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Volleyball-Bundesliga:Kaiser im Käfig

Kurz nach dem dramatischen Pokalsieg in Unterhaching gewinnt Herrsching das Liga-Heimspiel gegen die Alpenvolleys klar. TSV-Trainer Hauser verhandelt derweil mit einem Außenangreifer aus den USA.

Von Sebastian Winter, Herrsching

Es ist eine Eigenart von Max Hauser, dass er nach Heimspielen in der Nikolaushalle zum Pressegespräch immer in eine Umkleidekabine bittet. Der Trainer von Herrschings Erstliga-Volleyballern ist dort nicht so abgelenkt wie auf oder neben dem Feld, das die Helfer dann eilig abbauen. Außerdem dröhnte am Samstag der Bayerisch-Rock der Band Himmel, Arsch und Zwirn so laut durch die Boxen, dass man ohnehin kaum mehr sein eigenes Wort verstand. Also ab in die Umkleidekabine, wo Hausers erste beiden Sätze lauteten: "Ich bin erstaunt. Ich hätte nicht gedacht, dass wir so aus der Woche gehen."

Der TSV schlägt zehn Asse - den viel zu zaghaften Alpenvolleys gelingen nicht mehr als drei

Die Herrschinger haben die Woche mit zwei Siegen gegen die Alpenvolleys aus Innsbruck beendet, dem dramatischen 3:2-Pokalachtelfinal-Erfolg vom Mittwoch in Unterhaching folgte am Samstag in der prall gefüllten Nikolaushalle ein fast schon lässiges 3:1 (25:19, 25:22, 20:25, 25:17) im Ligaspiel. Zwei Siege binnen drei Tagen gegen das so stark in die Saison gestartete Volleyballprojekt aus Oberbayern und Tirol - der Klub vom Ammersee hat dem Neuling zumindest in diesen Novembertagen seine Grenzen aufgezeigt.

Schon vor der Partie hatte der Klub vom Ammersee den 1000 Zuschauern mal wieder beste Unterhaltung geboten. Beim üblichen Vorspiel zog Herrschings bayerischer König den österreichischen Kaiser in einem Käfig hinter sich her, der Gefangene hielt ein Schild mit der Aufschrift "Tausche Punkte gegen Bier" in die Höhe - eine Anspielung auf das Pokalspiel in Unterhaching, bei dem der Gerstensaft recht zügig ausgegangen war. Das Tauschgeschäft klappte dann wunderbar, im Sinne der viel zu respektvoll spielenden und am Ende konsternierten Alpenvolleys war es aber dennoch nicht. "Wir waren vielleicht ein bisschen zu vorsichtig im Aufschlag", fand Alpenvolleys-Sportdirektor Mihai Paduretu, und lobte seine einstigen Zöglinge bei Unterhachings Profis und jetzigen Herrschinger Schlüsselspieler Tom Strohbach und Ferdinand Tille: "Wenn Tille und Strohbach weiterhin so annehmen, dann werden in Herrsching nicht viele Mannschaften gewinnen in dieser Saison."

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Annahme und Abwehr des TSV behielten stets den Überblick – teils mit spektakulären Aktionen wie hier der Rettungstat von Tom Strohbach (re.).

(Foto: Oryk HAIST/imago)

Früh zeichnete sich dagegen ab, dass die Alpenvolleys massive Probleme in der Annahme bekommen würden in diesem Duell. Ihrem Außenangreifer Igor Grobelny unterliefen dort im ersten Satz schnell zwei direkte Fehler, die Herrschinger zogen danach auf 10:6 davon. da begann das Drama für die Alpenvolleys erst: Bei Herrschings Punkt zum 18:15 überstimmte der Schiedsrichter seinen Linienrichter, beim 19:15 pfiff er einen Aufstellungsfehler der Alpenvolleys - was im Profibereich äußerst selten passiert. Als Tim Peter, der starke Ersatz des am Kreuzband verletzten Polen Slawomir Zemlik, zum 24:19 blockte und Christoph Marks dann auch noch ein Netzroller-Ass zum Satzgewinn glückte, ahnte man schon, dass es der Abend des TSV werden würde.

Der zweite Satz bot dann Spektakel - und noch mehr Frustrierendes für die Gäste. Sie hatten früh geführt und ihren Vorsprung auf 15:10 ausgebaut, weil Herrsching fahrig im Angriff wurde. Doch dann kamen die Schlüsselminuten in diesem Spiel. Die Hausherren holten Punkt für Punkt auf und gingen nach einer großartigen Fußabwehr samt erfolgreichem Angriff mit 16:15 in die Technische Auszeit. Auch Trainer Hauser war an der Seitenlinie kaum mehr zu halten. Dem 20-jährigen Peter gelang danach fast alles. Er blockte und griff so clever an, dass Hauser später sagte: "Tim war heute ein entscheidender Spieler. Ich will ihn nicht zu sehr loben, manchmal steht er noch falsch in der Abwehr, der Block gefällt mir noch nicht so, aber er hat heute absolut wichtige Punkte gemacht." Nebenbei - kurzer Blick in die Statistik - gelangen Herrsching zehn Asse, den Alpenvolleys nur drei. Strohbach und Tille hatten Spitzenwerte in der Annahme, die Mittelblocker Andre Brown (sehr schillernd) und Wilhelm Nilsson (nordisch-ruhig) überzeugten. Diagonalmann Marks war mit 21 Punkten bester Scorer auf dem Feld, und Zuspieler Michal Sladecek, dieses nur 1,79 Meter große Energiebündel, führte glänzend Regie. Trotz ziemlicher Nackenschmerzen, die den 37-Jährigen behinderten. "Das Team funktioniert als Einheit", sagte Hauser, dessen Mannschaft sich im dritten Satz eine Schwächephase leistete, um den vierten Satz dann sehr souverän zu gewinnen.

Die Herrschinger sind nun wieder im Mittelfeld der Liga, die Alpenvolleys nicht mehr im Spitzentrio. Sie können nun gute zwei Wochen ihre Wunden lecken, bevor es zum schweren Auswärtsspiel nach Berlin geht. Herrsching hingegen trifft schon am kommenden Samstag auswärts auf Königs Wusterhausen - mit deren Ex-Nationalspieler Björn Andrae. "Es ist immer schwer dort, und sie haben eine gute Mannschaft", sagt Hauser, der aber womöglich dort schon einen neuen Spieler einsetzen kann.

Denn auf der Suche nach Ersatz für Zemlik sind die Herrschinger offenbar fündig geworden. Sie haben einen US-Amerikaner im Auge, nicht mehr ganz jung, zuletzt hat er offenbar in der finnischen Liga gespielt. Nur letzte finanzielle Modalitäten mussten am Sonntag noch mit seiner Agentin geklärt werden.

© SZ vom 13.11.2017
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