Volleyball Der Springer vom Plakat

Herrsching ringt Frankfurt nach einem Stotterstart im Tiebreak zwei Punkte ab - dank der Einwechslung von Nicholas West auf seiner Lieblingsposition.

Von Katrin Freiburghaus, Herrsching

Anderthalb Sätze waren am vergangenen Samstagabend gespielt, als Max Hauser seine WWK Volleys Herrsching beim Stand von 12:14 sehr bestimmt zur Auszeit bat - um sie dann ansatzlos anzubrüllen. Worum es inhaltlich ging, war nicht zu verstehen, Hauser aber auch "gar nicht so wichtig". Entscheidend sei das Wie gewesen: "absichtlich übertrieben". Denn was der Coach an zu viel Emotionalität in seine Ansprache legte, bot sein Team in der Bundesliga-Partie gegen die Volleyballer aus Frankfurt zunächst zu wenig. Nach dem unnötig klar verlorenen ersten Satz spielte Herrsching ähnlich ängstlich weiter und bremste jeden Anflug von guter Stimmung mit eigenen Fehlern wieder aus; es war, als würden sie ständig versuchen, Fahrt aufzunehmen, dann aber an jeder Kreuzung an der roten Ampel stehen.

Hauser mochte seinen Versuch, "die negativen Emotionen auf mich zu nehmen", am späteren Abend nicht überbewerten, das Ergebnis von 3:2 (21:25, 25:21, 26:24, 20:25, 15:11) legt aber die Vermutung nahe, dass es nicht die schlechteste Idee gewesen war. "Das war wichtig in der Situation", bestätigte Zuspieler Johannes Tille, der eine starke Partie spielte und seinen Frust in der schwierigen Startphase trotz seiner erst 21 Jahre noch am besten im Griff hatte. "Wir waren sehr unzufrieden, weil wir Angst hatten, in den Block zu hauen, obwohl wir höher waren als die", stellte er fest, "und als es nicht lief, war auch das Spiel gegen Friedrichshafen ein bisschen zurück im Kopf."

Vielseitig, unbekümmert und zum ersten Mal wieder schmerzfrei: Herrschings US-Amerikaner Nicholas West überzeugt als Diagonalspieler.

(Foto: imago/Oryk Haist)

Dieses hatte Herrsching während der Woche verdient mit 0:3 verloren. Dasselbe Ergebnis wäre gegen Frankfurt mehr als ärgerlich gewesen, denn Herrsching stand sich mit seinem Respekt vor dem nominell stark besetzten Tabellenfünften zu Beginn tatsächlich in erster Linie selbst im Weg. "Die Mannschaft strotzt nicht vor Selbstvertrauen, meine Spieler sind sehr jung, viele haben noch nie voll gespielt", sagte Hauser. Zumal Kapitän und Routinier Lukas Bauer zwar wieder dabei war, nach seiner Knöchelverletzung aber noch nicht spielte. An seiner Stelle bot Hauser Norbert Engemann im Mittelblock auf, und nicht wie zuletzt Nicholas West, denn der US-Amerikaner wurde an anderer Stelle gebraucht.

Beim Stand von 0:3 im zweiten Durchgang kam er für Diagonalangreifer Griffin Shields ins Spiel, den sich Frankfurt vorab sehr genau angeschaut hatte und im Angriff fast komplett kaltstellte. West brachte die Unbekümmertheit mit aufs Feld, die seinen Mitspielern zu diesem Zeitpunkt abging, was nicht ausschließlich an seiner ohnehin extrovertierten Art lag. Der US-Amerikaner war im Sommer als Mittelblocker aus der schwedischen Liga an den Ammersee gewechselt, wird von Hauser aber als Diagonalangreifer geführt und auch als solcher eingesetzt - es sei denn, es verletzt sich ein Mittelblocker wie zuletzt Bauer. Seither trainiert West also beide Positionen und spielt sie auch. Gegen Frankfurt war ihm die Freude über den Einsatz auf seiner Wunschposition von Beginn an deutlich anzusehen - es war nicht zweifelsfrei festzustellen, ob er bei seinen Angriffen oder den anschließenden Jubelhüpfern höher sprang.

Nach zähem Beginn: Alpenvolleys sichern sich 3:0-Pflichtsieg

Sie haben sich doch ein wenig schwer getan, die Alpenvolleys Haching, zumindest im ersten Satz. Am Sonntagabend hatten sie den VCO Berlin zu Gast, eine klarere Favoritenrolle in der erste Liga kann es kaum geben: Der Tabellenführer empfing den abgeschlagenen Letzten, der bislang ganze fünf Punkte und nur einen Sieg in 14 Partien gesammelt hat. Aus Berliner Sicht war das 23:25, mit dem der Außenseiter den ersten Durchgang nur verlor, also ein Erfolg. Aber natürlich haben die Hachinger ihren Auftrag dann doch erfüllt. Das 3:0 (25:23, 25:16, 25:16) klang am Ende fast standesgemäß. Andreas Liebmann

Diese Art der Showeinlage gehört zu Wests Spiel. Sein Trainer habe ihm bei der Einwechslung "spring hoch, schlag hart und feier' es ab" mit auf den Weg gegeben, sagte er - und erfüllte diesen Auftrag mit 20 Punkten in nicht einmal vier Sätzen souverän. "Genau das haben wir gebraucht", lobte Tille, "er hat erstens Energie reingebracht und zweitens die Eier gehabt, richtig draufzuhauen." Fortan wirkten auch die anderen Angreifer mutiger. In Stimmungs- und Marketingfragen ist West ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Hauser hatte sich in diesem Punkt bereits im Herbst festgelegt und gesagt: "Der kommt bei uns auf jedes Plakat."

Mit voranschreitender Saisondauer häufen sich nun auch die spielerisch starken Arbeitsnachweise des 27-Jährigen, der zu Jahresbeginn mit Schulterproblemen gekämpft hatte und gegen Frankfurt nach eigener Aussage "zum ersten Mal wieder richtig schmerzfrei" war. "Der hat uns in Düren das Spiel in der Mitte mit gewonnen und heute nicht das erste auf Diagonal", sagte Hauser, der trotzdem jede Menge Arbeitsbedarf sieht. Für den Einsatz auf der Diagonalposition sei Wests Abwehrleistung eigentlich nicht ausreichend, in der Mitte hapere es beim Block.

Das bedeute allerdings nicht, dass sich der 2,03-Meter-Schlaks festlegen müsse, findet Hauser. "Für mich ist es sehr angenehm, einen Spieler zu haben, der zwei Positionen spielen kann", sagte er, "ich will ihn ja genau deswegen und nehme dann auch gerne zehn Prozent von der Leistung weg." Zum Selbstbewusstsein der Mannschaft dürften am Samstag nach zuletzt zwei Niederlagen wieder ein paar Prozente hinzugekommen sein. "Dafür war das heute eine wirklich große Sache", urteilte West. Dann hüpfte er federnd davon, um weitere Gratulationen für seine erste Auszeichnung als wertvollster Spieler des Gewinner-Teams entgegenzunehmen.