und vorletzten Platz.

"Wir standen uns oft selber im Weg, unser Angriff war superschlecht. Das ist ein Rückschlag", sagt Steuerwald

Erwartet hatte sich Steuerwald im Derby allerdings auch mehr Gegenwehr. "Wir standen uns oft selber im Weg, waren zu wenig aggressiv. Unser Angriff war heute superschlecht, dazu kamen unglückliche Entscheidungen im Zuspiel. Das ist ein Rückschlag. Der wirft uns nicht um, aber heute bin ich erstmal bedient", sagte der Coach. Am Montag fand er nach der statistischen Aufarbeitung weitere Details. So sei die "Killquote" bei guter Annahme im Vergleich zu besseren Mannschaften, die im Schnitt zwei von drei Angriffen erfolgreich beenden, um 20 Prozent geringer. Über fehlenden Aufschlagdruck könnte Steuerwald inzwischen ohnehin ganze Referate halten.

Herrsching hingegen hat nach dem so bitteren Ende im Pokal eine höchst professionelle Reaktion gezeigt - und von seinem ausgeglichenen Kader profitiert. Denn Hauser rotierte, er stellte Blocker Iven Ferch und Außenangreifer David Wieczorek anstelle von Luuc van der Ent und Jori Mantha aufs Feld. Ferch spielte ordentlich, Wieczorek gar so gut, dass Steuerwald ihn später zum gegnerischen MVP kürte. Drei Blocks, drei Asse und insgesamt 15 Punkte gelangen dem vollbärtigen US-Amerikaner, den die Herrschinger erst vier Wochen vor dem Saisonstart als dritten Außenangreifer hinter Tim Peter und Jori Mantha verpflichtet hatten.

Herrschings MVP Wieczorek macht sein bestes Spiel. Inzwischen hat sich der Mann aus Chicago am Ammersee eingelebt

Sein Diagonalspieler Jalen Penrose hatte Hauser den Tipp gegeben, dass Wieczorek, der vergangene Saison in Giesen unter Vertrag stand, auch im Spätsommer noch nach einem Verein sucht. Wie Penrose war auch Wieczorek nicht der Fitteste, als er nach dem US-Lockdown in Herrsching ankam. Wegen eines Ödems im Bauchmuskel, das ihn noch immer behindert, verpasste der 24-jährige und 2,02 Meter große Mann aus Chicago danach einige Spiele. Aber inzwischen hat sich durch viel Individualtraining seine Annahme stabilisiert. Block und Angriff sind ohnehin seine Stärken.

"Dave ist ein positiver, sehr kommunikativer Typ", sagt Trainer Hauser, "außerdem hat er einen guten Musikgeschmack, was der Trainer sehr genießt." Denn Hauser und Wieczorek fahren zu Auswärtsspielen meist im selben Auto. Über Weihnachten werden Wieczorek und Penrose trotz der Spielpause wohl in Herrsching bleiben (müssen), die Heimreise in die USA lohnt sich für sie wegen der Quarantänebestimmungen nicht. Allein gelassen würden sie aber nicht, sagt Hauser. Mit Wieczorek, erzählt er, habe er sich schon zum Gitarre spielen verabredet. Rock steht dann auf dem Programm, was in jedem Fall spannender werden dürfte als das Derby vom Sonntag.

© SZ/lib
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